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Der Mann mit dem goldenen Mercedes

Mit Wolfgang Vogel ist am vergangenen Freitag am Schliersee eine der schillerndsten und umstrittensten Gestalten im geteilten Deutschland im Alter von 82 Jahren verstorben. Der gebürtige Oberschlesier konnte nach dem Krieg in der Ostzone noch eine normale Juristenausbildung absolvieren – mit Studium in Jena, Referendarzeit in Sachsen und zwei Staatsexamina. Dieser Umstand ermöglichte ihm später die Zulassung als Rechtsanwalt in Ost- und West-Berlin. Bekannt wurde er als Rechtsvertreter von Regierungen und kleinen Leuten in Verfahren mit politischem Hintergrund und beim spektakulären Austausch von Spionen auf der Glienicker Brücke. Die Bedeutung, die ihm dabei zukam – ob er wirklich als ehrlicher Makler zwischen den Parteien im Kalten Krieg wirken konnte oder nur die Funktion eines Boten hatte -, ist umstritten. Vogel hat selbst betont, er habe nie eine Entscheidungsfunktion in Ausreise-Angelegenheiten oder beim Freikauf ausgeübt, aber „Ratschläge“ erteilt. Das wird wohl zutreffen. Wer das DDR-Regime kennt, weiß, daß politische Entscheidungen stets von der SED getroffen wurden und ihre praktische Umsetzung fast nie ohne Beteiligung des Ministeriums für Staatssicherheit möglich war. Das gilt vor allem für das „Massengeschäft,“ bei dem im Laufe der Jahrzehnte fast 34.000 Häftlinge von der Bundesregierung freigekauft wurden und rund 215.000 Übersiedler die DDR „legal“ verlassen durften. In allen Fällen floß Geld aus Westdeutschland in das Land des „real existierenden Sozialismus“ – insgesamt viele Milliarden harte D-Mark, allein beim Gefangenen-Freikauf rund 3,5 Milliarden. Das Geld hat einerseits das DDR-Regime stabilisiert, andererseits die Abhängigkeit von der „imperialistischen BRD“ erhöht und die Wirkung der kommunistischen Ideologie in Ost und West untergraben. Von dem Geldsegen gelangte auch einiges in die Taschen des Unterhändlers Vogel, der zum bestverdienenden DDR-Bürger avancierte. Er wurde von der DDR und von der Bundesregierung reichlich honoriert. Die DDR soll ihm in den achtziger Jahren jährlich 100.000 DDR-Mark und 50 000 D-Mark gezahlt haben, in 28 Jahren etwa 3,5 Millionen Ost- und rund 1,5 Millionen Westmark. Die Bundesregierung ließ ihm für seine Tätigkeit „in besonderen humanitären Angelegenheiten“ jährlich pauschal 360.000 DM und weitere Anwaltshonorare nach der DDR-Gebührenordnung in sechs- bis siebenstelliger Höhe für die Verteidigung politischer Gefangener zukommen. Natürlich hatte er auch Ausgaben, etwa für seinen goldfarbenen Mercedes. Er konnte auch etwas für sein Image im Westen tun, wenn er freigekauften jungen Leuten in seinem Büro ganz unbürokratisch 300 Westmark als „Starthilfe“ zusteckte, bevor er sie eigenhändig nach West-Berlin kutschierte. Leben eines wohlhabenden Rentiers Die Verbindung Vogels zum MfS ist eigentlich selbstverständlich; die Details sind wie meist unklar. Den Stasi-Oberst Volpert, der Mielke direkt unterstand und für Geldbeschaffung zuständig war, nannte Vogel seinen Freund. Als dieser 1986 auf mysteriöse Weise ums Leben kam, behauptete Vogel nach der Wende, er sei ermordet worden. Nach der Vereinigung versuchte die Justiz, ihm Erpressung und – groteskerweise – Steuerhinterziehung zu Lasten der DDR nachzuweisen. Am Ende blieb es bei einer Verurteilung wegen Meineids und Urkundenfälschung. Vogel war nicht der unabhängige Anwalt, der zwischen den Fronten des Kalten Kriegs, nur humanitären Zielen verpflichtet, agierte. Er konnte es nicht sein; denn das SED-Regime duldete so etwas nicht. Vogel war im System der DDR verankert und hatte eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, die allerdings, etwa bei der Geheimhaltung seines Tuns, auch im Interesse der Bundesregierung lag. Seine Geschäftstüchtigkeit im eigenen Interesse nötigt noch heute Respekt ab. Sie hat ihm in der DDR einen aufwendigen Lebenstil und letztlich auch im wiedervereinigten Deutschland das Leben eines wohlhabenden Rentiers ermöglicht. Vogel hat angeblich Erinnerungen hinterlassen, die nach seinem Tode veröffentlicht werden dürfen. Es könnte sein, daß einige Zeitgenossen diesem Tag mit Bangen entgegensehen.

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