Der Fluch der guten Taten

Dem Erdbeben, das 1755 Lissabon zerstörte, folgte ein philosophisches Nachbeben, schien es doch Leibniz‘ Vorstellung Lügen zu strafen, daß wir in der besten aller möglichen Welten leben – so sah es jedenfalls Voltaire. Nun geben die über 200.000 Toten und drei Millionen Betroffenen des Bebens auf Haiti (JF 4/10) Anlaß zu allerlei weltanschaulichen Spekulationen über Sinn und Unsinn der Entwicklungshilfe. US-Kommentatoren wie Bill O‘Reilly von Fox News prophezeien, der derzeitige Ausfluß an Betroffenheit und Spenden werde in einem schwarzen Loch verschwinden. Am anderen Ende des politischen Spektrums fordert Jeffrey Sachs, Direktor des Earth-Instituts der Columbia Universität, einen „Welt-Marshall-Plan“, mittels dessen in den nächsten fünf Jahren zehn bis fünfzehn Milliarden US-Dollar in die Dritte Welt fließen sollen – finanziert durch eine Sondersteuer auf Wall-Street-Boni.

Momentan schlagen alle Herzen für Haiti. Die weltweiten Spendengalas sammeln Millionen ein. Selbst alte Rivalen wie Bill Clinton und George W. Bush engagieren sich mit vereinten Kräften für den guten Zweck. Die Gelder sprudeln – sie gelangen aber nur zähflüssig nach Haiti, wo sich verständliche Frustration über die willkürliche und unzuverlässige Verteilung von Hilfsgütern ausbreitet. Gewinner sind die großen Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz, auf deren Konten die Gelder landen. Dabei sah sich das Rote Kreuz in früheren Fällen humanitärer Intervention nach Naturkatastrophen Vorwürfen der Korruption und Mißwirtschaft ausgesetzt.

An der Frage, ob Entwicklungshilfe bedürftigen Ländern wirklich hilft oder sie vielmehr in noch stärkere Abhängigkeit bringt und daran hindert, sich selber zu helfen, scheiden sich die Geister der Ökonomen. Die afrikanische Wirtschaftswissenschaftlerin und Sachs-Schülerin Dambisa Moyo, bestreitet in ihrem Buch „Dead Aid. Why Aid Is Not Working and How There Is Another Way for Africa“ (2009) zwei Hauptargumente der Entwicklungshilfebefürworter: Weder handle es sich um eine moralische Pflicht der reicheren Staaten, noch seien Geldtransfers an andere Regierungen der geeignete Weg, den betroffenen Regionen aus der Armut zu helfen.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird die Notwendigkeit von Finanzhilfen für ärmere Länder traditionell mit dem Eigennutz der Reichen begründet. Sowohl 1968 die Pearson- als auch neun Jahre später die Brandt-Kommission unter dem früheren Bundeskanzler vertraten den Standpunkt, um Elend und Arbeitslosigkeit in Entwicklungsländern zu senken, müsse man für eine Steigerung der globalen Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen sorgen. Von der Schaffung prosperierender Marktwirtschaften versprachen sich die USA zudem einen Puffereffekt gegen den Kommunismus.

Die Wirklichkeit sah leider anders aus. Alle Befreiungsrhetorik wider den ausbeuterischen Kapitalismus, der sich an den Ressourcen und der Arbeit anderer bereichere, ändert nichts daran, daß arme Länder einen winzigen Prozentsatz des globalen Investitions- und Kapitalvolumens ausmachen. Das tiefere Problem ist und bleibt ihre Kapazität, massive Finanzhilfen aufzusaugen, die zumeist auf sporadischer Basis erfolgen. Wie Moyo hervorhebt, lenken Rockstars und Promis die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit immer nur so lange auf ein isoliertes Problem, bis der nächste gute Zweck ihm den Rang abläuft. Derartige „Hilfe“ ruft nicht nur Ressentiments hervor, sondern wirft die Binnenmärkte aus dem Gleichgewicht. Zudem stellen plötzliche Kapitalflüsse eine unwiderstehliche Versuchung für Diktatoren und ihre Günstlinge dar. In einem Spiegel-Interview von 2005 führte der kenianische Ökonom James Shikwait aus, daß auch gespendete Hilfsgüter oft in den Händen korrupter Politiker landen, die sie als Wahlgeschenke unter den Angehörigen des eigenen Stamms verteilen – oder aber auf dem Schwarzmarkt zu Preisen verschleudert werden, mit denen die einheimischen Bauern nicht mithalten können.

Entwicklungshilfe muß auf anhaltendes Wirtschaftswachstum abzielen, statt kurzfristig an Problemen zu flicken. Daß China und Indien heute zu den stärksten Volkswirtschaften der Welt zählen, verdanken sie keineswegs Finanzhilfen aus dem Ausland, sondern („neo“-)liberalen Reformen. Beide haben aus ihren Erfahrungen mit Entwicklungshilfe von der einen oder anderen Seite im Kalten Krieg sowie Experimenten mit „Dritten Wegen“ gelernt, daß sich Armut nur überwinden läßt, indem sie zu erfolgreicheren Kapitalisten wurden.

Ob Haiti je ein ähnliches Kunststück gelingen könnte, ist freilich mehr als fraglich. Die jahrzehntelange Einmischung von außen hat den Inselstaat in noch größere Abhängigkeit gebracht und seine Binnenmärkte zerstört, wie die National Academy of Public Administration konstatiert (www.napawash.org). Allerdings werden die Ursprünge der Probleme zu Unrecht auf Ausbeutung durch Kolonialmächte zurückgeführt. Tatsächlich waren sie weitgehend selbstverschuldet. Freilich wurde die Korruption der gesellschaftlichen Führungsschicht vom Ausland gefördert und unterstützt. Das Wall Street Journal berichtete Ende Januar, daß der 1991 gestürzte, 1994 von der Clinton-Regierung wieder eingesetzte und 2004 des Landes verjagte haitianische Diktator Jean-Bertrand Aristide Schmiergelder in Millionenhöhe aus einem Abkommen zwischen der zu 98 Prozent in Regierungsbesitz befindlichen Telekommunikationsgesellschaft TeleCo und der US-Firma Fusion erhalten habe. Geschäftsführer und Mitgründer von Fusion ist Marvin Rosen, Spendensammler und Ex-Parteichef der Demokraten. Und heute wirkt ausgerechnet Hillary Clinton als Außenministerin federführend an der Rettungskampagne für den Inselstaat mit.

Ein moralischer und ethischer Imperativ verlangt, daß die internationale Gemeinschaft Haiti alle erdenkliche Hilfe leistet, um die verheerenden Folgen des Erdbebens zu überwinden – selbst wenn ein Großteil der Spendengelder die Opfer niemals erreichen wird. Langfristig läßt sich das Land jedoch nur durch weniger Einmischung jeglicher Art retten. Das bedeutet vor allem, nicht länger gedankenlos Riesensummen in eine marode Wirtschaft und ein kaputtes politisches System zu versenken. Solange die Augen der Welt noch auf Haiti gerichtet sind, müßte vielmehr die Gelegenheit genutzt werden, den Staat von Grund auf neu aufzubauen, etwa indem man geschäftstüchtige Haitianer direkt unterstützt und eben nicht die korrupte politische Führung.

Foto: Erdbeben-Opfer in Haiti mit US-Hilfsgütern: Den Staat neu aufbauen

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