Joachim Kuhs
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Arabische Revolution
 

Lybisches Bürgerkriegstagebuch VII

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Yussuf, 19, Rebellenkämpfer
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Anders als in den internationalen Medienberichten verlautbart, ist der Flughafen von Bengasi Ende Februar nicht bombardiert worden. Es liegen einige zerschossene Busse und alte Flugzeuge herum. Die Rollbahnen sind nur mit Flugabwehrgeschützen vollgestellt. Das Militär hat sich hier eingerichtet
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Schwarzafrikaner aus Mali und Tschad sollen in Zivilkleidung aus Sabha nach Bengasi geflogen worden sein. Hier wechselten sie ihre Kleidung in Militäruniform, so Mitarbeiter des nun geschlossenen Flughafens

14. März 2011

Heute habe ich den Al-Fuhait-Friedhof von Bengasi besucht, eine britische Weltkriegs-Gedenkstätte. Sie ist unbeschädigt. Das gilt auch für die jüdischen Grabsteine.

In der Kinderklinik Al-Fuhait wird mir berichtet, daß die verhafteten bulgarischen Krankenschwestern unschuldig waren. Der Fehler lag beim libyschen Staat, der billige Blutkonserven gekauft hatte.

Viele Leute sind nervös und optimistisch zugleich. Ein Teil der Journalisten hat Bengasi in Richtung ägyptische Grenze verlassen. Die Revolutionsleute sind aber weiter ehrlich zuversichtlich, noch gewinnen zu können. Gaddafi setze alles auf die Ölregionen um Brega, weil er Treibstoff brauche, heißt es. Die Libyer zitieren immer wieder ihren Unabhängigkeitskrieger Omar Mukhtar, der sagte: „Wir siegen oder sterben.“

Diese Haltung ist immer wieder anzutreffen. In einem weiteren Krankenhaus treffe ich den 19jährigen Aufständische Yussuf el Mismary. Er hat sich, nachdem er vom Tod eines Freundes aus der Nachbarschaft gehört hatte, ohne die Familie zu informieren, an die Front aufgemacht. Fünf Tage kämpfte er in Brega, Ras Lanuf und Ben Jawaad mit einer MK16. „Alle zehn Minuten gingen zwischen zehn und vierzig Raketen auf dem Gelände nieder“, berichtet er. Er selbst wurde bei einem Raketenangriff bei Ben Jawad am 9. März schwer verletzt. Fünf Kameraden seien dabei gestorben. Yussuf hat sich zwei tiefe Fleischwunden im Bauch zugezogen und wurde vorerst in Adschdabija notdürftig behandelt.

Unter Gaddafi habe er weder Freiheiten noch einen Job gehabt. Deshalb müsse der Diktator weg. Seine Entscheidung bereut er nicht. Auch die Familie (mittlerweile am Krankenbett) ist stolz auf den Sohn – trotz aller Angst. Sollte Gaddafi nach Bengasi zurückkommen, würden seine Truppen, ohne mit der Wimper zu zucken, die Verletzten in den Krankenhäusern erschießen, sagen die freiwilligen Helfer. Dies sei bereits in Tripolis der Fall gewesen

Ein türkisches Schiff hat heute vom Hafen Bengasi einige Libyer, einen rumänischen Petrolarbeiter und einen britischen Lehrer Richtung Türkei mitgenommen. Ein ägyptisches Schiff liegt noch vor Anker.

Es gab wieder etwa 1000 bis 2000 Demonstranten auf dem Märtyrer-Platz an der Mittelmeerpromenade. Einige Protestierende haben eine gebastelte TNT-Bombe etwa 50 Meter vor dem Strand über dem Meer gezündet. Es gab einen großen Knall mit Lichtblitz.

Libysches Bürgerkriegstagebuch VI

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