Der Kapitalismus ist längst nicht am Ende

Bei der Kongreß-Anhörung zum Rettungspaket für die American International Group (AIG, einst der weltgrößte Versicherer) verglich US-Notenbank-Präsident Ben Bernanke die gegenwärtige Lage auf den Finanzmärkten mit dem Moment einer Schlacht, wenn sich der Nebel zu lichten beginnt und die Generäle sich endlich einen genauen Eindruck von der Situation verschaffen können. Momentan gehe es mit der Wirtschaft immer noch steil bergab, sagte der Fed-Chef weiter, aber immerhin befinde man sich nicht mehr ganz so sehr im unklaren darüber, wie es dazu gekommen und was nun zu tun sei.

Zur zunehmenden Klarsicht tragen nicht zuletzt Zeitzeugenberichte von der Wall Street bei. In seinem gerade veröffentlichten Buch „House of Cards. A Tale of Hubris and Wretched Excess on Wall Street“ (Bantam Dell Verlag 2009) schildert der Ex-Banker und Finanzhistoriker William D. Cohan minutiös, wie vor gut einem Jahr die Investmentbank Bear Stearns, ein renommiertes Haus mit 85 Jahren Erfahrung und einem Wert von 300 Milliarden US-Dollar, um die schicksalsträchtigen Iden des März innerhalb von zehn Tagen in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus. Der Titel ist aufgemacht wie ein Roman von Charles Dickens, doch Cohan läßt es nicht bei populistischer Kapitalismusschelte bewenden, sondern bietet eine komplexere und interessantere Analyse von Ursachen und Wirkungen.

An Möchtegern-Propheten, die das Ende des Kapitalismus heraufziehen sehen, herrscht derzeit kein Mangel. Auch Sündenböcke sind nicht schwer zu finden. An die Stelle des marktwirtschaftlichen Fundamentalismus, der sich in den vergangenen Jahrzehnten als Kapitalismus ausgab, ist ein falscher Populismus getreten, der sich als Reformwillen ausgibt. Neid auf die Reichen und Privilegierten schwelt in allen Gesellschaften, er wird von Krisen nicht verursacht, sondern an die Oberfläche gefördert. Ein nüchterner Blick zeigt jedoch, daß die gegenwärtige Krise zu etwa gleichen Teilen bedingt wurde von der weitverbreiteten Gier der Reichen, der nicht minder natürlichen Gier der Möchtegern-Reichen, von schlechtem politischen Urteilsvermögen und – damit das Ganze funktionieren konnte – schließlich von riskanten Finanzprodukten wie den Subprime-Hypotheken.

Vieles von dem, was nun als „riskant“ oder „unmoralisch“ verunglimpft wird, entzieht sich dem Verständnis der Kritiker. Das gilt zum Beispiel für Credit Default Swaps (CDS). Ganz einfach ausgedrückt ist ein CDS nichts anderes als eine Art Versicherung gegen die Zahlungsunfähigkeit einer Einzelperson oder eines Unternehmens. Dabei stehen zwei Wetten gegeneinander: Die eine Seite setzt darauf, daß der Kredit zurückgezahlt wird, die andere Seite dagegen. Die AIG, die solche Papiere im Wert von einer halben Billion Dollar ausgegeben hatte, havarierte, als der Subprime-Hypothekenmarkt zu kollabieren begann – eben weil diejenigen ausbezahlt werden mußten, die das Platzen der globalen Immobilien-Blase vorausgesehen und richtig gewettet hatten.

Wer nun lautstark die Forderung erhebt, derartige Praktiken zu regulieren oder zu verbieten, hat die Lektion aus der Krise nicht gelernt. Vor zwei Jahren hätte das Verhalten des CDS-Markts die Alarmglocken läuten lassen müssen, daß der Immobilienmarkt kurz vor dem Zusammenbruch stand – denn eben darauf setzten damals die klugen Investoren. Der Mechanismus des Markts funktionierte also einwandfrei, nur ignorierten die Börsenmakler einiger Investitionsbanken sämtliche Alarmsignale und gingen weiterhin hohe Risiken mit dem Geld anderer Menschen ein. Ausgerechnet diese Risiken sind nun wie ein Bumerang auf die Wall Street zurückgeschlagen. Nur wenige sahen dies Anfang 2008 kommen – die es taten, waren dazu in der Lage, weil sie das Verhalten der Märkte genau verfolgt hatten.

Bear Stearns ist geradezu ein Lehrbuchbeispiel. Dort arbeiteten Menschen, die im Ruch standen, zu den rücksichtslosesten im gesamten Bankgeschäft zu zählen. Als es hart auf hart kam, hatten sie längst jegliche Sympathien verspielt, und kein Retter eilte der Bank zur Hilfe – nur J. P. Morgan bot an, das gesamte Unternehmen mit vom Steuerzahler getragenen Krediten zum Schleuderpreis von ursprünglich zwei Dollar pro Aktie aufzukaufen (letztlich einigte man sich auf zehn Dollar pro Aktie).

Bei Bear Stearns verstand man sich auf Derivate – ein weiterer Buhmann, dessen Fahndungsposter der antikapitalistische Hetzmob überall ausgehängt hat. Dabei handelt es sich um verschiedene Wertpapiere, Hypotheken, Kreditkartenschulden oder andere Schuldverschreibungen, die gebündelt und traditionell an Großinvestoren wie Gemeinden oder Rentenfonds verkauft wurden.

Firmen wie Bear Stearns verlegten sich darauf, diese Papiere von renommierten Rating-Agenturen wie Moodys, Fitch oder Standard & Poor’s mit hohen Bewertungen versehen zu lassen. Indes werden diese Agenturen seit den 1930er Jahren von denselben Unternehmen finanziert, die sie bewerten sollen – ein eindeutiger Interessenkonflikt. Zudem verloren sie rasch den Überblick über die Zusammensetzung der Derivate, die zum Beispiel Pfandbriefe argentinischer Elektrizitätswerke mit denen einer griechischen Reederei bündelten. Oft waren darin auch exotische Instrumente enthalten wie Nebenwetten auf die Kursentwicklung solcher Wertpapiere. Also blieb den Agenturen nichts anderes übrig, als sich auf das Urteilsvermögen der Verkäufer dieser Produkte zu verlassen. Deren Käufer wiederum erhielten einen tausendseitigen Rechenschaftsbericht in Juristenkauderwelsch – in einem Teufelskreis vertrauten also die Käufer den Rating-Agenturen, die ihrerseits längst den Durchblick verloren hatten.

So sah das Kartenhaus aus, das schließlich einstürzte. Erbaut wurde es einst auf einem Fundament politischer Beschlüsse seit der Reagan-Ära, als die Regierung sich allen Einwänden zum Trotz gegen eine Regulierung des Derivate-Markts entschied. Zwar gab es diverse Änderungen an den Buchhaltungsregeln, doch im Dezember 2000 verabschiedete der US-Kongreß ein Gesetz, das den Derivaten-Handel jedweder Regierungsaufsicht entzog – übrigens eines der letzten Gesetze, die Bill Clinton unterschrieb, während die öffentliche Aufmerksamkeit sich auf den Rechtsstreit um seine Nachfolge zwischen Al Gore und George W. Bush richtete.

Zweifellos wird am Ende dieser Krise eine strengere Regulierung des gesamten Bankwesens stehen. Man kann jedoch nur hoffen, daß die Regulatoren in ihrem Übereifer nicht zu weit gehen und das Kind mit dem Bade ausschütten. Bear Stearns geriet ins Schlingern, weil es nicht wie eine Handelsbank mit den Einlagen der Kunden seine Investitionen finanzierte, sondern diese als Sicherheit benutzte, um Darlehen aufzunehmen – jene „faulen“ Vermögenswerte, die an der Subprime-Krise mitbeteiligt waren.

Im Laufe eines typischen Arbeitstags liehen sich die Bear-Stearns-Leute vielleicht dreißig Milliarden auf dem „Re­po“-Markt (Handel mit Rückkaufvereinbarungen), machten damit Geschäfte, um sie am nächsten Morgen zurückzuzahlen und sich dann erneut Geld zu leihen. Das lief dreißig Jahre lang ganz gut – dabei waren Firmen wie Bear Stearns immer nur 24 Stunden von einer Liquiditätskrise entfernt, falls den Darlehensgebern Zweifel an den eingesetzten Vermögenswerten kommen sollten.

So geschah es im März 2008, als ein altmodischer Run auf Bear Stearns eine Kettenreaktion auslöste, die Cohan mit dem Zusammenbruch der Wiener Creditanstalt vergleicht, mit dem 1931 die Große Depression in Europa begann. In der Folge der damaligen Katastrophe verhielten sich die Wall-Street-Banken zunächst sehr konservativ, um sich vor derartigen Dominoeffekten zu schützen. Höchstwahrscheinlich wird diese Krise eine Rückkehr zu solchen Kreditvergabepraktiken bewirken, aber kein illusorisches „Ende des Kapitalismus“. In einer globalisierten Welt gilt es zudem den „Schmetterlingseffekt“ der Chaostheorie zu berücksichtigen – ein winziger Flügelschlag in einem Regenwald kann anderswo ein gigantisches Unwetter hervorrufen.

Solche Stürme brauen sich um so schneller zusammen, je weniger Vertrauen in die Märkte herrscht – dieser Teufelskreis wird schwer zu durchbrechen sein. Doch irgendwann ziehen auch sie ab: Dann entstehen neue Blasen, die cleversten Banker werden sich einen Trick einfallen lassen, um die strengen Regulierungsmaßnahmen zu umgehen, und solange die Aktien- und Immobilienmärkte wieder brummen, werden die Anleger denken: „Diesmal ist alles anders“ – bis zur nächsten Krise. Bestenfalls kann man darauf hoffen, daß ein paar Lehren aus den aktuellen schmerzhaften Erfahrungen hängenbleiben werden. Eine dieser Lehren lautet, den Kapitalismus nicht etwa abzuschaffen, sondern sich vielmehr auf die Zeiten rückzubesinnen, als er halbwegs funktionierte: als das ungerechteste und ineffizienteste Wirtschaftssystem der Weltgeschichte – wenn man von allen anderen absieht.

Prof. Dr. Elliot Neaman lehrt Neuere europäische Geschichte an der University of San Francisco. In der JF 50/08 schrieb er über Obamas Wirtschaftsexperten.

Foto:  Bear-Stearns-Wolkenkratzer: Schon vor zwei Jahren hätte das Verhalten am Wertpapiermarkt die Alarmglocken läuten lassen müssen

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