Mehr als ein lokales Ereignis

Für die heutige Schülergeneration sind die Ereignisse der friedlichen Revolution vom Herbst 1989 in einer ähnlichen Form Geschichte wie für ihre Eltern das Dritte Reich. Während jedoch die Zeit bis nach dem Zweiten Weltkrieg in den Lehrplänen ausführlich behandelt wird, findet die kommunistische Diktatur in Deutschland oft nur als Randthema statt. Die Folge sind große Wissenslücken, wie erst kürzlich die Studie „Soziales Paradies oder Stasi-Staat?“ des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin nachgewiesen hat (41/08). 2009 jähren sich die gesellschaftlichen Umbrüche in der DDR und weiten Teilen des ehemaligen Ostblocks zum zwanzigsten Mal. Im Gegensatz zu vergangenen Jahrestagen will die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ihren Schwerpunkt diesmal auf den lokalen Raum legen. Mit Hilfe von Zeitzeugenberichten und Befragungen sollen Schüler die Möglichkeit erhalten, sich im Unterricht einen eigenen Zugang zu dem Geschehen im Herbst 1989 in ihren Heimatgemeinden zu verschaffen. Um die Bedeutung des Ereignisses über den Rahmen der ehemaligen DDR hinaus zu veranschaulichen, werden dabei auch Berichte von Zeitzeugen aus Westdeutschland über die Ereignisse eine weit größere Rolle als bislang spielen. Das zentrale Ziel der Initiative mit dem Titel „Kommunen machen Geschichte“ besteht darin, auf diesem Weg den Stellenwert der friedlichen Revolution für die gesamte Bundesrepublik zu erhöhen. Bislang wird der Herbst 1989 von breiten Teilen der Öffentlichkeit immer noch in erster Linie als ein Datum der mitteldeutschen Geschichte betrachtet. Nunmehr soll daraus ein gesamtdeutsches Erinnerungsdatum werden. Anfang November wurden in Berlin auf einer gemeinsamen Veranstaltung der Stiftung Aufarbeitung und der Deutsche Gesellschaft, die die politischen, kulturellen und sozialen Beziehungen in Europa fördern will, bereits einige Projekte für das kommende Jahr vorgestellt. Dabei forderte der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister und heutige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), das Jubiläum nicht nur zu einem historischen Rückblick zu nutzen. Mindestens ebenso wichtig sei es, aus Anlaß des Jahrestages darüber nachzudenken, in welchem Maße die zentralen Forderungen der Demonstranten von 1989 heute erfüllt seien. Denn in vielen Gesprächen sei längst wieder zu hören, daß „der ‘kleine Mann’ sowieso nichts bewegen könnte“, sagte Tiefensee. Deshalb sei es wichtig, über die heutigen Gestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten der Bürger in Politik und Gesellschaft zu diskutieren und dabei auch Kontroversen nicht zu scheuen. Denn gerade die Ereignisse von 1989 hätten gezeigt, daß es durchaus Sinn mache, sich einzumischen und nicht zu resignieren, auch wenn der Weg zu Veränderungen lang und mühselig erscheine. Der Mitbegründer der Ost-SPD, Markus Meckel, erinnerte daran, daß die Ereignisse der friedlichen Revolution bei der Jugend kaum bekannt seien. Vieles werde von den Erwachsenen übernommen und aus ihrer Perspektive weitergegeben, ohne diese Auffassungen selbst hinterfragen zu können. Am Anfang des Prozesses von 1989/90 habe der Ruf nach Freiheit gestanden. Erst durch die Erkämpfung persönlicher Freiheiten gegen eine Diktatur sei am Ende des Umwälzungsprozesses die Vereinigung beider deutscher Staaten möglich gewesen, sagte Meckel. Der ehemalige Beauftragte für die Akten des Staatssicherheitsdienstes, Joa­chim Gauck, forderte, den Herbst 1989 weit stärker als bislang als ein nationales Ereignis zu betrachten. Gerade die Ereignisse in dieser Zeit verdeutlichten wie kein anderes während des 20. Jahrhunderts, daß auch Deutsche auf die Straße gehen und für die Freiheit kämpfen könnten. Freilich erfordere die positive Wahrnehmung der friedlichen Revolution auch ein verändertes Selbstbildnis der Deutschen, denn diese „lieben auch heute noch in erster Linie Ereignisse, mit denen sich Trauer verbindet und keine Ereignisse der Freude“. Zudem erinnerte Gauck an die Bedeutung der Tatsache, daß die Masse der Demonstranten von 1989 keine Prominenten, sondern „einfache Menschen“ waren. Dies müsse den Feinden der Demokratie immer wieder entgegengehalten werden: Denn gerade „rote und braune Reaktionäre mögen es nicht, daß der ‘kleine Bürger’ Geschichte macht“. Auch die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe resümierte als Initiatorin zahlreicher Veranstaltungen zum Thema SED-Diktatur, daß bei der Wahrnehmung des Geschehens von 1989 zwischen West und Ost immer noch ein großer Unterschied bestehe. Das weitestgehende Desinteresse des Westens an der DDR sei noch lange nicht überwunden, so Poppe. Allerdings seien heute auch „die Gräben zwischen Ost und Ost“ bei dieser Thematik in vielen Einzelfragen sehr groß. So müssten die Klagen vieler Ost-Frauen über „Verluste“ seit 1989 durchaus ernstgenommen werden, „ohne in irgendeine Form von Ostalgie zu verfallen“. Eine grundlegend andere Haltung vertrat der aus Westdeutschland stammende Historiker Christoph Kleßmann, dessen Darstellung „Die doppelte Staatsgründung“ seit den achtziger Jahre von der Bundeszentrale für politische Bildung in einer hohen Stückzahl vertrieben wurde. Es sei grundsätzlich „nicht korrekt“, davon auszugehen, daß „die DDR einfach zum Untergang verurteilt gewesen sei“, wie dies heute mehrheitlich behauptet würde. Die DDR sei ein „wichtiges Kapitel“ deutscher Geschichte, die die Menschen stark geprägt habe. Die daraus resultierende „über vierzig Jahre unterschiedliche Prägung“ von West und Ost müsse heute akzeptiert werden. So seien auch „ostalgische Erfahrungen“ ernst zu nehmen. In nicht wenigen Dingen könne man auch vom Osten lernen, und auch dies müsse sich im Jubiläumsjahr 2009 widerspiegeln, forderte Kleßmann. Foto: Sicherungsanlagen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze: Große Wissenslücken

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