Ziemlich absurd

Viele Probleme, die unser Volk belasten, resultieren nach Meinung verantwortlicher Politiker im wesentlichen aus einem einzigem Problem: dem der „Vermittlung“. Die großen Reformvorhaben, die bislang im vielzitierten „Reformstau“ steckengeblieben sind, kommen angeblich nur deshalb nicht „gut rüber“, weil sie wegen „handwerklicher“ Fehler nicht überzeugend „aufgestellt“ worden sind und wegen unzureichender „kommunikativer Kompetenz“ nicht die erwartete Zuversicht vermitteln. Diese Erklärung ist nicht neu. Sie gehört zu den Standardargumenten aller Ideologen aller Zeiten: „Wenn die Wirklichkeit der Theorie widerspricht, dann spricht das keinesfalls gegen die Theorie, sondern gegen die Wirklichkeit.“ Nach dieser katechismusartigen Erklärung erübrigt sich deshalb jedes weitere Nachdenken über die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ursachen der anstehenden Probleme, weil sie als ein Problem mangelhafter Wahrnehmungsfähigkeit bzw. mangelnder „Einsicht in die Notwendigkeit“ in weiten Teilen des Volkes (miß-)verstanden werden. Das ist das Problem. Naheliegende Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit werden nämlich mit ideologischer Konsequenz als „Populismus“ abgewehrt, bekanntlich ein Indiz für faschistische Intentionen. Man fühlt sich angesichts dieser Engführung durch die Fixierung auf ideologische Leitlinien immer häufiger an Schauspiele des absurden Theaters erinnert – zum Beispiel an Eugène Ionescos „Nashörner“ (1959). Ionesco schildert in diesem Schauspiel die Probleme, die ein Nashorn verursacht, das plötzlich in einer Stadt auftaucht. Anstatt das Tier von der Feuerwehr einfangen zu lassen, werden zunächst einmal alle möglichen Nebenfragen diskutiert: Auf welche Weise das Tier wohl in die Stadt gekommen ist und wem es gehört; ob es sich um ein afrikanisches oder ein asiatisches , um ein junges oder altes Tier handelt usw. Weil das so ist und nichts zur Beseitigung des Dickhäuters geschieht, folgen dem ersten Nashorn bald weitere nach – die immer weitere und größere Probleme verursachen. Diese können schließlich nicht mehr anders gelöst werden als durch die Anpassung der Menschen an die Lebensgewohnheiten der Nashörner. Entstehende Ähnlichkeiten mit Auseinandersetzungen zur Bewältigung der Probleme unserer Zeit sind keineswegs „rein zufällig“, sondern ein neuerliches Beweis, in welchem Maße absurde ideologische Vorstellungen in unserem Volke um sich greifen – und menschenwürdige Lösungen immer schwieriger machen. Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste in Berlin.

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