AFD Sachsen Wir Frauen brauchen keine Quote!

 

Widerstand von Anfang an

Zum ersten Mal stand der Satz im Impressum der JF-Ausgabe 34/99 vom 20. August: „Die Wochenzeitung junge freiheit hält sich an die traditionelle deutsche Rechtschreibung, wie sie bis zum 1. August 1999 gültig war.“ Drei Wochen zuvor hatte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) ihre Meldungen auf die neuen Rechtschreibregeln umgestellt. Damit war die von Anfang an umstrittene Reform, die bereits im August 1998 offiziell an allen Schulen eingeführt worden war, auch in den Medien angekommen. Alle Zeitungen mußten sich entscheiden, wie sie es künftig mit den neuen Schreibweisen halten wollen – und alle machten mit. „Die legendäre vierte Gewalt, die Presse – von Bild bis Spiegel – hat ohne Not, aber dafür restlos kapituliert. Begründung: Weil alle, deshalb auch wir“, kommentierte der Schriftsteller und frühere Chefreporter Kultur der Welt am Sonntag, Ulrich Schacht, in der JF vom 13. August 1999. Und weiter: „Da stehen sie nun, die großen und die kleinen ‚Sturmgeschütze der Demokratie‘ – mit von den eigenen Kanonieren vernagelten Rohren! Das klassische Mitläuferargument als Anleitung zur Unschädlichmachung des Kampfgeräts. Armes Deutschland!“ Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die jetzt von allen Reformgegnern als Widerstandsnest gelobt wird, hatte zunächst auf die neuen Rechtschreibregeln umgestellt. Alle machten mit? Nein, eine kleine überregionale Wochenzeitung verweigerte sich von Anfang an der erkennbar mißglückten Schreibreform. Für die Redaktion der JUNGEN FREIHEIT war von vornherein klar, daß diese Reform – aus vielerlei Gründen – alles andere als der Weisheit letzter Schluß war. Und als Zeitung, deren Existenz sich keinem finanzkräftigen Großverlag verdankt, die einzig und allein ihrer Leserschaft verpflichtet ist, wußte sie sich in dieser Frage auch einig mit einer überwältigenden Mehrheit der JF-Leser. In einer Vielzahl von redaktionellen Beiträgen, Kommentaren und Interviews hat die JUNGE FREIHEIT die Diskussion um die Rechtschreibreform begleitet. Immer wieder nutzte sie die Gelegenheit, das Thema anzuschneiden. So im Mai 1999 in einem Gespräch mit dem bekannten Kinderbuchautor Otfried Preußler. „Die Rechtschreibreform ist ein Beitrag dazu, unsere Identität auszuhöhlen“, erklärte Preußler. Sie sei ebenso absurd wie überflüssig. „Was mich am meisten geärgert hat“, so Preußler, „ist die Art und Weise, wie diese sogenannte Reform verordnet worden ist – daß sich Kultusminister nicht geschämt haben, uns praktisch ohne jeg-liche demokratische Legitimation ein solches Gesetz überzustülpen.“ In den Jahren davor hatte die JUNGE FREIHEIT bereits ausführliche Interviews mit den Reformkritikern Ernst Steppan, Berliner Vorsitzender des Vereins für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege (JF 34/97), und Matthias Dräger geführt. Der Verleger gehörte in Schleswig-Holstein zu den Mitbegründern der Bürgerinitiative „Wir gegen die Rechtschreibreform“ sowie zu den Initiatoren eines Volksentscheids über die Reform. Im Gespräch mit dieser Zeitung (JF 40/98) bezeichnete Dräger die Rechtschreibreform als „unlogisch“; sie bringe dem Schreibenden „keinerlei Erleichterung“. Später folgten Interviews mit weiteren führenden Reformgegnern, darunter Oberstudienrat Manfred Riebe (JF 26/00), der den Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege mit ins Leben gerufen hatte, und Theodor Ickler (33/00), Sprachwissenschaftler an der Universität Erlangen und Verfasser eines vielgenutzten Wörterbuchs. Am 18. August 2000 äußerte der damalige Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, Christian Meier, seine Hoffnung, daß die Rechtschreibreform kippen werde (JF 34/00). Als „skandalös“ bezeichnete er das Verhalten der „sogenannten ‚demokratischen'“ Kultusminister, die „geradezu rechtswidrig“ in die Schreibung eingegriffen hätten. Meier: „Dabei fühle ich mich als Bürger noch mehr bevormundet und geohrfeigt denn als Leser und Schriftsteller.“ Trotz der breitgefächerten Kritik entblödete sich der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen in seinem Jahresbericht 1997 nicht, die Ablehnung der Rechtschreibreform als „rechtsextremistisches Kampagnenthema“ zu brandmarken. Einer der frühesten Kritiker der Reform, der Weilheimer Deutschlehrer Friedrich Denk, sagte damals auf Anfrage der JUNGEN FREIHEIT: „Weil den Befürwortern der Rechtschreibreform zu den Argumenten der Reformgegner nichts mehr einfällt, versuchen sie, die Kritiker in die rechte Ecke zu stellen.“ So leicht wird ihnen das nun nicht mehr gelingen.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles