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Holger Zastrow
Sächsischer FDP-Landes- und Fraktionschef Holger Zastrow Foto: dpa

Interview
 

„Wir brauchen eine bürgerliche Gedenkkultur“

Vor einigen Wochen forderte der sächsische FDP-Chef Holger Zastrow, den 17. Juni wieder zum Feiertag zu machen. Durchschaubares Wahlmanöver oder ernst gemeinter Vorschlag? Im Interview mit der JUNGEN FREIHEIT verteidigt Zastrow seine Initiative und erläutert, warum er die Fokussierung auf „linkes Gedenken“ für falsch hält.

Herr Zastrow, Sie wollen in Sachsen den 17. Juni wieder als Feiertag einführen. Ein Wahlkampfmanöver?

Zastrow: Ich kann ja als Politiker nicht auf Ideen und Initiativen im Wahljahr verzichten, damit mir niemand Wahlkampfmanöver unterstellt.

Es sieht aber so aus, als wolle die FDP verzweifelt die Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Zastrow: Der Juni liegt nun einmal zwei Monate vor dem August.

Das kann so nicht bleiben!

Wie kamen Sie dann auf die Idee?

Zastrow: Als ich die Einladung für die Dresdner Gedenkfeier zum 17. Juni bekommen habe, war ich schon darüber erschrocken, was dann wirklich stattfand: Im Stadtteilrathaus Dresden-Leuben trafen sich eine Handvoll Politiker, eine Handvoll Verwaltungsbeamte und eine Handvoll Bürger – zusammen vielleicht etwa zwanzig Personen.

Es gab einen interessanten Fachvortrag, und eine kleine Delegation um den Niedersedlitzer Heimatverein machte sich auf den Weg und legte ein paar Gebinde am Portal des Dresdner Sachsenwerkes nieder. Das war die ganze Erinnerung an den 17. Juni 1953, den auch viele Sachsen noch miterlebt haben, an die – neben der Friedlichen Revolution – größte Freiheitsbewegung unserer Zeit in Sachsen. Da habe ich mir gesagt: Das kann so nicht bleiben!

Warum wollen Sie den 17. Juni nur in Sachsen wieder einführen?

Zastrow: Der 17. Juni 1953 hat unter anderem vor allem in Sachsen stattgefunden, diese Erinnerung will ich hier lebendig halten. Der 17. Juni ist übrigens auch Teil meiner Familiengeschichte: Mein Urgroßvater wurde im Nachgang denunziert, anschließend eingesperrt, kam als gebrochener Mann aus der Haft und verstarb ein halbes Jahr später. Solche Geschichten finden sich in vielen Familien. Aber ich hätte nichts dagegen, wenn andere Bundesländer, insbesondere Ostländer, die Idee aufgreifen würden. In Sachsen ist die Einführung leicht möglich …

Der 17. Juni mehr für Sachsen als der Buß- und Bettag

Ihr Vorschlag ist, dafür den Buß- und Bettag zu streichen.

Zastrow: Der Buß- und Bettag wurde 1995 zur Finanzierung der Pflegeversicherung deutschlandweit als gesetzlicher Feiertag abgeschafft – nur in Sachsen gibt es ihn noch. Die Sachsen zahlen für den Tag 0,5 Prozent ihres Bruttos – mehr als ein Arbeitstag einbringt. Wenn der Bürger schon selbst bezahlt und sogar draufzahlt, muß doch die Frage erlaubt sein: Willst Du diesen Feiertag überhaupt oder vielleicht lieber einen anderen? Meiner Meinung nach steht der 17. Juni mehr für Sachsen als der Buß- und Bettag.

Der Buß- und Bettag steht als evangelischer Feiertag doch gerade für Sachsen als einem Mutterland der Reformation.

Zastrow: Der Buß- und Bettag wurde 1893 in Preußen als gesetzlicher Feiertag eingeführt, 1934 dann deutschlandweit. Er hat nichts mit Sachsen oder mit der Reformation zu tun.

Ihr Koalitionspartner hat schon klargestellt, daß eine Streichung des Buß- und Bettag mit der CDU nicht zu machen ist.

Zastrow: Deshalb schlage ich vor, die Entscheidung den Sachsen selbst zu überlassen.

Fokussierung auf linkes Gedenken ist falsch

Sie haben in Sachsen bereits einen Gedenktag für die Heimatvertriebenen – wie es ihn bisher nur in Hessen und Bayern gab – durchgesetzt.

Zastrow: Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie populär es in Deutschland ist, linke Gedenkkultur zu pflegen, während sich um bürgerliche Gedenkkultur kaum einer kümmert. Beispielsweise wurde der 70. Jahrestag des 20. Juli 1944, wie auch das Gedenken an den 17. Juni 1953, sehr isoliert begangen. Bei beiden Gedenkveranstaltungen traf ich übrigens nur Repräsentanten von CDU und FDP, sonst niemanden!

Statt dessen bemühen sich Grüne, Linke und SPD zum Beispiel um die Benennung einer Dresdner Straße als Guernicastraße. Aber hat Dresden wirklich so viel mit Guernica zu tun? Ich halte diese Fokussierung auf linkes Gedenken für einen Fehler; auch bürgerliche Gedenkkultur muß lebendig sein. Dafür wollen wir etwas tun!

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Holger Zastrow: Der FDP-Landesvorsitzende in Sachsen und Fraktionschef im Dresdner Landtag war von 2011 bis 2013 Stellvertretender Bundesvorsitzender und Mitglied des Bundesvorstands der Liberalen. 1969 in Dresden geboren, gründete der spätere Industriekaufmann und Inhaber einer Werbeagentur bereits 1989 die „Jungliberale Aktion“ als Alternative zur SED-Jugendorganisation FDJ. Nach dem Landtagswahldebakel 1999 übernahm Zastrow den Vorsitz der damals zur Ein-Prozent-Partei geschrumpften sächsischen FDP und führte diese 2004 mit fast sechs Prozent zurück in den Landtag.

2009 holten die Liberalen unter ihm sogar zehn Prozent. Eigentlich sollte Zastrow nun stellvertretender Ministerpräsident und Minister im Kabinett von Stanislaw Tillich (CDU) werden, lehnte dies jedoch ab, um weiterhin die Fraktion zu führen.

Sächsischer FDP-Landes- und Fraktionschef Holger Zastrow Foto: dpa
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