Die Glaubenskriege kehren zurück

Äußert sich heute jemand öffentlich aus einem christlichem Empfinden heraus, ist ihm heftiger Gegenwind gewiß. So als lebten sie noch in der Zeit der Aufklärung, ergreifen viele Intellektuelle die dankbare Gelegenheit, von einem imaginären Scheiterhaufen herab die leuchtende Minerva einer rationalen Vernunft wider die finstere Bigotterie zu verkünden. Dabei übersehen sie leicht, daß sie selbst eigentlich Relikte der Aufklärungszeit sind. Schon längst ist die gesellschaftliche Übermacht der Kirche gebrochen. Nicht sie ist in vielen Ländern eine Bedrohung für den einzelnen; der einzelne selbst, der sich zu ihr bekennen will, ist es nun, der häufig bedroht wird. Rund zweihundert Millionen Christen weltweit (von 2,1 Milliarden Anhängern insgesamt) sind Repressalien ausgesetzt. Zwar führt das christliche Hilfswerk Open Doors mit Nordkorea eine sozialistische Diktatur als Ort der intensivsten Christenverfolgungen auf, jedoch hat sich mit dem Niedergang des Ostblocks auch dessen unmittelbare Bedrohung für das Christentum gemildert. Statt dessen werden gegenwärtig christliche Minderheiten vor allem von Anhängern anderer Religionen verfolgt. Das weltweite Wiedererstarken des Religiösen scheint die Menschheit wieder in die Zeit überwunden geglaubter Glaubenskriege zurückzustoßen. Und mitten zwischen die sich verhärtenden Fronten die Christenheit; hilflos, wo sie die Mehrheit, schutzlos, wo sie die Minderheit bilden. Die führende Kraft dieser Entwicklung ist unschwer auszumachen. Das von der evangelischen Nachrichtenagentur idea mit herausgegebene Jahrbuch „Märtyrer 2008“ zählt unter den zehn Ländern mit den aggressivsten Unterdrückungen gleich sechs islamisch geprägte Staaten auf. Tendenz steigend. „Die Christenverfolgung in unserer heutigen Zeit hat sich zu einer wahren Katastrophe entwickelt. Die Medien haben diese Katastrophe bislang weitgehend ignoriert, fast so, als sei hier eine Nachrichtensperre verhängt worden“, muß der katholische Erzbischof Basile Georges Casmoussa aus Mossul (Nîněwâ) im Nordirak feststellen. Mit dem aktuellen Report „Religionsfreiheit weltweit“ und dem hierauf aufbauenden Buch „Christen in großer Bedrängnis“ will neben der Evangelischen Allianz auch das katholische Hilfswerk Kirche in Not diese Wand des Schweigens durchbrechen. Tatsächlich läßt sich gerade am Irak die Dimension des gegenwärtigen Angriffs ablesen. Denn schon seit apostolischen Zeiten lebten in diesem Land Christen, mit allen stürmischen Wechselfällen des Schicksals, die die Zeitläufte mit sich brachte. Doch gegenwärtig sieht es ganz so aus, als wenn die jahrtausendealte Tradition ein Ende hat. Rund anderthalb Millionen Christen ergab noch eine Volkszählung von 1987. Kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner 2003 lebten von ihnen rund 800.000 im Irak. Inzwischen ist die Zahl noch einmal auf weniger als 350.000 gefallen. Grund für den Exodus ist der aufflammende Bürgerkrieg zwischen den muslimischen Sunnitien und Schiiten, die sich bei allem gegenseitigen Haß einig sind in der Verfolgung der schutzlosen Christen: „Vor allem in Bagdad, bis dahin ein wichtiges Zentrum der Christen im Irak, gingen bewaffnete Gruppen von Haus zu Haus und forderten die Christen, die sie dabei aufspürten, auf, entweder zum Islam zu konvertieren oder die Gegend zu verlassen. Manchmal forderten sie große Geldsummen für das Recht, bleiben zu dürfen.“ Die erschütternden Berichte, die hier versammelt sind, erinnern eher an mittelalterliche Schilderungen von Pogromen: „Kriminelle Banden nutzen die aufgrund der chaotischen Lage im Land fehlende Strafverfolgung aus, um durch Entführungen und Lösegelderpressung das schnelle Geld zu machen. Christen waren dabei ihre bevorzugten Opfer, da sie zu den besser gebildeten und damit zahlungskräftigeren Schichten im Land gehören und selbst keine bewaffneten Schutztruppen haben, die eingreifen oder Vergeltung üben könnten.“ Nur knapp überlebte Casmoussa bereits eine Entführung, sein Vorgänger Paulos Faraj Rahho wurde in einer solchen Situation im März ermordet (JF 16/08). „Dies könnte das Ende der Christenheit im Irak bedeuten“, stellte der chaldäisch-katholische Bischof Antoine Audo aus Aleppo (Hadad) in Syrien fest. Als Auslöser für Christenpogrome dient häufig der Vorwurf, eine christliche Gemeinde missioniere heimlich. Gerade in Zeiten religiöser Restauration wird dies als Angriff auf ein theokratisch verfaßtes Gemeinwesen gedeutet. So werden in islamischen Ländern besonders ehemalige Muslime, die zum Christentum übergetreten sind, rigoros verfolgt — für die vier großen islamischen Rechtsschulen ein todeswürdiges Verbrechen. Selbst in muslimischen Staaten, die formal die Konversion zum Christentum erlauben, ist ein solcher Schritt oftmals lebensbedrohlich, auch für die Christen selbst. So sieht der katholische Erzbischof des türkischen İzmir (Smyrna), Ruggero Franceschini, seit anderthalb Jahren sich die Fälle häufen, in denen angeblich zum christlichen Glauben entschlossene Türken sich taufen lassen wollen, um anschließend den Priester des Proselytismus anklagen zu können. Die Probleme beschränken sich nicht nur auf den Islam, sondern betreffen auch andere theokratisch verfaßte Gesellschaften. Im hinduistischen Indien läßt sich ablesen, wie das Christentum als Bedrohung für die überkommene Gesellschaftsordnung gesehen wird. Ähnlich wie sich im antiken Rom das Christentum besonders unter den Sklaven verbreitete, sind es vor allem die sogenannten Unberührbaren der indischen Unterschicht, die diese Religion annehmen — und damit für ihre Herren zum Risiko werden: „Die Christen lehren, daß alle vor Gott gleichwertig sind“, beschreibt der katholische Erzbischof von Bhopal, Leo Cornelio, die Situation. „Die reichen Bauern, die noch am Kastensystem festhalten, stört das.“ Weitgehend ignoriert von der westlichen Welt steigert sich so eine Christenverfolgung, welche darauf aus ist, die verschiedenen christlichen Minderheiten innerhalb der eigenen Kultur auszurotten. Ein gefährliches Vorgehen, da im lernenden Umgang mit diesen der vielbeschworene „Kampf der Kulturen“ noch abgewendet werden könnte. Je stärker sich aber kulturell homogene Blöcke herausbilden, desto schwerer kann ein Ausgleich stattfinden. Nicht zuletzt darum sollten Menschen im Westen diese Entwicklung aufmerksam beobachten, selbst wenn sie sich dem Christentum persönlich nicht verbunden fühlen. So stellt Audo nüchtern fest: „Wenn Muslime und Christen im Nahen Osten nicht in der Lage sind, friedlich zusammenzuleben, bedeutet dies auch für den Westen eine große Gefahr in der Zukunft.“   Weltweite Verletzungen christlicher Religionsfreiheit durch Staat und Gesellschaft kuba: Offene Repressionen gegen Christen gibt es nicht, allerdings versucht das kommunistische Regime seit Jahrzehnten erfolgreich, den Einfluß der katholischen Kirche zurückzudrängen. ägypten: Koptische Christen dürfen keine Staats­ämter bekleiden (sind aber in der Wirtschaft erfolgreich), christliche Frauen werden zuweilen entführt und mit Muslimen zwangsverheiratet. sudan: Der „Heilige Krieg“ regierungsfreundlicher Milizen richtet sich gegen christliche Schwarze, die oft auch versklavt werden. eritrea: In der ostafrikanischen Diktatur sind etwa 2.000 Christen wegen ihres Glaubens in Haft. mauretanien: Verteilung christlicher Literatur und Missionierung sind verboten. Es gibt Schikanen gegen einheimische Christen, meist Schwarze aus dem Süden des Landes. simbabwe: Anhänger der marxistischen Regierung gehen gewalttätig gegen Christen vor. Mitte Mai wurden anglikanische Pastoren in der Hauptstadt von der Polizei verprügelt. 100 Frauen haben beim CVJM Zuflucht vor Schlägertrupps gesucht. kenia: Bei einem Kirchenmassaker zu Jahresanfang kamen 50 Personen ums Leben. Ein aufgebrachter Mob hatte eine Pfingstkirche in Brand gesteckt, in der Frauen und Kinder Schutz gesucht hatten. Der Brand stand im Zusammenhang mit allgemeinen Unruhen zwischen verschiedenen Volksgruppen. saudi-arabien: Bürger dürfen nur muslimisch sein. Auf den Abfall vom Islam steht die Todesstrafe. Ausländische Christen dürfen nur in ihren Wohnungen Gottesdienste feiern. irak: Im Irak flüchten zahlreiche Christen vor Übergriffen: Von einstmals 700.000 sind bereits 500.000 geflohen. Im Nordirak wurden mindestens 14 Christen von muslimischen Extremisten ermordet. iran: Nach einem neuen Gesetz soll der „Abfall vom Islam“ mit dem Tode bestraft werden. Zahlreiche Christen befinden sich in Haft. Äthiopien: Bei einem Angriff von muslimischen Extremisten auf einen Gottesdienst im Süden wurden 4 Christen getötet, 70 teilweise schwer verletzt. afghanistan: Radikal-islamische Taliban haben sich u.a. am 20. 10. zur Ermordung einer christlichen Entwicklungshelferin bekannt. pakistan: Eine Welle islamistischer Gewalt hat das Land erschüttert. Immer häufiger werden christiche  Frauen entführt und mit Muslimen zwangsverheiratet. indien: Zunächst war nur der Bundesstaat Orissa Schauplatz einer der schlimmsten Christenverfolgungen durch hinduistische Extremisten, inzwischen hat die Gewalt weite Teile des Landes ergriffen. Seit August 2007 wurden dort über 100 Christen getötet. Fünf Pastoren wurden bei lebendigemLeibe verbrannt. 400 Kirchen und 6.000 Häuser von Christen wurden zerstört. burma: Eine buddhistisch geprägte Diktatur. Manche Stämme haben eine christliche Identität. Ihre Anhänger müssen Kirchen und Kreuze abreißen und mit Verfolgungen rechnen. nordkorea: Das Land steht seit Jahren an der Spitze der Christenverfolgung: 200.000 politische Gefangene gibt es, darunter schätzungsweise 50.000 bis 70.000 aus Glaubensgründen. In diesem Jahr wurde bekannt, daß Christen vor ihrer Erschießung ihre eigenen Gräber ausheben mußten. VR china: Die Situation ist unterschiedlich: In einigen Regionen gibt es relativ viel Freizügigkeit, in anderen Verfolgung. Zur Zeit sind rund 2.000 Leiter staatlich nicht anerkannter — meist evangelikaler — Hauskirchen in Haft. indonesien: Im Mai wurden 4 Christen von muslimischen Extremisten gefoltert und getötet. Außerdem wurden 120 Häuser und 3 Kirchen niedergebrannt. Seit 2005 sind 110 Kirchen geschlossen worden.   Arbeitskreis Religionsfreiheit der Evangelischen Allianz/Idea (Hrsg.): Märtyrer 2008. Das Jahrbuch zur Christenverfolgung heute, 170 Seiten, 8,90 Euro. Kirche in Not (Hrsg.): Religionsfreiheit weltweit. Bericht 2008, Königstein 2008, broschiert, 608 Seiten, 15 Euro. Kirche in Not/Ostpriesterhilfe Deutschland (Hrsg.): Christen in großer Bedrängnis. Diskriminierung und Unterdrückung. Dokumentation 2008, Königstein 2008, broschiert, 111 Seiten, kostenlos. Zu beziehen über Kirche in Not, Albert-Roßhaupter-Str. 16, 81369 München. Mehr im Internet: www.kirche-in-not.de und www.idea.de Foto: Kirchenfenster: Wenn Muslime und Christen nicht friedlich zusammenleben können, ist dies auch für den Westen eine große Gefahr

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