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Tausende demonstrieren in Magdeburg gegen Corona-Maßnahmen und Impfpflicht Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Peter Gercke

Zehntausende bei Corona-Protesten
 

„Wir sind die Wende“

Sie war als „Mega-Demo“ angekündigt worden. Seit Tagen trommelten einschlägige Gruppen in sozialen Medien für Kundgebung und sogenannte Spaziergänge in Magdeburg für diesen Samstag. Treffpunkt: Der Alte Markt. Rund 1.500 sind auf dem Platz erschienen. Tausende weitere stehen auf den Straßen davor. Die Polizei hat den Markt abgeriegelt, will verhindern, daß Abstände nicht eingehalten werden.

Doch Regeln sind in den Augen der meisten Demo-Teilnehmer ohnehin nur Verordnungen eines Staates, dem sie zutiefst mißtrauen und die Anerkennung verweigern. Maskenpflicht? Kaum einer trägt den Mund-Nasen-Schutz. Abstand? Wird trotz reduziertem Einlaß von vielen nicht eingehalten.

„Das System ist am Ende, wir sind die Wende“, ruft jemand aus der Menge während des Spaziergangs durch die Innenstadt. Mit dem System meinen nicht wenige der Demonstranten die Bundesrepublik Deutschland. Schwieriger ist die Frage zu beantworten, wer mit „Wir“ gemeint ist. Denn die Protestler, die in diesen Tagen in Hunderten deutscher Städte auf die Straße gehen, sind keine homogene Gruppe. Esoteriker aus dem grün-alternativen Milieu sind ebenso darunter wie Sarah-Wagenknecht-Fans aus der Linkspartei oder AfD-Anhänger des Höcke-Flügels.

„Die Menschen werden krank- und totgeimpft“

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In Magdeburg ist es die Ärztin und Heilpraktikerin Carola Javid-Kistel, die als eine der ersten auf der am Alten Markt aufgebauten Bühne das Wort ergreift. Vor einem Jahr hatte die Polizei ihre Naturheilpraxis im niedersächsischen Duderstadt nach Beweismaterial durchsucht. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen die 55jährige Anklage wegen Urkundenfälschung erhoben. Sie soll zwischen April 2020 und März 2021 gleichlautende Atteste ausgestellt haben, mit denen bescheinigt wird, daß die jeweiligen Personen aufgrund gesundheitlicher Probleme aus ärztlicher Sicht vom Maske tragen befreit seien. Javid-Kistel soll laut Anklage jedoch gewußt haben, daß es solche Einschränkungen bei ihren „Patienten“ überhaupt nicht gab. Die Atteste waren später auf einer Corona-Demonstration in Hannover aufgetaucht und hatte die Ankläger auf ihre Spur gebracht.

Demonstranten warnen vor Zuständen wie in der DDR
Demonstranten warnen vor Zuständen wie in der DDR Foto: Hinrich Rohbohm

„Die Menschen werden krank- und totgeimpft“, ruft sie auf dem Alten Markt von Magdeburg in die Menge. Die Impfungen seien „der größte Genozid, der die Erde gerade überzieht, es ist Völkermord“. Ihre Tochter habe sie „rausgebracht“. Raus aus Deutschland, nach Albanien. Dort habe sie „tolle Leute kennengelernt“, die „auch im Widerstand“ seien. „Die Deutschen müssen ungehorsamer werden, Schluß mit dem Kadavergehorsam“, schreit die Heilpraktikerin ins Mikrofon.

„Wenn Widerstand zur Pflicht wird“

Die AfD-Politikerin Christina Baum auf der Kundgebung in Magdeburg
Die AfD-Politikerin Christina Baum auf der Kundgebung in Magdeburg Foto: Hinrich Rohbohm

Jubel und Beifallsbekundungen unter den Zuhörern. Es sind Männer in Flecktarnhosen und -jacken. Männer mit langen Bärten. Einige mit langen Haaren, andere mit kahlrasiertem Haupt. Leute mit großen Ohrlöchern, sogenannten Fleshtunnel. Frauen mit Rastazöpfen und gefärbten Haaren. Andere sind in Thor-Steinar-Pullover gekleidet oder tragen Totenkopf-Kutten. Auch mutmaßliche Rechtsradikale sind darunter, vermummen sich vor der Polizei oder tragen dunkle Sonnenbrillen.

Einige der Protestler haben Plakate und Transparente mitgebracht. „Zurück in die Zukunft“, steht auf einem zur DDR-Fahne gebastelten Transparent. „Wenn Widerstand zur Pflicht wird“, auf einem anderen, das eine junge Frau hochhält. „Wer unter Medienmachern seine Restglaubwürdigkeit bewahren will, muß spätestens jetzt Konsequenzen ziehen“, steht ein Zitat des Journalisten Milosz Matuschek darunter. Matuschek war unter Impfgegnern zu einer Art Märtyrer geworden, nachdem er im September 2020 in einer Kolumne der Neuen Zürcher Zeitung von „kollabierter Kommunikation“ sprach und fragte: „Was, wenn die ‘Covidioten’ Recht haben?“ Nachdem Matuschek dem Verschwörungsportal KenFM die Erlaubnis zur Zweitverwertung seines Artikels erteilte, war es zum Eklat zwischen dem Autor und seiner Zeitung gekommen, das Blatt beendete die Zusammenarbeit mit ihm.

Eine ältere Frau hält ein Pappschild in der Hand. „Laßt euch von den Klaus Schwabs dieser Welt nichts mehr diktieren, und ihr könnt fortan angstfrei und glücklich sein“, heißt es da. Schwab ist Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums, der aufgrund seiner Initiative „The Great Reset“ als Haßfigur in der Demo-Szene gilt. Seine Kritiker wittern in seinen Plänen die Errichtung einer neuen Weltordnung. Bis weit ins bürgerliche Lager hinein stößt sein Projekt auf Skepsis.

AfD-Politikerin richtet Appell an Polizisten

Unterdessen kündigt einer der Organisatoren die nächste Rednerin an, nachdem er Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Reiner Haseloff „und seine Schergen“ für deren Demo-Beschränkungen kritisiert hat. Es ist die AfD-Bundestagsabgeordnete Christina Baum, eine enge Vertraute Björn Höckes und Anhängerin des offiziell aufgelösten „Flügels“ der Partei.

„Liebe Polizisten, ihr werdet euch eines Tages entscheiden müssen, auf welcher Seite ihr steht. Auf der Seite des deutschen Volkes oder auf der anderen Seite. Der Tag dazu ist noch nie so nahe gewesen.“ Starke Beifallsbekundungen auf dem Marktplatz. Zuvor hatten die Organisatoren der Demonstration zum Kundgebungsauftakt betont: „Die Polizisten machen nur, was sie tun müssen, sie sind nicht unsere Feinde.“

Auch mutmaßliche Rechtsradikale fanden sich ebenso wie Esoterikeraus dem grün-alternativen Milieu unter den Teilnehmern
Auch mutmaßliche Rechtsradikale fanden sich ebenso wie Esoteriker aus dem grün-alternativen Milieu unter den Teilnehmern Foto: Hinrich Rohbohm

Davon ist während der Spaziergänge wenig später nicht immer etwas zu spüren. Mehrfach kommt es zu Rangeleien zwischen radikalen Protestlern und den Beamten. Der Großteil der Demonstranten bleibt jedoch abgesehen von einer aufgeheizt-aggressiven Stimmung friedlich. Mit Trillerpfeifen und Sirenen ziehen sie durch die Magdeburger Altstadt, skandieren „Freiheit“ und „Wir sind das Volk“.

Dutzende Demonstrationen in ganz Deutschland – teils mit Rekordbeteiligung

Einige Protestler versuchen, eine Polizeiblockade zu durchbrechen, rufen „Straße frei“. Plötzlich wieder Gerangel, dann Geschrei. Ein kahlköpfiger Mann geht zu Boden, einige Demonstranten beschimpfen die Polizisten, andere skandieren „Wir sind friedlich, was seid ihr?“ Pressevertreter werden bei Erscheinen mit dem Ruf „Lügenpresse“ begrüßt. Doch die  Polizeiblockade hält, die Protestler ziehen sich zurück. „Wir finden einen anderen Weg“, ruft eine ältere Frau.

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Stundenlang war die Magdeburger Innenstadt durch die „Spaziergänger“ lahmgelegt. Laut Polizei waren es rund 5.000 Teilnehmer. Noch größer und teils mit Rekordbeteiligungen fielen die Demonstrationen in Hamburg aus. Rund 16.000 Menschen hatten sich dort an den Protesten beteiligt, erwartet wurden lediglich 11.000. Auch in Freiburg (6.000 Teilnehmer), Frankfurt am Main (5.000 Demonstranten), Berlin und Schwerin (bis zu 2.000 Teilnehmer) fanden größere Protestkundgebungen statt. Vor dem Düsseldorfer Landtag hatten sich Polizeiangaben zufolge rund 6.000 Menschen versammelt. Angemeldet waren 2.000.

Laut einem Demonstrationskalender fanden an diesem Samstag Dutzende Demonstrationen gegen die geplante allgemeine Impfpflicht und härtere Corona-Maßnahmen statt. Aus der Politik kommen inzwischen Forderungen, die Pläne für eine solche Impfpflicht zurückzunehmen. Auch für Sonntag und Montag sind weitere Kundgebungen geplant. Aufhören wollen die Veranstalter und Protestler vorerst nicht.

Tausende demonstrieren in Magdeburg gegen Corona-Maßnahmen und Impfpflicht Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Peter Gercke
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