Wachsendes Interesse an den deutschen Spuren

Dieses Jahr ist für die drei baltischen Staaten ein besonderes: Man feiert den 90. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Am 16. Februar beging Litauen den „Tag der Wiederherstellung der Souveränität“. Den Schluß markiert am 18. November Lettland, dessen Staatsbildung erst durchgesetzt werden konnte, nachdem die deutschen Truppen das Land verlassen mußten und die Rote Armee erfolgreich zurückgedrängt war – nicht zuletzt dank der am 11. November 1918 in Riga ins Leben gerufenen einheimischen deutschen Baltischen Landeswehr sowie reichsdeutscher Freikorpsverbände. Am 24. Februar gedenkt Estland seiner Unabhängigkeit, die es 1918, kurz vor Unterzeichnung des Friedensvertrages von Brest-Litowsk, erlangte. Mit diesem sicherte das bolschewistische Rußland den im Osten siegreichen Mittelmächten unter anderem die vollständige militärische Räumung Finnlands, der Ukraine, Estlands und Livlands zu. Der Ausschuß der baltendeutschen Estländischen Ritterschaft hatte die Unabhängigkeit Estlands von Rußland allerdings schon am 13. Dezember 1917 erklärt und das Gebiet dem „Schutz“ des Deutschen Reiches unterstellt. Dagegen erhob sich aber massiver Protest national gesinnter Esten. Ähnlich wie bei Lettland und Litauen war auch die estnische Souveränität in der Zwischenkriegszeit stets gefährdet und drohte im labilen Machtgefüge zwischen der Sowjetunion, dem gedemütigten Deutschen Reich und Polen zerrieben zu werden. Die diplomatischen Beziehungen mit der Weimarer Republik wurden erst im Juli 1921 aufgenommen. Baltendeutsche Verdienste um das nationale Erwachen Noch schwieriger als auf der außenpolitischen Ebene gestaltete sich das estnisch-deutsche Verhältnis in bezug auf die alteingesessenen „Balten“ – also die deutsche Oberschicht auf den Adelsgütern und in den Städten. Noch bis 1885 war Deutsch die Unterrichts- und Behördensprache in dieser russischen Provinz gewesen, deren deutsche Eliten als treue Gefolgsleute der Zaren galten. Andererseits wußte man um die Verdienste von Baltendeutschen für das nationale Erwachen der Esten im 19. Jahrhundert und gewährte der deutschen Minderheit im Jahre 1925 eine vorbildliche Kulturautonomie. Nach dem Trauma des Molotow-Ribbentrop-Vertrages, der die Zerstörung der Baltenrepubliken einleitete, und der Umsiedlung der Baltendeutschen ins Reich 1939/40 sowie vor allem seit der jahrzehntelangen Sowjetherrschaft sind die Probleme zwischen Esten und Deutschen endgültig zu einem Teil der Vergangenheit geworden. Bezeichnend ist die nach dem Umbruch im Osten vom damaligen estnischen Präsidenten Lennart Meri an die Adresse der Deutschbalten ausgesprochene Einladung, in ihre Heimat zurückzukehren. Meri forderte die Deutschen insgesamt auf, sich von ihrem Selbsthaß zu befreien – zum eigenen Nutzen und dem der Nachbarn. Solche deutschfreundlichen Überzeugungen beschränken sich längst nicht auf die hohe Politik. Unter den gut 1,3 Millionen Einwohnern der Republik Estland ist seit Jahren ein breites Interesse an der deutsch-baltischen Geschichte des Landes zu beobachten, das mit Büchern, Ausstellungen oder Konferenzen gewürdigt wird. Man weiß oder beginnt zu ahnen, in welch hohem Maße Deutsche über ein dreiviertel Jahrtausend hinweg diese Region prägten. Allein in Nordestland wurde bislang etwa ein Drittel der in der Sowjet­zeit schwer in Mitleidenschaft gezogenen einstigen Herrenhäuser der deutschen Oberschicht mit viel Liebe und großem Finanzaufwand instandgesetzt. Ebenso wie in Lettland sind es vor allem traditionsreiche deutschbaltische Adelsgeschlechter wie die Wrangells, die aus Solidarität mit der alten Heimat eine kontinuierliche grenzüberschreitende Aufbauarbeit leisten. Diese kommt längst nicht nur den architektonischen Spuren zugute oder fördert die geistige Bewußtmachung des baltendeutschen Erbes, sondern unterstützt die zwischennationalen Beziehungen in einem viel weitreichenderen Maße, etwa was den Kulturaustausch oder den Handel zwischen Estland und Deutschland betrifft. Antideutsche Ressentiments sind längst überwunden Unter den Letten hatten antideutsche Ressentiments in der Zwischenkriegszeit noch eine erheblich größere Bedeutung als bei den nördlichen Nachbarn. Doch auch das ist passé. Seit dem 9. Juni 2001 kann man auf dem Waldfriedhof der Hauptstadt Riga ein teilrestauriertes Denkmal für die einst vielfach gehaßte Baltische Landeswehr besichtigen, dessen jüngste Geschichte den grundlegenden Wandel in der Wahrnehmung eindrucksvoll belegt. Das im Beisein lettischer und deutscher Militärabordnungen feierlich eingeweihte Monument für die baltendeutschen Opfer des antisowjetischen Freiheitskampfes von Ende 1918 bis Anfang 1920 war am selben Ort erstmals – in anderer Form – im Jahre 1929 errichtet worden. Allerdings wurde es schon nach kürzester Zeit gesprengt, wahrscheinlich von lettischen Nationalisten. Noch im gleichen Jahr entstand ein neues Denkmal, dessen Schicksal mit dem Sieg der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg besiegelt war. Inzwischen veranlaßte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zusammen mit der damaligen Deutsch-Baltischen Landsmannschaft, daß die Fragmente des mächtigen Gedenk-Findlings mit Stahlschrauben zusammengefügt und am alten Ort wiedererrichtet wurden; nur die einstigen Granitplatten mit den Namen der Gefallenen gibt es heute nicht mehr. Mehr bei der Deutsch-Baltischen Gesellschaft im Internet: www.deutsch-balten.de

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