Joachim Kuhs

 

Polnische Opferzahl nach unten korrigiert

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Screenshot der Internetseite des Programms „Polnische Staatsbürger – Opfer und Verfolgte unter der deutschen Besatzung“

KRAKAU. Unmittelbar vor den Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs hat das polnische Institut für Nationales Gedenken (IPN) in Krakau die Zahl polnischer Kriegsopfer nach unten korrigiert. Bis dahin wurden regelmäßig 6,028 Millionen polnische Opfer in Geschichtsbüchern und historischen Werken genannt. Das IPN behauptet jetzt, daß von 1939 bis 1945 zwischen 5,62 und 5,82 Millionen polnische Staatsbürger, unter diesen 2,8 Millionen Juden, kriegsbedingt ihr Leben ließen.

Als Ursache für diese Korrektur führt das IPN an, daß nach dem Kriege keine genauen Opferzahlen ermittelt werden konnten, da aus Kirchen, Klöstern, aber auch Ämtern die Bücher beziehungsweise Akten verschwunden waren oder durch die Geheimpolizei beschlagnahmt worden waren. So basierte eine erste Statistik weitgehend auf groben Schätzungen aufgrund eines Soll-Ist-Abgleichs der Einwohner des polnischen Staatsgebiets 1931 (letzte Volkszählung in Polen) und 1947.

Erstmals verweist die Behörde auf die Opfer unter polnischen Zwangsarbeitern im Deutschen Reich, die durch Bombardements der Alliierten auf die deutsche Großindustrie und Städte ums Leben kamen. Allerdings wird weder eine konkrete Zahl dieser Bombentoten unter den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern im Reich genannt noch eine genaue Angabe über die vielen nach 1945 nach Übersee ausgewanderten polnischen DPs gemacht.

Opfer deutscher Besatzung werden namentlich erfaßt

Die namentliche Erfassung der unter deutscher Besatzung umgekommenen Polen geht unterdessen weiter. 2006 legte das IPN zusammen mit dem Ministerium für Kultur und Nationalerbe der Republik Polen dazu ein Forschungsprogramm auf. Es trägt den Titel „Polnische Staatsbürger – Opfer und Verfolgte unter der deutschen Besatzung“. Ziel des Programms ist es, alle Personen, welche zwischen 1939 und 1945 polnische Staatsbürger waren und unter den Repressionen des NS-Regimes leiden mußten, in einer zentralen Datenbank zu erfassen.

Statt ungefährer Schätzungen solle der Versuch unternommen werden, präzise Erhebungen anhand persönlicher Zeugenberichte zu erstellen, heißt es dazu auf der zugehörigen Internetseite, die auch in deutscher Sprache abgefaßt ist.

Bereits unter Leitung der Stiftung „Karta“ konnten die Namen von 1,5 Millionen Opfer unterschiedlicher Herkunft festgestellt werden. Vor wenigen Monaten übernahm die personell und finanziell besser ausgestattete Stiftung „Deutsch-Polnische Aussöhnung“ diese Verantwortung für das Projekt.

Die Erfassung auch der Opfer sowjetischer Besatzungsherrschaft in Polen ist nicht Aufgabe des Programms. (bä/ru)

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