Freiheit für unser Volk!

Wenn dieser Tage der mit zwei Silbernen Bären ausgezeichnete Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ in die Kinos kommt, verbindet sich damit die Hoffnung, daß ein historisch authentischeres Porträt der Widerstandsgruppe Weiße Rose Einzug ins öffentliche Bewußtsein hält. Die erste Kinoverfilmung des Stoffes, Michael Verhoevens „Die Weiße Rose“ (1982), stand dagegen ganz im Zeichen einer Instrumentalisierung des historischen Wirkens der Geschwister Scholl zu aktuellen politischen Zwecken: die Vermengung des Widerstands gegen den Terror des NS-Regimes mit einem bundesrepublikanischen „Widerstand“ gegen Atomkraft und Raketen. Zum persönlichen Schicksal, das die Widerständler der Weißen Rose mit Verfolgung, Haft und Todestrafe traf, kommt die Banalisierung ihres Andenkens. Wenn sie heute nur noch als Beispiele für eine diffuse „Zivilcourage“ herhalten müssen, gerät die geistige Substanz der Weißen Rose ins Hintertreffen. Ihre intellektuell hochstehenden, von umfassender philosophischer Bildung und christlicher Überzeugung durchdrungenen Mitglieder repräsentieren vielmehr das Gegenstück zu dem, was der „Aufstand der Anständigen“ heute verlangt: Gleichschaltung und Anpassung. Ihrem Selbstverständnis nach war die Weiße Rose elitär, war „Bund“ gegen „Masse“, bestand aus den „Auserwählten“, wie es einer von ihnen, Alexander Schmorell, formulierte. In einer der ersten Gedenkreden – im November 1945 – stellte der katholische Philosoph Romano Guardini fest, wie unverständlich der durchschnittlichen Denkweise „die Gesinnung eines von geschichtlicher Stunde Gerufenen (ist), der tut, was sie fordert, auch wenn er dabei untergeht“. Die vom realistischen Standpunkt gesehen „ohnmächtige“ Tat der Geschwister Scholl und ihrer Mitstreiter, so resümierte Guardini, sei ein „Symbol menschlichen Adels“; genau dies kann eo ipso „Zivilcourage“ en masse nicht sein. Der Historiker Rudolf Lill wies vor einigen Jahren bereits auf die „Umbrüche“ im Gedenken an den Widerstand seit den späten sechziger Jahren hin. Seitdem habe eine Distanzierung eingesetzt, „die sich als kritisch begriff, aber weitaus mehr auf der Leidenschaftlichkeit eigenen Veränderungswillens als auf historischem Sinn beruhte“. Kernbestandteile dieses Phänomens seien die verstärkte „Politisierung“ des Widerstandsbegriffs und die Verschiebung von der ideen- zur sozialgeschichtlichen Methode gewesen. Und im Ergebnis, so Lill, erweckte man „den falschen Eindruck, daß Widerstand im wesentlichen nur von der Linken geleistet worden sei“. Wer diesem Eindruck entgegenzutreten versuchte, mußte nicht selten mit buchstäblich handfesten Auseinandersetzungen rechnen. Als der Historiker Walter Bußmann 1968 an der Münchener Universität seinen Festvortrag anläßlich des 25. Jahrestages der Hinrichtung der Weiße-Rose-Mitglieder hielt, wurde er von „Achtundsechzigern“ militant gestört. Im Zuge der unter linker Meinungsführerschaft erstrebten „Entheroisierung“ des Widerstands mußte die Charakterisierung der Akteure der Weißen Rose als „idealistisch gesinnte Individualisten“ (Lill) als Zumutung aufgefaßt werden. Nahezu vollständig ausgeblendet wurden weiterhin die nationalen Gesichtspunkte im Kampf der Weißen Rose, genau wie ihre Prägung durch die Ideale der bündischen Jugend. Das nationale Element kommt besonders deutlich in der Verteidigungsrede ihres geistigen Mentors, des Münchener Philosophie-Professors Kurt Huber, zum Ausdruck. Als „deutscher Staatsbürger und deutscher Hochschullehrer“ habe er es für seine „sittliche Pflicht“ erachtet, der „wachsenden Bolschewisierung des deutschen Staates und Volkes“ Einhalt zu gebieten: „Ich fordere die Freiheit für unser deutsches Volk zurück“, so Huber. Auch die im sechsten Flugblatt enthaltene Forderung nach einer Abrechnung der deutschen Jugend mit der „verabscheuungswürdigsten Tyrannis“ geht auf ihn zurück. Freiheit und Ehre, die „höchsten Werte einer Nation“, gelte es wieder aufzurichten. Ein Aufstand für Deutschland. Typisch für die dem Zeitgeist geschuldete Würdigung der Weißen Rose sind die Worte des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau in seiner Gedächtnisvorlesung vom 30. Januar 2003. Darin kritisierte das Staatsoberhaupt die früher übliche Tendenz einer „Entpolitisierung“ der Weißen Rose. Ihrem Widerstand sollte dagegen „noch viel mehr Aufmerksamkeit“ geschenkt werden, da sie „wegen ihrer demokratischen Wertvorstellungen … mit unserer Gesellschaftsordnung und mit unseren Werten stärker verbunden als andere … auch manche Männer des 20. Juli“ sei. Darin offenbart sich genau das, wovor Bußmann in seiner Festrede 1968 warnte: nämlich eine „Vorläuferschaft vom Standpunkt unserer Gegenwart“ zu konstruieren und dadurch die „Konturen des sittlichen Handelns, der Tat zu verwischen“. Historisch redlich sei es dagegen, „zu vermeiden, diese Auflehnung gegen die Diktatur allzu einfach mit einem demokratischen Selbstverständnis gleichzusetzen“. Denn nicht nur der ältere Kurt Huber, dem ein „germanisches Staatsmodell“ vorschwebte, auch die jüngeren Mitglieder der Weißen Rose hatten durchaus Vorbehalte gegen die „westliche Demokratie“, zeitbedingt durch die negativen Erfahrungen mit der Weimarer Republik. Alexander Schmorell faßte dies zusammen in dem Satz: „Denn wohin uns die Demokratien geführt haben, haben wir alle gesehen.“ Den Vereinfachungen Raus zum Trotz ging es der Weißen Rose in erster Linie um die Wiedererrichtung von Freiheit und Rechtstaatlichkeit, nicht um eine bestimmte Verfassungsform. Daher kann Schmorells Aussage, er sei „deshalb auf keinen Fall ein entschiedener Verfechter der Monarchie, der Demokratie, des Sozialismus oder wie alle die verschiedenen Formen heißen mögen“, stellvertretend für die Überzeugungen der Gruppe gewertet werden. Hubers Philippika gegen den „inneren Bolschewismus“ der NSDAP vor dem Volksgerichtshof und dessen Vorsitzendem Freisler, einem ehemals bekennenden Bolschewisten, war bereits eine Provokation. Doch auch für die heutigen Wächter einer korrekten Gedenkpolitik sind Hubers Formulierungen, seine Forderung nach „Abstoppung dieses Linkskurses“ verbunden mit Risiken und Nebenwirkungen; bergen sie doch die Gefahr, das sorgfältig gehütete Diktatur-Ranking zu erschüttern. „Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen!“ beschwört das letzte Flugblatt der Weißen Rose den Geist der Befreiungskriege. In diesem Gedicht Theodor Körners von 1813 drückt sich auch das Vermächtnis des jugendbewegten Widerstands gegen Hitler aus: „Der Freiheit eine Gasse! – Wasch‘ die Erd, Dein deutsches Land, mit Deinem Blute rein!“

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