Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Das Gold liegt auf der Autobahn

Es war eine Verkehrsmeldung, wie man sie zuvor noch nie gehört hatte: Am nördlichen Berliner Ring stehe ein liegengebliebenes Fahrzeug, hieß es Ende März in einem Berliner Rundfunksender. Doch die Insassen täuschten die Panne nur vor, so die Stimme im Radio. Sie forderte die Autofahrer auf, nicht anzuhalten und auf keinen Fall zu helfen. Es handle sich um Betrüger, die wertlosen Schmuck als Gold verkaufen wollten.

Die meisten Verkehrsteilnehmer dürften ob dieser Nachricht verblüfft gewesen sein. Vermutlich drängte sich ihnen die Frage auf, warum die Polizei zwar die Warnmeldung weitergibt, sich die Gauner aber nicht schnappt und die Situation bereinigt. Anhalten auf der Autobahn ist grundsätzlich verboten – erst recht aber, auf dem Standstreifen auch noch faulen Geschäften nachzugehen.

Doch das ist die Realität auf deutschen Straßen: Ist der Parkschein auch nur mehrere Minuten abgelaufen, wird der „Falschparker“ sofort aufgeschrieben, und wer das Geschwindigkeitslimit auch nur geringfügig überschreitet, erhält schnell ein „Knöllchen“. Kriminelle aber können offensichtlich relativ ungehindert tätig werden.

Bei den Schmuckverkäufern ist die Polizei äußerst vorsichtig. Und das hat einen Grund: Es handelt sich dabei um die Angehörigen einer mobilen ethnischen Minderheit, wie es im Amtsdeutsch heißt. Um das Wort Zigeuner zu vermeiden, nannte die Polizei sie vor einigen Jahren noch „Landfahrer“. Das würde im Falle des Autobahngoldes tatsächlich passen. Heute ist jedoch – wenn man denn überhaupt eine Angabe zur Herkunft der Betrüger macht – von Rumänen die Rede. Die rumänische Botschaft ist darüber im übrigen alles andere als glücklich, weil sie dem Treiben der Menschen hilflos gegenübersteht und diese die eigentlichen Landsleute in Mißkredit bringen.

Die Masche der Falschgold-Verkäufer ist recht simpel: Sie halten auf dem Seitenstreifen, winken mit Benzinkanistern oder dem Abschleppseil und hoffen auf arglose Reisende. Menschen, die helfen wollen, werden dann gnadenlos ausgenutzt. Die Landfahrer tischen den hilfsbereiten Autofahrern anrührende Geschichten auf und bitten um Benzingeld. Als Gegenleistung bieten sie ihren Schmuck an. Doch dabei handelt es sich um wertlose Imitate. Die aber sind professionell hergestellt. Selbst die Goldprägungsnummern sind in vielen Fällen eingestanzt: eindeutiger Fall von Edelmetall-Fälschung – eine Straftat, die zum Verbrechen wird, wenn man die Imitate als Gold verkauft.

Die Fälle häufen sich. Nach Angaben von Peter Salender, Sprecher des Polizeipräsidiums Frankfurt (Oder), das für den Osten Brandenburgs zuständig ist, erhielten die Beamten in seinem Revier im Februar 62 und im März 50 Meldungen über den Schmuckhandel an der Autobahn. Doch wenn die Polizisten an Ort und Stelle erscheinen, sind die Betrüger längst über alle Berge. Nur ein Viertel erwische man auch, räumt Salender ein. Und dann beginnt das, was die Deutschen so häufig an ihrer Bürokratie verzweifeln läßt. Die Beamten kontrollieren das Fahrzeug und stellen die Personalien fest. Eventuell gibt es ein Verwarnungsgeld für das Halten auf dem Standstreifen.

Doch wegen Betrugs ermittelt die Polizei in den meisten Fällen nicht. Dazu bräuchte man ein Opfer, doch das ist fast immer schon mit dem goldfarbenen Plunder davongefahren. Die Potsdamer Polizei registrierte in den vergangenen Wochen nur sechs Anzeigen von Betroffenen. So geht das kriminelle Treiben munter weiter.

Ende März allerdings hatten fünf Schmuckverkäufer eine kleine Pechsträhne. Auf dem östlichen Berliner Ring verlor zunächst ein Autofahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug und raste in den Audi, aus dem heraus die „Rumänen“ ihren Ramsch verkaufen wollten. Drei Betrüger wurden schwer verletzt. Zwei Frauen kamen jedoch mit dem Schrecken davon.

Die herbeigerufene Polizei nahm den Schaden auf und entdeckte bei der Untersuchung des rumänischen Wagens dann auch noch zahlreiche Siegel- und Eheringe – alles Fälschungen, wie sich herausstellte. Nun geschah etwas, das den Verdacht nahelegt, daß die Betrüger hervorragend organisiert sind. Die unverletzten Frauen entfernten sich ein wenig vom Unfallort. Plötzlich hielt ein anderes Fahrzeug, und die ethnische Minderheit bewies ihre Mobilität: Die beiden Damen sprangen hinein und verschwanden auf Nimmerwiedersehen.

Die Taten sind auch deswegen so dramatisch, weil sie das gesellschaftliche Miteinander in Frage stellen. Abgesehen von dem Schaden, den die Betrüger anrichten – pro Fall ab hundert Euro aufwärts, so die Polizei –, untergraben sie die Hilfsbereitschaft der Menschen. Wer hält noch an, wenn er damit rechnen muß, übers Ohr gehauen zu werden?

Die Berliner Zeitung, sonst peinlichst um politisch korrekte Berichterstattung bemüht, hilft hierbei aus der Patsche. Sie schreibt in einem Info-Kasten: „Die Betrüger sind in ganz Europa anzutreffen. Ihre Autos – Mittelklasse oder hochwertigere Pkw – tragen polnische, spanische, tschechische, bulgarische, litauische, rumänische oder albanische Kennzeichen.“ Bei einem Pannenfahrzeug mit deutschem Nummernschild kann man demnach also noch bedenkenlos zu Hilfe kommen. Doch was, wenn die Insassen bunte Kleider tragen?

Foto: Vorgetäuschte Panne: Mit dem Benzinkanister winken so bedaure ich das sehr und entschuldige mich ausdrücklich."

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