Kriminalitätsstatistik

Ist Deutschland wirklich sicherer geworden?

Deutschland ist krimineller geworden, sagt US-Präsident Donald Trump. Seit Migranten aufgenommen würden, sei die Kriminalitätsrate um zehn Prozent gestiegen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat das zurückgewiesen. Die kürzlich erschienene Polizeiliche Kriminalitätsstatistik (PKS) für 2017 zeige eine „leicht positive Entwicklung“ und spreche für sich, sagte sie am Dienstag bei einem Treffen mit Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron in Merseberg.

Die „Tagesschau“ pflichtet Merkel bei und schrieb in einem Beitrag: „Laut den amtlichen Statistiken ist die Zahl der Verbrechen in Deutschland deutlich zurückgegangen. Die im Mai von Bundesinnenminister Horst Seehofer vorgelegte Polizeiliche Kriminalstatistik weist 5,76 Millionen Straftaten im vergangenen Jahr aus – dies ist der niedrigste Wert seit 1992.“ Die CDU wiederum griff die Meldung dankbar auf und jubelte auf Twitter: „Mit der CDU wird Deutschland sicherer.“

Doch ist das wirklich so? Auf den ersten Blick bestätigt die PKS 2017 Merkels Aussage. So wurden im vergangenen Jahr 5.761.984 Straftaten registriert. Zum Vergleich: 2015, auf dem Höhepunkt der Asylkrise, waren es 6.330.649 Delikte. Dies entspricht einem Rückgang um 568.665 erfaßter Taten (8,9 Prozent).

Doch das Bild vom sichereren Deutschland ändert sich, betrachtet man einzelne Deliktbereiche. So wurden im vergangenen Jahr 785 Morde verzeichnet. 2015 waren es 649. Dies entspricht einer Steigerung um 20,9 Prozent. Auch bei „Totschlag/Tötung auf Verlangen“ gab es einen Anstieg (plus 8,6 Prozent). 2017 wurden 1.594 entsprechende Taten registriert, 2015 waren es 1.467. Ähnlich sieht es bei weiteren Kriminalitätsfeldern aus. Unter: „Gefährliche und schwere Körperverletzung, Verstümmelung weiblicher Genitalien“ verzeichnet die PKS vom vergangenen Jahr 137.058 Fälle (plus 7,5 Prozent). Zwei Jahre zuvor zählte das BKA noch 127.395 Taten. Lediglich die Körperverletzungen mit Todesfolge sanken von 90 im Jahr 2015 auf 81 im vergangenen Jahr (minus zehn Prozent).

Einen starken Anstieg (plus 60,6 Prozent) gab es hingegen bei Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe. Dieser ist aber auch auf eine Gesetzesänderung vom November 2016 zurückzuführen, die eine Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung vorsah und neue Straftatbestände schuf. Zudem sagen Kriminalisten, die Anzeigebereitschaft sei durch die höhere mediale Aufmerksamkeit für die Problematik nach den Silvesterübergriffen in Köln gestiegen. So weist die PKS von 2015 7.022 Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen aus. 2017 stieg die Zahl auf 11.282 Taten. Diese teilen sich auf in 7.495 Vergewaltigung, sexuelle Nötigungen sowie sexuelle Übergriffe. Darunter befinden sich 380 Fälle von Gruppenvergewaltigungen. Hinzu kommen 2.987 „sonstige sexuelle Nötigungen“.

Der Rückgang bei den gesamten erfaßten Straftaten ist hingegen vor allem auf die gesunkene Diebstahlskriminalität zurückzuführen (Minus 15,7 Prozent). Sie nahm von 2.483.694 Delikten 2015 auf 2.092.994 im vergangenen Jahr ab.

Ob Deutschland also wirklich sicherer geworden ist, hängt somit auch davon ab, welche Straftaten man betrachtet. Fest steht, daß das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung durch Mordtaten wie in Freiburg an Maria L., in Kandel an Mia V., in Flensburg an Mireille B. oder, wie kürzlich, an Susanne F. in Mainz deutlich stärker beeinflußt wird als durch eine gesunkene Zahl an Fahrraddiebstählen, die von 335.174 Fällen 2015 auf 300.006 im vergangen Jahr zurückging (minus 10,5 Prozent).

Angela Merkel und Donald Trump streiten über die Kriminalität in Deutschland Foto: dpa / JF-Montage

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