Joachim Kuhs
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Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD): Die Kooperation mit der Bild-Zeitung wird zum Problem Foto: dpa / Screenshot Bild.de / „Bild“-Zeitung / JF-Montage

Bild-Zeitung unterstützt Flüchtlingspreis
 

Cheblis Zwickmühle

Alles schien perfekt: Ein eigener Preis für Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer, vergeben von der Berliner Senatskanzlei und dotiert mit insgesamt 6.000 Euro. Der Name: „#Farbebekennen-Award“. So könne man zeigen, „daß Geflüchtete unsere Partner sind auf dem Weg zu einem neuen Wir in unserer Stadt“, frohlockte Sawsan Chebli, Staatssekretärin für Bürgerliches Engagement.

Ausgezeichnet würden Initiativen, „die Begegnungen zwischen Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten schaffen und somit helfen, Spaltung und Haß zu überwinden“. Bewerben können sich „Geflüchtete als Einzelpersonen“ oder Initiativen noch bis zum 26. September. Aus ihnen wählt eine mehrköpfige Jury – darunter die Schauspieler Katja Riemann und Benno Führmann – „aus Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft“ anschließend eine „Top 5“. Über diese dürfen die Berliner Bürger dann im November online abstimmen. Der Gewinner soll am 2. Dezember im Berliner Rathaus ausgezeichnet werden.

Negative Schlagzeilen dominieren

In der Flüchtlingsdebatte werde häufig ignoriert, „daß sich inzwischen sehr viele Geflüchtete für unser Land stark machen, sich für den Zusammenhalt engagieren und mit dazu beitragen, daß Berlin bleibt, was es ist: nämlich eine weltoffene, tolerante und innovative Stadt im Herzen Europas“, begründetet SPD-Politikerin Chebli die Kampagne. Zu oft dominierten statt dessen negative Schlagzeilen die Debatten um Flucht und Migration. Diesem Image wolle man mit dem „#Farbebekennen-Award“ entgegenwirken.

Genau hier jedoch beginnt Cheblis aktuelles Problem. Denn die Preisverleihung wird laut offizieller Kampagnen-Seite von der Bild-Zeitung unterstützt, also genau jenem Blatt, in dem sich regelmäßig Berichte über mordende und vergewaltigende Asylbewerber sowie andere negative Begleiterscheinungen der Flüchtlingskrise finden. Vorbei sind die Zeiten, in denen Deutschlands größte Boulevard-Zeitung der Bundeskanzlerin treu zur Seite stand und ihren Kurs samt Refugees-Welcome-Logo unterstützte. Heute heißen die Schlagworte „Asyl-Chaos“, „Behördenversagen“, „Mord“ und „Totschlag“.

Und das wiederum bringt Berliner Flüchtlingsinitiativen auf die Palme, die wegen der Bild-Beteiligung nun Cheblis Vorzeigeprojekt boykottieren. Die Idee sei zwar gut. „Leider wird der Preis medial von Bild begleitet. Dies ist Grund genug, uns zu distanzieren“, kritisieren fünf Flüchtlingsprojekte aus der Hauptstadt. Die Bild trage zu einer Spaltung der Gesellschaft bei, so der Vorwurf.

„Fokussierung auf Straftaten“ 

„Zu oft lesen wir einseitige Berichterstattung und die Befeuerung einer tatsächlich angespannten gesellschaftlichen Situation mit Fokussierung auf Straftaten, zu selten Beiträge über Integration der Mehrheit der zu uns gekommenen Menschen.“ Es sei daher nicht nachvollziehbar, daß die Bild-Zeitung zu einem Preis für Willkommenskultur aufrufen und über diesen berichten solle. Falls die Kooperation mit dem Blatt beendet werde, würde man sich natürlich an der Aktion beteiligen.

Die Senatskanzlei bemüht sich unterdessen um Schadenbegrenzung. Man wolle mit den Initiativen den „Austausch intensivieren“, hieß es auf eine Anfrage der taz. Zudem sei die Bild gar kein richtiger Medienpartner, sondern begleite den Preis nur „medial“. Wie intensiv die Zeitung über „#Farbebekennen“ berichte, liege nicht in der Hand des Senats.

Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD): Die Kooperation mit der Bild-Zeitung wird zum Problem Foto: dpa / Screenshot Bild.de / „Bild“-Zeitung / JF-Montage
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