Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Pankraz, Friedrich Rückert und die Kindertotenlieder

Überlegungen zum Totensonntag. Pankraz kennt einen Kinderarzt, der weiß nicht, ob er in seinem Beruf nun glücklich oder unglücklich ist. Die allermeisten seiner kleinen Patienten, auch die ernsthaft erkrankten, die eine Zeitlang in der Klinik bleiben müssen, werden wieder gesund und quicklebendig, und die Freude und die Genugtuung darüber, daß man ihnen so dauerhaft helfen konnte, sind groß. Aber da gibt es noch die (wenigen) unheilbaren, dem Tode verfallenen Kleinen, die eingeliefert werden, und deren Sterben begleiten zu müssen, sagt der Arzt, sei so traurig und herzergreifend, daß keine anderweitige Genugtuung darüber hinweghelfen könne.

Gar nicht lange, nur gut hundert Jahre, ist es her, da gehörte das Sterben der Kinder zum tristen Alltag überall auf der Welt. Die Geburtenrate war hoch, aber die Kindersterblichkeit ebenfalls. 1880 starben in Deutschland fast 250 von 1.000 Kindern, mithin also 25 Prozent. Inzwischen liegt diese „Quote“ in Mitteleuropa bei etwa 0,7 Prozent, und selbst in den ärmsten, medizinisch am schlechtesten versorgten Ländern der Erde ist die Kindersterblichkeit dramatisch zurückgegangen.

Nach Angaben der Unicef starben 1990 weltweit 12,7 Millionen Kinder unter fünf Jahren, 2007 waren es noch 9,2 Millionen, was einem Rückgang der Quote um volle 27 Prozent entspricht. Den Anteil der einzelnen Regionen an den 9,2 Millionen hat man, so gut es ging, aufgeschlüsselt. 4,8 Millionen starben demnach in Afrika südlich der Sahara, 3,1 Millionen in Südasien, vor allem in Indien und Indonesien. Es folgen in der Statistik Lateinamerika, Osteuropa und Ostasien bzw. Ozeanien. Die UN hat die weitere Senkung der Kindersterblichkeit um volle 75 Prozent (!) zu einem der „Millenniumziele“ des 21. Jahrhunderts erklärt.

Keine Prozentzahl kann aber über das Leid und den Kummer Auskunft geben, die das Sterben eines Kindes verursacht. Aus der Literatur haben wir immerhin einige künstlerische Dokumente, und die künden von wahrhaft uferlosem Schmerz und schier unendlichem Seelenaufruhr. Pankraz denkt vor allem an die Kindertotenlieder von Friedrich Rückert aus dem Jahre 1834, die Gustav Mahler später vertont hat. Auch in der Schlußapotheose von Goethes „Faust“ spielen die toten Kinder eine Rolle, in Form des „Chors seliger Knaben“, der geisterhaft aus tiefen Bergschluchten heraufseufzt und in rührender Weise um Gestaltwerdung und geistige Erleuchtung fleht.

Rückerts Kindertotenlieder gehören zum Bittersten und Verstörendsten, das je in deutscher Lyrik artikuliert wurde. Der große Orientalist und formstrenge Reimeschmied verlor hier gewissermaßen jegliche Contenance, überließ sich, hemmungslos stotternd, ganz der wütenden Klage über den unerwarteten Tod seiner beiden Lieblingstöchter, untermischt mir Ratlosigkeit und Selbstvorwürfen: „Nun seh ich wohl, warum so dunkle Flammen / Ihr sprühtet mir in manchem Augenblicke … / Dort ahnt ich nicht, weil Nebel mich umschwammen, / Daß sich der Strahl bereits zur Heimkehr schicke, / Dorthin, von wannen alle Strahlen stammen.“

Gustav Mahler war auf rätselhafte Weise von Rückerts Kindertotenliedern fasziniert. Seit 1900 arbeitete er mit Verbissenheit an ihrer Vertonung, immer wieder kehrte er, der vielbeschäftigte Kapellmeister und Operndirektor, zu ihnen zurück. Niemand konnte ihn davon abhalten, am wenigsten seine Frau Alma, die darin Unheil witterte und — vergeblich — auf ihre beiden blühenden Töchter hinwies, die im Garten in vollster Gesundheit und Fröhlichkeit Ball spielten, während der Vater im Arbeitspavillon gleich nebenan seine Partituren schrieb.

Mahler hatte elf Geschwister gehabt, von denen sechs im Kindesalter gestorben waren. Im Herbst 1904 beendete er die Arbeit an den Totenliedern. Anderthalb Jahre später erkrankte Mahlers abgöttisch geliebte Tochter Maria-Anna an Diphterie — und starb. Die Verzweiflung des großen Musikers implodierte gewissermaßen. Wie hatte einst Friedrich Rückert gedichtet? „O hätt ich gewußt, wie bald der Wind / Die Blüt entblättern sollte! / Tun hätt ich sollen meinem Kind, / Was alles sein Herzchen wollte.“

Zurück zur Statistik. Anläßlich des diesjährigen Totensonntags (23. November) haben die Kirchen in Deutschland dazu aufgerufen, viel Geld zu spenden, um vor allem die Quote der Kindersterblichkeit in der sogenannten Dritten Welt deutlich zu senken. Das ist gut so, doch es ergibt nur Sinn, sofern der Aktion eine weitere an die Seite gestellt wird, nämlich ein forcierter und effektiver Ausbau der Geburtenkontrolle in der Dritten Welt, etwa nach chinesischem Vorbild. Denn die heutige Kindersterblichkeit steht in einem unheimlichen, dennoch durchschaubaren und vermeidbaren Zusammenhang mit der Geburtenfreudigkeit gewisser Landstriche südlich der Sahara.

Das alttestamentarische Gebot „Seid fruchtbar und mehret euch!“ hat sich dort in eine schreckliche Geißel verwandelt. In seinem Zeichen wird am laufenden Band Unglück produziert: Armut, Übervölkerung, Hunger, Wassermangel, horrende hygienische Mißstände, gnadenlose Verteilungskämpfe, Bandenkriege rivalisierender Warlords inklusive „Kindersoldaten“ und massenhafter Vertreibung unbeteiligter Anwohner zwischen den Fronten.

Es gibt eine Waage des Lebens, die unbedingt im Lot bleiben muß, damit das Leben sich erhalten kann. Bei vormenschlichen Gattungen und in alten Menschenzeiten ist und war es die organische Natur selbst, die für Ausgleich sorgte und die Zahl der Nachkommen in Grenzen hielt, mit oft grausamsten Methoden, welche gerade die hilflosesten und charmantesten Wesen, also die Kinder, trafen. Die moderne Medizin und Hygiene haben diese Methoden zu unser alle Freude lahmgelegt.

Doch die Waage ist geblieben, die menschliche Kultur muß nun für Ausgleich sorgen. Versagt sie dabei, werden künftig, Rückert und Mahler sei’s geklagt, wieder viele Kindertotenlieder angestimmt werden müssen.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles