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Historiker
 

Wolffsohn wirft Simon-Wiesenthal-Zentrum Wichtigtuerei vor

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Plakat zur Kampagne „Spät. Aber nicht zu spät! Operation Last Chance II“ Foto: operationlastchance.org

BERLIN. Der Historiker Michael Wolffsohn hat scharfe Kritik an der Arbeit des Simon-Wiesenthal-Zentrums geübt. Dort wehe nicht der Geist von Simon Wiesenthal, sondern der „Geist von Wichtigtuerei“, sagte der in Israel geborene Historiker dem Deutschlandfunk.

Hintergrund ist die am Dienstag vom Zentrum begonnene Kampagne „Spät. Aber nicht zu spät! Operation Last Chance II“, bei der die Einrichtung ein Kopfgeld für Hinweise zur Ergreifung und Verurteilung ehemaliger NS-Verbrecher auslobt. Dazu sollen in Berlin, Hamburg und Köln 2.000 Plakate angebracht werden.

„Spät. Aber nicht zu spät!“ sei ist eine Kampagne „zur Erleichterung der Strafverfolgung von NS-Verbrechern in Deutschland“, heißt es auf der dazugehörenden Internetseite. Sie konzentriere sich auf Personen, die in Vernichtungslagern und mobilen Mordkommandos eingesetzt gewesen seien.

Wolffsohn: „Pietätlos und schamlos“

„Eine Belohnung bis zu 25.000 Euro wird ausgesetzt für sachdienliche Hinweise, die zur Bestrafung von Holocaust-Tätern beitragen, unter folgenden Bedingungen: 5000 Euro für eine Anklageerhebung; 5000 Euro für eine Verurteilung; 100 Euro pro Tag Haft für die ersten 150 Tage Gefängnis, bis zu 15.000 Euro zusätzlich. Maximal: 25.000 Euro.“

Wolffsohn lehnte die Kampagne als „pietätlos und schamlos“ ab. „25.000 Euro für Schwerstverbrecher. Sind die nicht ‘mehr wert’, wenn sie verfolgt werden? Das sind doch alles absurde unappetitliche Fragen, die nun mit einer moralisch intensiven Aufarbeitung weniger als nichts zu tun haben. Ich finde das Ganze geschmacklos“, kritisierte der ehemalige Dozent der Bundeswehruniversität in München.

Viel wichtiger sei eine weitere solide intensive Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Hier seien die Geschichtswissenschaft, die Medien und die politisch-pädagogisch Verantwortlichen seit Jahrzehnten auf gutem Wege. „Und jetzt so zu tun, als ob es zwei Minuten vor zwölf ist, das bringt nun wirklich überhaupt nichts. Im Gegenteil, das löst eher Mitleidseffekte aus mit Leuten, die kein Mitleid verdienen“, warnte Wolffsohn und erinnerte an den Prozeß gegen mutmaßliche KZ-Wachmann John Demjanjuk. (krk)

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