Markus Krall Freiheit oder Untergang
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Stasi-Unterlagenbehörde
 

Streit um Stasi-Mitarbeiter verschärft sich

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Stürmung der Stasi-Zentrale am 16. Januar 1990: Ist die bloße Opferperspektive falsch? Foto: Wikipedia/Bundesarchiv

HALLE. Der Streit um ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit in der Stasi-Unterlagenbehörde findet offenbar kein Endef. Nachdem nun der Beiratsvorsitzende der Behörde, der evangelische Theologe Richard Schröder, den neuen Behördenleiter Roland Jahn wegen dessen Kompromißlosigkeit scharf kritisiert hatte, sieht er sich seinerseits mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.

Schröder hatte Jahn öffentlich vorgeworfen, sein Amt nur aus Sicht der DDR-Opfer wahrzunehmen. „Daß die Perspektive der Opfer das letzte Wort hat, ist nicht in Ordnung“, wird Schröder zitiert. Beide, sowohl Opfer als auch Täter, seien befangen. „Der Bundesbeauftragte hat die Aufgabe, die Behörde in der Mitte zu halten.“

Rücktritt Schröders gefordert

Diese Maßregelung Jahns löste zahlreiche Empörung aus. Der Direktor der Stasi-Opfergedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, fordert den Rücktritt Schröders. „Man muß Diktaturen ausschließlich aus der Perspektive der Opfer betrachten“, sagte er der Mitteldeutschen Zeitung. Die Haltung Schröders sei „dubios“ und zeige, „daß er von den Opfern sehr weit weg und in dieser Position als Beiratsvorsitzender fehl am Platze ist.“

Ähnlich äußerte sich der Direktor des Leipziger Stasi-Museums, Tobias Hollitzer. „Schröder muß sich überlegen, ob er noch an der richtigen Stelle ist“, heißt es bei Morgenpost Online. Der Beiratsvorsitzende der Stasi-Unterlangenbehörde solle deren Leiter „beraten und nicht öffentlich maßregeln“.

Auch der Historiker Manfred Wilke, Mitglied im Beirat der Behörde, zeigt sich der Zeitung gegenüber verwundert: „Es ist befremdlich, wie Schröder Jahn in Mißkredit bringt. Dabei weiß er, daß dieser Bundesbeauftragte die Gefängniszellen der Staatssicherheit von innen gesehen hat.“

Stasi-Verstrickungen von Westpolitikern?

Hintergrund sind rund fünfzig Ex-Stasi-Mitarbeiter, die in der Behörde beschäftigt sind und die der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Jahn versetzen lassen will. Dieses Vorhaben löste heftigen Protest von Seiten der SPD aus. So beschimpfte ihn beispielsweise der SPD-Politiker Dieter Wiefelspütz als „Eiferer“, der sein Ziel mit „Schaum vor dem Mund“ verfolge.

Die SPD im Sächsischen Landtag solidarisierte sich dagegen mit dem Beauftragten der Stasi-Unterlagenbehörde. Jahn sei ein „Vertreter der Versöhnungspolitik“, sagte die Abgeordnete Hanka Kliese. „Versöhnung bedeutet aber nicht nur Vergeben, sondern auch Wiedergutmachung und das Hineinversetzen in die Sichtweise der Opfer.“

Brandenburgs CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski vermutete im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT, daß möglicherweise Stasi-Verstrickungen von Westpolitikern Grund für Nervosität in der SPD seien. (FA)

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