Filmregisseur Drehbuchautor Dietrich Brüggemann #allesdichtmachen-Mitinitiator
„Unser Land ist momentan so zwiegespalten“: Filmregisseur und #allesdichtmachen-Mitinitiator Dietrich Brüggemann (Archivfoto) Foto: picture-alliance | Mike Wolff TSP

Wirbel um Lockdown-Protestaktion von Schauspielern
 

Laschet springt #allesdichtmachen bei

BERLIN. Der Wirbel um die satirische Protestaktion „#allesdichtmachen“ von über 50 Schauspielern hält an. Mittlerweile äußerte sich auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. In der Sendung „3 nach 9“ sprang der Unions-Kanzlerkandidat den Machern der Aktion bei: „Und was ganz schlimm ist: Wenn jemand so was sagt, immer gleich sagen, das ist rechts. Von diesen 50 ist keiner AfD, ist keiner rechts.“ Es sei „berechtigt, auch die anderen Opfer der Pandemie zu nennen“. „Endlich Klartext!“ twitterte dazu der frühere Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Hans-Georg Maaßen.

„Meine Kollegen jetzt, wie zu erwarten war, in die rechte Ecke zu stellen, ist einfallslos und für jedermann einfach durchschaubar“, wurde Kino-Star Til Schweiger von der Bild-Zeitung zitiert. Eine Demokratie müsse „einen offenen Diskurs über die getroffenen Maßnahmen aushalten können. Anstatt zu polarisieren, müssen wir miteinander sprechen!“, so Schweiger.

Publizist Roland Tichy twitterte: „Man muß den Gegnern von #allesdichtmachen dankbar sein. Sie haben öffentlich gemacht, wie es um die Meinungsfreiheit in diesem Land bestellt ist.“

Dirk Maxeiner sprang den Machern von #allesdichtmachen bei: „Sie haben sich auf die Wirkung der Kunst besonnen“, schrieb der Publizist auf der Achse des Guten. „Beinhart und gekonnt.“ Die Geschütze, mit denen nun auf die „Störenfriede“ geschossen werde, „sind so überdimensioniert wie die Kanonen der Graf Spee“. „Es besteht keinerlei Anlaß zur Defensive, und sie bringt auch nix.“

Tukur: „Wollten Fenster aufreißen“

Mitorganisator und Fernsehregisseur Dietrich Brüggemann sagte auf N-TV, er habe damit gerechnet, daß die Aktion mißverstanden werden könne. „Vielleicht ist es auch notwendig. Unser Land ist momentan so zwiegespalten, daß die Aktion von einem Teil der Leute überhaupt nicht verstanden werden kann.“ Die E-Mail-Adresse der Seite werde „überschüttet mit Nachrichten, 98 Prozent davon sagen Danke“.

Der Schauspieler Ulrich Tukur („Das Leben der anderen“), der ein Video zu der Protestaktion beigesteuert hatte, sagte gegenüber der NZZ: „Meine Kollegen und ich wollten lediglich ein Fenster in diesem trägen Haus aufreißen und frische Luft hereinlassen. Und jetzt gehen sich alle gegenseitig an die Gurgel. Schade.“ Er hätte sich eine offene Diskussion um diese „erratische und kontraproduktive“ Corona-Politik gewünscht, die ohne Not so viele Existenzen ruiniere. So aber hätten seine Kollegen und er „immerhin gezeigt, daß sich unsere Gesellschaft in einer erschreckenden Schieflage befindet und politische Inkompetenz wie ein Spaltkeil wirken kann“.

Am Donnerstag war erstmals die Seite www.allesdichtmachen.de online gegangen. In ursprünglich 53 Videos übten 53 Filmstars satirisch Kritik an den aktuellen, scharfen Lockdown-Maßnahmen der Regierung und deren Folgen, darunter „Babylon Berlin“-Hauptdarsteller Volker Bruch, „Tatort“-Kommissar Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur, Nadja Uhl, „Drei-Fragezeichen“-Sprecher Jens Wawrczeck, Wotan Wilke Möhring („Pastewka“), Meret Becker („Tatort“), Jörg Bundschuh und andere. Die überwiegende Mehrheit der in Deutschland tätigen Schauspieler arbeitet freiberuflich und hat seit mehr als einem Jahr fast kein Einkommen mehr.

Nur noch 32 Videos übriggeblieben

Daraufhin ging ein „Shitstorm“ in den sozialen Netzwerken über die Beteiligten nieder. Auf Twitter wurde aufgefordert, Namenslisten anzulegen. Meret Becker soll nach Informationen von Bild sogar mit dem Tode bedroht worden sein. In einem inzwischen wieder gelöschten Tweet hatte der WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin (SPD) die zuständigen Gremien aufgefordert, die Zusammenarbeit mit Liefers und weiteren Schauspielern „schnellstens zu beenden“.

Bundesaußenminister Heiko Mass (SPD) nannte den Protest der Schauspieler auf Twitter „respektlos gegenüber den Familien und Freunden der über 80.000 Coronatoten“ und verglich: „Das sind doppelt so viele, wie im Syrienkrieg jährlich sterben.“ Indes: „Die Schauspieler*innen sollten wir aber nicht in eine Ecke mit Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretikern stellen.“

Zeitweilig löschte Youtube den Kanal #allesdichtmachen aus den Suchergebnissen. Der bekannte Presse- und Medienrechtsanwalt Joachim Steinhöfel twitterte, die Videoplattform wäre deswegen abgemahnt worden. Inzwischen ist #allesdichtmachen dort wieder auffindbar.

Mit Stand Sonntag nachmittag sind auf der Seite nur noch 32 Videos geschaltet. In einem nachträglich hinzugefügten Statement wird dazu erklärt: „Übrigens: Wenn Videos von dieser Seite verschwinden, dann heißt das nicht zwingend, daß die jeweiligen Leute sich distanzieren. Es kann auch bedeuten, daß jemand sich einfach nicht in der Lage sieht, diesen Shitstorm auszuhalten, oder daß Familie und Kinder bedroht werden.“ Zudem wurde eine Distanzierung von „Rechten, Verschwörungstheoretikern und Reichsbürgern“ und der AfD angefügt. Die Homepage endet mit dem Zusatz „Übrigens: #FCKNZS“ (ru)

 

„Unser Land ist momentan so zwiegespalten“: Filmregisseur und #allesdichtmachen-Mitinitiator Dietrich Brüggemann (Archivfoto) Foto: picture-alliance | Mike Wolff TSP
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