„Für Deutschland sterben“

Herr Professor Huber, in dieser Woche läuft der auf der Berlinale mit zwei Silbernen Bären ausgezeichnete Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ von Marc Rothemund an. Dem erfreulichen Umstand, daß sich endlich wieder ein deutscher Filmemacher mit dem patriotischen Widerstand gegen Hitler beschäftigt, steht entgegen, daß die Weiße Rose einmal mehr auf die Person Sophie Scholls verengt wird. Huber: Sophie Scholl war zwar zweifellos eine zentrale Figur, aber die Fokussierung auf sie ist ein Problem, mit dem die Weiße-Rose-Darstellung schon seit sechzig Jahren zu „kämpfen“ hat. Dieser Umstand geht zurück auf die Familie Scholl, die als erste nach dem Krieg über die Weiße Rose schrieb. Durch die Lektüre des bereits 1952 veröffentlichten Buches „Die Weiße Rose“ der Schwester Inge Aicher-Scholl gewinnt man den Eindruck, die Geschwister Scholl seien das Zentrum der Weißen Rose gewesen, alle anderen nur Randfiguren. Ehemalige Mitglieder der Weißen Rose sprechen gar von politischer „Erbauungsliteratur“ und einer regelrechten „Vermarktung“ der Geschwister durch Inge Aicher-Scholl. Huber: Dem ist schwerlich zu widersprechen. Ebenso wie dem Vorwurf der politischen Instrumentalisierung der Weißen Rose durch Aicher-Scholl. Denken Sie nur daran, daß sie sogar mit einem Weiße-Rose-Emblem auf einer Veranstaltung von Sympathisanten der RAF aufgetreten ist. Gegründet wurde die Gruppe von Hans Scholl – der somit zu Recht eine zentrale Rolle „beanspruchen“ kann -, allerdings nicht zusammen mit seiner Schwester, die erst später hinzukam, sondern zusammen mit Alexander Schmorell. Huber: … der heute viel weniger bekannt ist als Sophie. Zwar stand auch Sophie bald mit im Mittelpunkt der Aktivitäten der Gruppe, war allerdings zum Beispiel nicht an der Abfassung der Flugblätter beteiligt. Hat die heutige Popularität Sophies dann „dramaturgische“ Gründe, weil die Hinrichtung eines jungen Mädchens die Grausamkeit der Nationalsozialisten natürlich besonders unterstreicht? Huber: Sicherlich mag das eine Rolle spielen und zeigt, daß wir den Widerstand so sehen, wie wir ihn sehen wollen, auch wenn die historischen Akzente anders lagen. Auf der anderen Seite waren es aber eben Hans und Sophie, die mit ihrer waghalsige Flugblatt-Verteil-Aktion am 18. Februar 1943 am hellichten Tage in der Münchner Universität erstmals wagten, aus der Anonymität der bislang verdeckt arbeitenden Gruppe herauszutreten. Womit sie allerdings die Gruppe der Gestapo ans Messer lieferten. Huber: Nicht zuletzt, weil sie auch noch leichtfertig zu Hause andere Mitglieder belastendes Material zurückließen, beziehungsweise bei sich trugen, wie etwa den Entwurf für das siebte Flugblatt von Christoph Probst, was den Vater von vier Kindern den Kopf kostete. Das ehemalige Weiße-Rose-Mitglied Hans Hirzel kritisiert, daß diese Leichtsinnstat heute oft als Heldentat dargestellt wird. Die Heldentat der Geschwister Scholl sieht er vielmehr im moralischen Widerstand, den die beiden dann vor dem nationalsozialistischen Volksgerichtshof geleistet haben: Diesem Akt sprach er im Interview mit dieser Zeitung eine „mythische Kraft“ zu. Huber: Die Art des Widerspruchs aus moralischen und ethischen Gründen vor dem Volksgerichtshof war für alle Beteiligten der Weißen Rose die eigentliche Heldentat. Die Fokussierung auf Sophie Scholl entspricht allerdings auch maßgeblich der heutigen Wunschvorstellung von der Rolle der Frau, die einfach auf die historische Weiße Rose projiziert wird. – In der DDR-Rezeption übrigens bevorzugte man ebenfalls die jungen Studenten gegenüber einem bürgerlichen Professor wie meinem Vater Kurt Huber, der der SED-Geschichtsschreibung als „Verführer der Jugend“ galt. Andererseits wurde in Westdeutschland gern ein Linker wie Hans Leipelt verschwiegen, weil er politisch nicht ins Schema paßte. Damit will ich nicht die Geschichtsschreibung von Bundesrepublik und DDR gleichsetzen, sondern klarmachen, wie auch der Kalte Krieg die Wahrnehmung des Widerstandes beeinflußt hat. Dabei gilt Ihr Vater vielen Historikern als der geistige Mentor der Gruppe. Huber: Die Studenten um Scholl und Schmorell besuchten mit Begeisterung die Vorlesungen meines Vaters, obwohl er Philosophie las und sie alle – mit Ausnahme Sophies – Medizin studierten. Dort lernten sie nicht nur Gleichgesinnte kennen, sondern nahmen vor allem gedankliche Anregungen auf. Außerdem war mein Vater an der Formulierung des fünften Flugblattes beteiligt und hat das sechste alleine verfaßt. Was war das Besondere an den Vorlesungen Ihres Vaters? Huber: Er wagte es zum Beispiel indirekt, seine Studenten dazu aufzufordern, den damals als „Talmudjuden“ verunglimpften Philosophen Spinoza zur Lektüre zu empfehlen. Natürlich mußte er vorsichtig formulieren: Er habe gehört, in der Bibliothek gebe es noch ein paar Bände Spinoza. Er empfehle die Bücher zu stehlen, bevor sich noch andere Kommilitonen mit diesem „Gift“ infizierten. Natürlich verstanden seine Studenten, was tatsächlich gemeint war. Allerdings wurde Ihr Vater 1940 Mitglied der NSDAP. Huber: Das ist nichts Ungewöhnliches, selbst Hans und Sophie waren zu Beginn begeistert für den Nationalsozialismus und verteidigten dessen Ideale gegenüber ihren Eltern, die Hitler bereits als das Verhängnis erkannten, das er tatsächlich war. Sie waren sogar aktiv in der Hitlerjugend engagiert. Mein Vater hegte dagegen keinerlei Sympathien für die Nationalsozialisten, sonst wäre er nicht erst 1940 eingetreten. Vielmehr wurde er von meiner Mutter nach meiner Geburt – als zweites Kind – zum Parteibeitritt gedrängt, da unsere Familie die damit einhergehende Gehaltsverdoppelung auf 608 Reichsmark dringend benötigte. Es gab deshalb großen Streit zwischen meinen Eltern. Schließlich hat meine Mutter auf eigene Faust bei der NSDAP eine Mitgliedschaft für meinen Vater beantragt. Die Partei mußte ihn allerdings zweimal schriftlich mahnen, persönlich vorbeizukommen, um den Beitritt zu vollziehen. Was hat Ihr Vater tatsächlich über die NSDAP gedacht? Huber: Nichts Gutes, er hat schließlich seine jüdischen Kollegen schon zu einem Zeitpunkt gewarnt, sie sollten auswandern, weil es viel schlimmer kommen würde, als sie sich vorstellen könnten, als diese das partout noch nicht glauben wollten. Er hatte schon frühzeitig erkannt, was es mit den Nationalsozialisten wirklich auf sich hatte. Besonders betonte Ihr Vater das Christentum. Huber: Allerdings weniger als gewissenhafter Kirchgänger. Er betrachtet es vor allem als das wesentliche Element unserer abendländischen Kultur im Sinne des traditionellen deutschen Kulturbürgertums. Ursprünglich war Ihr Vater Mitglied der konservativ-katholischen Bayerischen Volkspartei (BVP), deren Program heutzutage mindestens als „ultrarechts“ bezeichnet würde. Huber: Die Partei war in der Tat noch konservativer als das Zentrum, mit dem sie auf Reichsebene zusammenarbeitete. So war sie separatistisch und fast monarchistisch. Dennoch hat die BVP trotz Regierungsmacht in Bayern nie eine Lösung vom Reich versucht, statt dessen aber in der Tat auch mit antirepublikanischen Kräften geliebäugelt. Huber: Die Demokratie stand damals nicht sehr hoch im Kurs – nicht nur bei meinem Vater, bei den meisten Mitgliedern des deutschen Widerstandes, sei es bei der Weißen Rose oder beim späteren 20. Juli. Eine konstitutionelle Monarchie wie in England war wohl das, was seinen Vorstellungen am nächsten gekommen wäre. Kaum vorstellbar, angesichts der Tatsache, daß der Widerstand gegen Hitler heute gemeinhin als historische Vorhut der Demokratie interpretiert wird. Huber: Was die Männer und Frauen des Widerstandes vor allem wollten, war die Wiederherstellung des Rechtsstaates, das ist etwas völlig anderes als die Einführung einer Demokratie! Heute ist das kaum noch zu verstehen, weil wir diese Begriffe – aus Mangel an historischer Bildung – fälschlich synonym verwenden. Ihr Vater vertrat ein eher korporatistisches Ständestaatsmodell, wie es etwa Othmar Spann oder die Jungkonservativen in der Zeit der Weimarer Republik entwickelt hatten, die heute vielen als „Wegbereiter des Nationalsozialismus“ gelten. Huber: Völliger Unsinn. Die Demokratie galt damals fast allgemein als etwas Ineffektives und Unheilschwangeres, das stets in eine Diktatur – ob rot oder braun – umzukippen drohte. Und so war es 1933 ja auch gekommen. Dagegen wollte man etwas unternehmen und den dann wiedergewonnenen Rechtsstaat mit einer stabileren politischen Ordnung als der Demokratie künftig gegen diese Gefahr schützen. Und zwar in Deutschland ebenso wie durch eine gerechte nationale Nachkriegsordnung in Europa. Heute wird dagegen die Überwindung des Nationalen als das politisches Vermächtnis des Widerstands gegen Hitler verstanden. Huber: Das ist eine unzulässige Schlußfolgerung. Sophie Scholl hat im Gestapo-Verhör gesagt, sie habe „das Beste für mein Volk“ gewollt. Patriotismus als Motiv für den Widerstand gegen Hitler? Huber: In der Tat ein wichtiges Moment, auch wenn Patriotismus heute nicht mehr das gleiche bedeutet wie damals. Inwiefern? Huber: Wer heute öffentlich sagt, er sei ein Patriot, der versteht sich als Verfassungspatriot. Das gab es damals natürlich nicht. Worauf war Ihr Vater dann stolz? Huber: Er war erfüllt von der deutschen Kultur, von dem Gefühl, als Deutscher ein Teil des Abendlandes zu sein. Er war sich bewußt, daß er nicht nur sich und die Freiheit gegen Hitler verteidigte, sondern die Würde seines Vaterlandes als Kulturnation, die in die Hände eines im Grunde undeutschen, modernistischen Totalitarismus gefallen war. Nach seiner Verurteilung schrieb er in seinem Abschiedsbrief an Ihre Mutter: „Freue Dich, ich darf für unser Vaterland sterben!“ Huber: Das Traurige ist, er konnte das Wort „sterben“ nicht niederschreiben. Natürlich hat er das gemeint, aber im Original findet sich an dieser Stelle eine Lücke. – Mein Vater dachte eben wie die Männer des 20. Juli, von denen auch fast jeder bereit war, für Deutschland zu sterben. Über die Aufforderung Ihres Vaters in einem der Flugblätter an die Jugend – „Unterstellt Euch (dennoch) auch weiterhin unserer herrlichen Wehrmacht“ – geriet er allerdings mit den Studenten in der Weißen Rose in Streit. Huber: Das war ein Mißverständnis: Mein Vater betrachtete die Wehrmacht sozusagen als eine deutsche, nicht als eine nationalsozialistische Einrichtung. Er sah in ihr die einzige Institution, die Hitler beseitigen und in Deutschland wieder für Recht und Ordnung hätte sorgen können. Er wußte, daß es Offiziere gab, die einen Aufstand gegen Hitler planten. Er hoffte, sie mit diesem Satz noch weiter zum Umsturz anstacheln zu können. Leider hat er es nicht mehr miterlebt, als sich seine Hoffnung am 20. Juli 1944 erfüllte. Allerdings blieb ihm so auch ihr Scheitern erspart. Wäre mein Vater allerdings nicht bereits 1943 hingerichtet worden, so wäre es wohl 1944 geschehen, denn es bahnten sich vor seiner Verhaftung sowohl mit dem Kreis des späteren 20. Juli als auch mit dem Kreisauer Kreis Kontakte an. Allerdings gab es auch Kommunisten in der Weißen Rose. Huber: Das ist richtig, und man hatte auch Kontakt zur kommunistischen Widerstandzelle „Rote Kapelle“. Allerdings fanden sich sogar dort in führender Position Nationalkommunisten, wie etwa der bekannte Harro Schulze-Boysen. Und fairerweise muß man sagen, daß diese Leute sich unter Kommunismus etwas gänzlich anderes vorstellten als wir heute. Meine Vater war natürlich strikt gegen den Kommunismus, den er für ebenso gefährlich hielt wie den Nationalsozialismus. Zu Recht, wie wir heute wissen. Am Sonntag letzter Woche trugen zahlreiche Demonstranten in Dresden eine weiße Rose „gegen Rechts“. Wie beurteilen Sie das? Huber: Ich muß schon sagen, daß ich das einerseits für eine unzulässige politische Inanspruchnahme halte. Andererseits begrüße ich natürlich, daß man versucht, ein Zeichen gegen Neonazismus zu setzen. Das ehemalige Weiße-Rose-Mitglied Susanne Zeller äußerte zum „Aufstand der Anständigen“ im Interview mit dieser Zeitung: „Früher war der Widerstand lebensgefährlich, heute wird er staatlich gefördert.“ Huber: Das ist sicherlich richtig, doch hat man zu lange „rechts“ die Augen zugedrückt. Ist es aber andererseits legitim, die Weiße Rose allein „gegen Rechts“ in Anspruch zu nehmen? Wie ist es aus Sicht der Weißen Rose zu bewerten, wenn im Zuge des „Kampfes gegen Rechts“ die Bundesjustizministerin einen Gesetzentwurf zur Reform des Versammlungsrechtes vorlegt, den sie nach Protesten aus den eigenen Reihen wegen Verfassungswidrigkeit zurückziehen muß? Huber: Die Weiße Rose stellt eine Verpflichtung zur Wachsamkeit gegen jede Art von Gefährdung des Rechtsstaates dar. Sie kann in der Tat nicht einfach mit der Demokratie gleichgesetzt werden, ihr Engagement galt – wie gesagt – der Rechtsstaatlichkeit und ihrem Fundament, der Unantastbarkeit der Würde des Menschen! Nur wer den Rechtsstaat verteidigt – ob gegen Rechts, Links oder Versuche der Mitte, ihn einzuschränken -, kann sich auf die Tradition der Weißen Rose berufen. Prof. Dr. Kurt Huber war bis zu seiner Verhaftung am 27. Februar 1943 eines der führenden Mitglieder und „geistiger Mentor“ der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose in München. Geboren wurde er 1893 in Chur in der Schweiz, wuchs in Stuttgart auf und studierte in München Musikwissenschaft, Philosophie und Psychologie. Im Sommer 1942 kommt es zu einem ersten privaten Treffen des Professors mit den Geschwistern Scholl und deren Freunden, die seine Vorlesungen an der Ludwig-Maximilians-Universität in München besuchen. Seit November 1942 finden häufiger Treffen in seiner Wohnung statt. Nach seiner Mitarbeit am fünften Flugblatt der Gruppe „Aufruf an alle Deutsche!“ verfaßt er im Februar 1943 das sechste Flugblatt „Kommilitoninnen! Kommilitonen!“, bei dessen Verteilung am 18. Februar 1943 Sophie und Hans Scholl festgenommen werden. Neun Tage später wird auch er verhaftet, am 19. April zum Tode verurteilt und am 13. Juli durch das Fallbeil hingerichtet. Prof. Dr. Wolfgang Huber ist der Sohn des 1943 hingerichteten Mitglieds der Widerstandsgruppe Weiße Rose Kurt Huber. Geboren 1939 in München, lehrte er von 1977 bis 2004 als Professor für deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Eichstätt. weitere Interview-Partner der JF

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