Delegierte mit Kopftuch
Delegierte mit Kopftuch Foto: Wirtschaftsministerium Sachsen

Handelsbeziehungen
 

Ministerien ließen Frauen für Broschüre verschleiern

DRESDEN/TEHERAN. Eine Reisebroschüre ostdeutscher Regierungen, in der die Frauen einer Wirtschaftsdelegation mit Kopftuch abgebildet sind, ist auf heftige Kritik gestoßen. Das Heft mit den verschleierten Politikerinnen und Unternehmerinnen aus Ostdeutschland wurde für eine Geschäftsreise in den Iran angefertigt.

Nach massivem Protest wegen der verschleierten Ministeriumsmitarbeiterinnen teilte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) am Dienstag zunächst mit, man habe „aus rein pragmatischen Gründen“ auf die Fotos für die Visa-Anträge zurückgegriffen. Eine Nachfrage der Bild bei der Staatskanzlei aus Mecklenburg-Vorpommern ergab jedoch, daß die Bilder bewußt ausgewählt wurden, „um die Gepflogenheiten des Gastlandes zu respektieren“. Das sei eben „Wandel durch Annäherung“, räumte daraufhin auch Dulig ein.

Von „vorauseilendem Gehorsam“ spricht hingegen Ulrike Becker von der Bürgerrechtsbewegung „Mideast Freedom Forum“. Die Broschüre zeige, daß es die Landesregierung Sachsen ist, die sich wandelt, während sich iranische Regierung keinen Millimeter bewegt, sagte die Iran-Expertin.

Die Grenze der Anbiederung sei überschritten

Mitreisende Frauen aus Sachsen-Anhalt waren in der Broschüre ohne Kopftuch abgebildet. Allerdings sei dies kein Statement, sondern nur Zufall. „Wir hatten auch Fotos mit Kopftuch produzieren lassen“, die aber „leider verloren gegangen“ seien, heißt es aus dem Magdeburger Wirtschaftsministerium. Daher habe man auf Bilder ohne Kopftuch zurückgegriffen.

„Wir hatten uns alle darauf verständigt, in der Broschüre ein Foto mit Kopftuch zu veröffentlichen“, sagte Außen-Referatsleiterin Catrin Gutowsky. „Es ging ja darum, daß uns unsere Ansprechpartner im Iran erkennen. Und da wir dort mit Kopftuch auftreten wollten, haben wir diese Fotos produzieren lassen.“

Kritik an der Wandlungsfähigkeit der SPD-Delegation kam von der CDU, der Linkspartei und einer Gruppe iranischer Frauenrechtlerinnen. Die Kopftuch-Bilder seien „ein Bärendienst für die Frauen im Iran“, schimpfte der Vize-Chef der Deutsch-Iranischen
Parlamentariergruppe und Bundestagsabgeordnete, Thomas Feist (CDU). „Niemand verlangt dort solche Bilder.“ Die Grenze der Anbiederung sei überschritten, ergänzte Gleichstellungssprecherin Sarah Buddeberg von der Linkspartei.

„Mich hat niemand um Erlaubnis gefragt“

Die Begründung, auf die „Gepflogenheiten des Gastlandes“ Rücksicht nehmen zu wollen, sei eine Beleidigung, sagte die Kampagnen-Gründerin der Facebookseite „My stealthy Freedom“ („meine heimliche Freiheit“), Masih Alinejad. Auf der Seite zeigen sich iranische Frauen ohne Kopftuch, um gegen ihre Diskriminierung zu protestieren.  „Der Kopftuchzwang ist ein diskriminierendes Gesetz und nicht die Kultur der Iraner. Er zwingt Mädchen ab sieben Jahren und alle Frauen, muslimisch und nicht-muslimisch, unter den Schleier“, kritisierte Alinejad die Zustände in ihrer Heimat.

Die deutschen Frauen hätten mit ihrer Aktion der Islamischen Republik Iran ihren Respekt gezollt, nicht den iranischen Menschen, empörte sich Alinejad. Millionen Iranerinnen brächten sich immer wieder in Gefahr, um gegen den Kopftuchzwang zu protestieren, wie könne das Kopftuch dann als „Gepflogenheit“ des Landes gewertet werden?

In dem Heft der Delegation, die nach dem Ende der Sanktionen neue Wirtschaftsbeziehungen knüpfen wollte, wurden offenbar einige Kopftuchfotos auch ohne Wissen der mitreisenden Frauen verwendet. „Mich hat niemand um Erlaubnis gefragt“, beschwerte sich die Dresdner Unternehmerin Gabriele Schwarz. Inzwischen hat die sächsische Landesregierung die Broschüre aus dem Internet entfernt. (mv)

Delegierte mit Kopftuch Foto: Wirtschaftsministerium Sachsen
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