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Aktenfund
 

Zweiter Stasi-Spitzel in „Fall Kurras“ verwickelt

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Denkmal für Benno Ohnesorg: Nicht nur der Schütze stand in Stasi-Diensten Foto: Wikipedia/Bundesarchiv

BERLIN. Auch der Pressefotograph, der 1967 die ersten Aufnahmen des tödlich verletzten Benno Ohnesorg gemacht hatte, hat für die DDR-Staatssicherheit (MfS) gearbeitet. Heinrich Burger war als erster Reporter zur Stelle, nachdem der jetzt als Stasi-Informant enttarnte West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras den Studenten Ohnesorg mit einem Kopfschuß niedergestreckt hatte.

Burger war zu dieser Zeit fester Mitarbeiter im Lokalressort der Berliner Morgenpost. Ab 1970 arbeitete er als Redakteur bei der SPD-Wochenzeitung Berliner Stimme und war schließlich Sprecher der Berliner Sozialdemokraten. Heute gilt er als eine Top-Quelle der Staatssicherheit innerhalb der Partei.

Burger ist bereits 1976 enttarnt und im Mai 1977 wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit für die DDR zu einer siebenjährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Zwei Jahre später wurde er im Rahmen eines Agentenaustauschs in die DDR entlassen worden. Nach eigenen Angaben hatte sich Burger erst 1968 beim MfS zur Spionage verpflichtet.

Stasi wurde umfangreich informiert

Alexander Kulpok, früherer Reporter des Senders Freies Berlin, erklärte dagegen dem RBB-Inforadio, daß Burger bereits vor der Demonstration gegen den Schah-Besuch die DDR-Staatssicherheit über das beabsichtigte harte Vorgehen der West-Berliner Polizei in Kenntnis gesetzt hatte. Kulpok zufolge hatte sich Burger während der gesamten Demonstration immer in der Nähe des Kriminalbeamten Kurras befunden.

Der frühere Spion Burger hat auch eine Erklärung für die nun bekanntgewordene Stasi-Tätigkeit des Polizisten Kurras. Der Berliner Morgenpost sagte er: „Aus meiner Geheimdienst-Erfahrung heraus kann ich mir durchaus vorstellen, daß die DDR durch eine Eskalation der Studentenunruhen die Bundesrepublik ins Wanken bringen wollte. Sein Auftrag könnte gewesen sein, durch besonders aggressives Verhalten die Studenten aufzuwiegeln“.

Konsequenzen im „Fall Kurras“ gefordert

Nach den Enthüllungen über die Stasi-Tätigkeit des früheren West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte, hat der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) das Landesverwaltungsamt mit der Untersuchung des Falles beauftragt.

Wie Körting dem Innenausschuß des Abgeordnetenhauses mitteilte, sollten gegebenenfalls „beamtenrechtliche Konsequenzen“ gegen den pensionierten Kriminalbeamten geprüft werden, heißt es in einer Meldung der Nachrichtenagentur ddp. Allerdings gibt es auch Stimmen, die eine disziplinarrechtliche Sanktion im Fall des 81 Jahre alten Kurras für unwahrscheinlch halten.

<---newpage--->Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Bosbach, betonte, dessen Tätigkeit für die DDR-Staatssicherheit sei mittlerweile verjährt. Daher könnten auch seine Pensionsansprüche nicht angetastet werden. „Es ist natürlich ein bitteres Ergebnis, wenn jemand, der gegen sein eigenes Vaterland gearbeitet hat, von diesem Land auch noch eine Pension bekommt“, sagte der CDU-Politiker laut dem Nachrichtenmagazin Focus.

Stalinismus-Opfer stellen Strafanzeige

Zuvor hatte der stellvertretende FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle der Bild-Zeitung gesagt, es müßten alle disziplinarrechtlichen Möglichkeiten gegen Kurras ausgeschöpft werden.

Die Gewerkschaft der Polizei kündigte inzwischen an, Kurras, der bis 1987 im Westteil der Stadt seinen Dienst versehen hatte, aus ihren Reihen auszuschließen. Man werde ein Ordnungsverfahren gegen ihn einleiten, teilte der stellvertretende Berliner Landesvorsitzende, Michael Purper, dem Tagesspiegel mit.

Unterdessen hat der „Verein der Opfer des Stalinismus“ Anzeige wegen Mordes gegen Kurras gestellt. Die neuen Erkenntnisse machten ein Aufrollen dieses Falles notwendig, stellte der Vereinsvorsitzende Wolfgang Holzapfel gegenüber der JUNGEN FREIHEIT fest: „Mit der Anzeige wegen Mordes wollen wir die Staatsanwaltschaft zwingen, Ermittlungen aufzunehmen, da dieser Tatbestand – im Gegensatz zur Spionage – nicht verjährt“, sagte Holzapfel.

Kritik an Birthler-Behörde

Kurras sei ein „Zahnrad in der West-Bespitzelung“ der Stasi gewesen; deswegen müsse sein Verein als Interessenvertretung der SED-Opfer tätig werden, betonte Holzapfel im Gespräch mit der JF.

Bei zwei Gerichtsverfahren 1967 und 1970 war der Polizist vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung rechtskräftig freigesprochen worden.

Der Leiter des „Forschungsverbunds SED-Staat“ der Freien Universität Berlin, Klaus Schroeder, warf der Birthler-Behörde vor, die Stasi-Akten nicht systematisch zu erschließen. Es sei ein Skandal, daß Kurras´ Spionage-Tätigkeit nur zufällig entdeckt worden sei. (vo)

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