Parteinahmen in Wort und in Tat

Wer überhaupt etwas mit den Namen Ernst Jünger und Alfred Baeumler verbindet, wird immer auch eine Wertung im Sinn haben: eine positive für Jünger und eine negative für Baeumler, der erste dem Widerstand gegen das NS-Regime nahestehend, der zweite ein Karrierist und „Parteiphilosoph“, dessen offenkundige Begabung das Engagement um so unentschuldbarer macht; ein Kontrast, der noch dadurch verschärft wird, daß Jünger nach dem Zweiten Weltkrieg gestreut hat, Baeumler sei nicht nur Nutznießer, sondern auch Zuträger des Systems gewesen und trage Verantwortung für die Verhaftung Ernst Niekischs. Es gehört zu den Leistungen der Herausgeber des Briefwechsels von Jünger und Baeumler, Ulrich Fröschle und Thomas Kuzias, daß sie an der üblichen Darstellung dieses Vorgangs — begründete — Zweifel anmelden, wie sie überhaupt eine Kommentierung und eine Deutung für eine in sich wenig ertragreiche Korrespondenz leisten, die ausgesprochen überzeugt. Der Ausgangspunkt von Fröschle und Kuzias ist nicht die Frage, wie Intellektuelle der Zwischenkriegszeit in den Einflußbereich von Nationalismus und Nationalsozialismus kommen konnten, sondern die Frage nach der Ursache von Parteinahme oder Distanz des geistigen Menschen im Zeitalter des Weltbürgerkriegs. Dabei bieten sich Jünger und Baeum­ler als Modellfälle an, wenn auch die Zuordnung nicht ganz so eindeutig ist, wie sie auf den ersten Blick scheint. Jedenfalls weisen Fröschle und Kuzias nach, daß Baeumler schon wegen der angestrebten akademischen Karriere in den zwanziger Jahren eher Abstand von der Politik hielt, während die Neigung Jüngers zum Engagement anfangs stärker war und jedenfalls nicht so früh erlosch, wie er selbst oder seine Apologeten glauben machen wollen. Dabei geht es nicht nur um die (weniger bekannte) Begeisterung Jüngers für Hitler und dessen Revolutionsversuch von 1923 oder um die (bekanntere) Reserve nach Proklamation des „Legalitätskurses“, sondern um die Nachzeichnung einer Entwicklung, in der Jünger zwar kontinuierlich den Tonfall verschärfte und die Notwendigkeit der Tat betonte, sich aber gleichzeitig auf die Position des Beobachters zurückzog. Dieses Verhalten war nicht ungewöhnlich für Intellektuelle diesseits oder jenseits der großen Weltanschauungsfront. Fröschle und Kuzias nennen als Parallelbeispiele auf der Linken Georg Lukács und Walter Benjamin und weisen auch darauf hin, daß der Verbalradikalismus und die Scheu vor den Konsequenzen des eigenen Redens und Schreibens eher typisch waren, weshalb man Jüngers Verhalten bis zu einem gewissen Grad als normal, das von Baeumler als Anomalie betrachten kann. Diese Einschätzung wird noch plausibler, folgt man der hier rekonstruierten Motivlage Baeumlers, dem eben kein Kryptonazismus in den Frühschriften nachgewiesen werden kann. Nicht einmal den Beginn der Nietzsche-Rezeption darf man nach Fröschle und Kuzias in diesem Lichte deuten. Ihrer Meinung nach gab den Ausschlag ein verstörendes Erlebnis, das Baeumler im Frühjahr 1931 als Gast einer studentischen SA-Einheit hatte, die von Kommunisten angegriffen wurde. Das Gefühl existentieller Gefährdung in dieser „Schlacht“ — Baeumler wurde selbst durch einen Steinwurf verletzt — habe Baeumler davon überzeugt, daß eine irgendwie geartete Neutralität nicht mehr zu rechtfertigen sei und man nur noch die Wahl zwischen „Braun“ oder „Rot“ habe. Und während Jünger den „Arbeiter“ veröffentlichte, den viele Zeitgenossen als „nationalbolschewistisch“ betrachteten, und seine unverbindliche Sympathie für Stalins Politik kultivierte, entschloß sich Baeumler, offen für Hitler und die NSDAP einzutreten. Das war aber kein „Sprung“, mit dem der Verrat der Intellektuellen für gewöhnlich erklärt wird, das Bedürfnis nach Eindeutigkeit gerade der differenzierten Geister, die sich selbst nicht ertragen, sondern die Folge einer „politischen Entscheidung in einer konkreten Lage“. Umgekehrt, so Fröschle und Kuzias, wurde Jünger nicht durch die überlegene Lagebeurteilung davon abgehalten, zum Parteigänger des Nationalsozialismus zu werden. Vielmehr handelte es sich um eine gewisse Realitätsblindheit angesichts der Wucht dieser Bewegung und um die Konsequenz einer wesentlich nachhaltigeren bürgerlichen Prägung, als man angesichts seiner Verdikte gegen seine Herkunftsklasse vermuten möchte. So erscheinen weder die „Marmorklippen“ noch die Friedensschrift im Licht einer Bekehrung, eher als Besinnung auf jene Linie, der Jünger im Grunde die ganze Zeit zu folgen geneigt war. Das hatte Baeumler schon nach Erscheinen des „Abenteuerlichen Herzens“ gesehen, dessen Individualismus und fehlende „Ehrfurcht vor dem Volke“ er scharf kritisierte. Sein eigener Entschluß, Parteiintellektueller zu werden, war indes keine überzeugende Alternative und schlug rasch fehl. Aber dieser Prozeß der Desillusionierung ist — man möchte sagen: bedauerlicherweise — nicht mehr Gegenstand der Untersuchung von Fröschle und Kuzias. Ulrich Fröschle und Thomas Kuzias (Hrsg.): Alfred Baeumler und Ernst Jünger. Mit einem Anhang der überlieferten Korrespondenz und weiterem Material. Thelem Verlag, Dresden 2008, kartoniert, 271 Seiten, 29,80 Euro

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