Ein Kontinent auf Wanderschaft

Im deutschen Migrationsdiskurs geht es gern drunter und drüber. Da werden Hugenotten in Preußen, oberschlesische Grubenarbeiter im Ruhrpott und Heimatvertriebene aus den Ostgebieten mit türkischen Gastarbeitern und afrikanischen Asylbewerbern fröhlich in einen Topf geworfen, und wenn man lange genug umrührt, kommt am Ende heraus, daß Deutschland immer schon „multikulturell“ und ein „Einwanderungsland“ gewesen sei. Detailkenntnisse, Differenzierung und historische Einordnung können das schöne Bild nur verderben. Ganz so leicht wie das Gros der einfältigen Multikulturalisten macht es sich die „Enzyklopädie Migration in Europa“ nicht. Das deutsch-niederländische Herausgeberteam bemüht sich in den konzeptionellen Einleitungskapiteln um erschöpfende Differenzierung der unterschiedlichen Wanderungsbewegungen in, aus und nach Europa über die Jahrhunderte hinweg, die in nach Großräumen gegliederten Länderüberblicken und schließlich in zahlreichen ausgewählten Einzelbeiträgen kundig und faktenreich beleuchtet werden. Freilich: Nur wenn man jegliche Wanderungsbewegung – erzwungen oder aus eigenem Antrieb, saisonal, mehrjährig oder auf Lebenszeit, im Nahbereich oder über Kontinente hinweg, aus wirtschaftlichen oder kulturellen Motiven, von Armen, Arbeitssuchenden, Söldnern oder Managern – ohne Wertung unter dem Generalbegriff „Migration“ zusammenpackt, kann die kühne Eingangsthese tragen: daß Migration „zur Conditio humana“ gehöre „wie Geburt, Vermehrung, Krankheit und Tod; denn der Homo sapiens hat sich als Homo migrans über die Welt ausgebreitet“. Entsprechend hat sich Projektleiter Klaus J. Bade vorgenommen, die Ängste der Europäer vor den „Sorgenthemen“ Migration und Integration zu zerstreuen. Diese Herausforderungen seien schließlich keine „historische Ausnahmesituation“; ein Blick in die Geschichte zeige, „daß Zuwanderung, Integration und interkulturelle Begegnung seit jeher zentrale Elemente der europäischen Kulturgeschichte waren“ und „daß viele Einheimische, die sich heute über die Integration von Zuwanderern sorgen, selber Nachfahren zugewanderter Fremder sind“. Damit zeigt Bade sich auf der Höhe zeitgeistgerechter Geschichtsinterpretation, zu beruhigen vermögen die historischen Rückblicke, die seine „Enzyklopädie“ unternimmt, dennoch nur bedingt. Denn gerade das zwanzigste Jahrhundert, das den Europäern historisch noch tief in den Knochen steckt, war ein Jahrhundert der Flüchtlinge, ein Säkulum der Vertreibungen und Deportationen, deren Schrecken der kühle soziologische Fachbegriff der „erzwungenen Wanderschaften“, mit dem ein Bundespräsident vor zwei Jahrzehnten noch helle Empörung der Zeitzeugen ernten mochte, nur unzureichend beschreibt. In den Beiträgen der Herausgeber und ihrer überwiegend der Histori­kerzunft entstammenden Ko-Autoren entfaltet sich das Pandämonium des zwanzigsten Jahrhunderts als ein unfreiwilliger Schwerpunkt. Beginnend mit den Flüchtlingstrecks an den Fronten des Ersten Weltkriegs, mit den wechselseitigen Umsiedlungen kleinasiatischer Griechen und thrakischer Türken nach dem 1923 geschlossenen Vertrag von Lausanne als erstem Höhepunkt, führt die Linie über die millionenfachen Fluchtbewegungen und Verdrängungen von Minderheiten in den neuen Nationalstaaten, die sich auf Territorien der untergegangenen Großreiche der Habsburger und Osmanen und des zurückgedrängten russischen Reiches gebildet hatten, bis zu den Deportationen und Massenmorden Stalins und Hitlers und der in ihrer Dimension wohl singulären Vertreibung von 14 Millionen Deutschen aus den Ostprovinzen des Reiches und den mittel- und osteuropäischen Siedlungsräumen. Jahrhundert der Flüchtlinge und Vertriebenen Millionen von „Displaced Persons“ – Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Lagerinsassen –, Aussiedler, politische Emigranten oder „Republikflüchtlinge“ ließen auch in den Jahrzehnten danach den Strom der „Zwangsmigration“ nicht abreißen. Zumindest im vergangenen Jahrhundert war der „Homo migrans“ überwiegend unfreiwillig unterwegs. Vom Wahn der ethnischen oder ideologischen Homogenisierung getrieben, haben totalitäre Diktaturen und Vertreiberstaaten mit der Eliminierung unliebsamer Bevölkerungsteile zugleich drastische Aderlässe an fachlichem und intellektuellem Potential in Kauf genommen. 17 Länderkapitel und 219 Einzel­einträge informieren über ein buntes Spektrum von Wanderungsbewegungen verschiedener Gruppen – von A wie „Ägyptische ‘Sans-papiers’ in Paris“ seit den achtziger Jahren bis Z wie „Zyprioten in Großbritannien seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“. Die alphabetische Gliederung der Artikel macht die Lektüre zur Entdeckungsreise durch die Spielarten und Richtungen der Völker-durchmischung in Europa „vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart“, geht allerdings auf Kosten der Übersichtlichkeit, wenn „Habsburgische Beamte in den Österreichischen Niederlanden im 18. Jahrhundert“ neben den „‘Harkis’ aus Algerien in Frankreich seit 1962“ stehen. „Deutsche Senioren in Spanien seit dem späten 20. Jahrhundert“ erinnern daran, daß Deutschland bis heute auch Auswanderungsland ist. Man hätte sich auch den deutschen Akademikern in den Vereinigten Staaten oder Ärzten, Handwerkern und Facharbeitern in Skandinavien oder Australien widmen können. Das Spektrum reicht von „Ost-, ostmittel- und südosteuropäischen Prostituierten in West-, Mittel-, Nord- und Südeuropa“ seit den achtziger Jahren bis zu „Internationalen Beamten supranationaler Organisationen in Brüssel seit 1958“ und von „Afrikanischen Sklaven auf der iberischen Halbinsel in der Frühen Neuzeit“ bis zu „Osteuropäischen Juden in Deutschland seit 1990“. Eine grobe chronologische Unterteilung nach Epochen hätte die Orientierung fraglos erleichtert. Durchweg positiv ist indes die klare und sachliche Sprache der Autoren aus ganz Europa, die ihre Sujets generell knapp, anschaulich und solide abhandeln. Angesichts der geographischen, thematischen und zeitlichen Bandbreite war Vollständigkeit trotz der gebotenen Materialfülle kaum erreichbar und auch nicht angestrebt. So wird zwar instruktiv über „Tschechische und slowakische Ansiedler in den ehemaligen Sudetengebieten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“ berichtet, nicht aber über die ungleich komplexere Neu-Aufsiedlung der von Polen in Besitz genommenen deutschen Ostprovinzen. Auch der Länderüberblick zu Polen schweigt weitgehend über die Phasen der Inbesitznahme des „Wilden Westens“, der nur zu einem geringen Teil mit polnischen Vertriebenen aus an die Sowjetunion gefallenen Gebieten erfolgte. Eigendynamik von Wanderungsbewegungen Immerhin wird die kollektive Deportation der Lemken und Ruthenen aus den Waldgebirgen Südostpolens erwähnt, die dem bis in die fünfziger Jahre andauernden ukrainischen Partisanenkampf den Boden entziehen sollte. Rätselhaft ist die Bemerkung der polnischen Autorin, nach dem Zweiten Weltkrieg seien „3,5 Millionen Deutsche“ aus Polen vertrieben worden: Bezogen auf autochthone oder im Verlauf des Krieges angesiedelte Volksdeutsche auf dem Territorium Vorkriegspolens wäre die Zahl reichlich hoch, während aus den deutschen Ostgebieten dreimal mehr Menschen ihre Heimat verlassen mußten, wie an anderer Stelle in der Enzyklopädie auch korrekt angegeben. Mag Migration zu den Grundbedingungen menschlicher Existenz gehören, so trifft dies ebenso auf die Konflikte zu, die daraus resultieren können. Daß der Zustrom mit Bürgerrechten ausgestatteter Außereuropäer aus befreiten Kolonien in die abgedankten Mutterländer und die globale Asylsuche im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert im Gegensatz zur schon früher bestehenden innereuropäischen Arbeitsmigration grundsätzlich neue Phänomene bedeuteten, müssen auch die Herausgeber trotz einleitender Relativierungen einräumen. Steuerung gehört zur Migration, ist aber angesichts der Eigendynamik von Wanderungsbewegungen, sind sie einmal in Gang gesetzt, gerade in rechtsstaatlich und humanitär gebundenen westlichen Demokratien nur bedingt möglich. Migration verändert auch die Aufnahmestaaten, lautet eine weitere These. Sie kann auch zum Hebel der Einflußnahme werden. Daß in Zwischenkriegseuropa etliche Staaten ihre Minderheiten jenseits der eigenen Staatsgrenzen gezielt außenpolitisch einsetzten, mag die Instrumentalisierung der „Deutschländer“ durch die türkische Politik historisch einordnen, unterstreicht aber eher ihre Brisanz, als sie zu relativieren. Deutschland habe sich viel zu lange geweigert, sich selbst als „Einwanderungsland“ zu definieren, moniert Herausgeber Bade in seinem Beitrag über die Bundesrepublik. Die in seiner Migrations-Enzyklopädie ausgebreiteten Fakten aus vier Jahrhunderten legen andere Schlüsse nahe: Nicht das passive Hinnehmen und allenfalls korrektive Beeinflussen eines von externen Faktoren und Handelnden ausgelösten Prozesses, sondern das sorgfältige Abwägen wohlverstandener Staatsinteressen muß am Anfang stehen, wenn Einwanderung tatsächlich zur Bereicherung werden soll. Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer, Leo Lucassen, Jochen Oltmer (Hrsg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Ferdinand Schöningh und Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2007, 1156 Seiten, Abbildungen, 58 Euro

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