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Ein wahrer Europäer

Als ich Carl Gustaf Ströhm in der diesjährigen Karwoche in Wien be-suchte, war seine Gesundheit schon angeschlagen, aber er zeigte keine Neigung, darüber zu sprechen, und ich wollte auch nicht fragen. Den Abend verbrachten wir mit unseren Frauen in einem Heurigen-Lokal am westlichen Stadtrand. Wir sprachen über den Zustand Deutschlands, an dem er auf seine distanzierte Weise litt, über Europa und über die Verirrungen der amerikanischen Weltpolitik. Ströhm wünschte sich von den slowakischen Geigern „Hallo, Dienstmann!“ und sang leise mit. Ich bedrängte ihn nicht zum ersten Mal, er solle doch seine Memoiren schreiben, aber er konnte und wollte wohl sich den dazu nötigen Ruck nicht mehr geben. Wieviel hätte er uns noch erzählen können! Über seine Jugend in Reval, über die Flucht vor der Roten Armee ins Deutsche Reich, die Zeit in den Niederlanden, über seine Erlebnisse während des Kalten Krieges und im damaligen Ostblock, wohin er als einer der ersten westlichen Journalisten reiste. Über die Wiedergeburt der Nationalstaaten im mittleren und östlichen Teil unseres Kontinents, über ein Deutschland, das im Vergleich zur Adenauer-Zeit nicht nur seiner Meinung nach an Selbstachtung, Souveränität und Meinungsfreiheit, auch an Geschichtsbewußtsein, eingebüßt hatte. Irritiert hat ihn wohl in den letzten Wochen der Versuch von interessierter Seite, das Geschichtsbild der Osteuropäer unter fremde Kuratel zu stellen und den sowjetischen Völkermord an den Balten zu leugnen. Seine Tante, eine unerschütterlich optimistische Frau, und ein russischer Verwandter seiner Mutter, die sich der Umsiedlung nach Deutschland nicht anschließen wollten und in Estland blieben, verschwanden für immer in Sibirien. Carl Gustaf Ströhm sah in der Nation den natürlichen Bezugspunkt, ohne daraus jemals eine Ideologie zu machen. Dafür sah er Deutschland zu sehr von außen, dafür hatte er ein zu tiefes Verständnis für die Buntheit Europas, für die Vielfalt seiner Kulturen, seiner Traditionen und Nationalcharaktere. War er ein Konservativer? Das schon eher, aber mehr als alles andere war er ein leidenschaftlicher Journalist, ein Mann des historischen und politischen Realismus. Er bestand darauf, zu schreiben, was er sah und was er dachte – und weil die JUNGE FREIHEIT ihm die Möglichkeit dazu bot, erschienen in den letzten Jahren seine Kolumnen, Berichte und Interviews dort und nicht anderswo. Ströhm rief mich oft an, um zu testen, was ich von einem Artikel hielt, den er gerade in Arbeit hatte. Er war immer neugierig, und er konnte neugierig machen. Als wir uns verabschiedeten, meinte er, ich müsse mir unbedingt das Heeresgeschichtliche Museum in Wien ansehen. Ich folgte dem Rat, es hat sich gelohnt. Carl Gustaf Ströhm mit dem ersten Staatspräsidenten von Kroatien, Franjo Tudjman (oben), Ströhm zu Hause in Wien (l.) und im Studienzentrum Weikersheim mit dem früheren Ministerpräsidenten Lothar Späth: Obwohl er mit den Großen Europas im Gespräch war, beharrte Ströhm stets auf seiner eigenen Meinung. Während der Balkankriege in den neunziger Jahren bezog er eine konsequente Linie gegen die serbische Aggression. In den Jahren der Waldheim-Attacken verteidigte er Österreich an der publizistischen Front. Dr. Bruno Bandulet war Redakteur und Chef vom Dienst der Tageszeitung „Die Welt“ und ist heute Herausgeber des „DeutschlandBriefes“ sowie des Finanzdienstes G&M.

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