Amerikanische Interessen verteidigen

Wenn die ganze Welt bei den US-Präsidentschaftswahlen hätte mitstimmen dürfen, dann hätte Barack Obama bekanntlich nicht mit nur wenigen Prozentpunkten Vorsprung, sondern mit einer Mehrheit von mindestens achtzig Prozent gewonnen. Mit einer vielsagenden Ausnahme, nämlich Israel, genoß der demokratische Kandidat praktisch überall auf der Welt eine sehr hohe Unterstützung in der Öffentlichkeit. Das ist nicht erstaunlich nach acht Jahren unter George W. Bush, den viele für den schlechtesten Präsidenten in der US-Geschichte halten. Kritisch wird es, wenn man die tieferen Ursachen dieser „Obamania“ zu ergründen versucht, die sich zur „Hysterobamania“ steigerte. Die Kommentare zu seiner Wahl lassen keinen Zweifel: Nicht weil Obama jung und sympathisch ist, nicht weil er Charisma ausstrahlt, nicht weil er einen besseren Wahlkampf geführt hat, nicht weil seine Ideen geeignet sind, eine breite Wählerschaft zu begeistern — nein, nicht deshalb wird sein Wahlsieg international gefeiert. Der wahre Grund ist seine Hautfarbe. Die Europäer und vor allem die Afrikaner interessiert an diesem künftigen US-Präsidenten offensichtlich nur eins: Ein „Schwarzer“ (der im übrigen eine weiße Mutter hat) zieht zum ersten Mal in der Geschichte ins Weiße Haus ein. Diese rassistische Einfärbung der Kommentare, die im Ausland sehr viel stärker ist als in Amerika selbst und jedes wirklich politische Urteil verhindert, stimmt nachdenklich. Am bemerkenswertesten ist, daß sie bei Rassisten wie bei Antirassisten auftritt. Erstere sind verstört, letztere jubilieren — aber beide Seiten sind sich darin einig, Obamas ethnischer Herkunft eine unverhältnismäßige Bedeutung zuzumessen. Manche dieser Kommentare sind geradezu atemberaubend. In Frankreich rief der Interessenverband schwarzer Bürger (CRAN) zu einer Versammlung auf, „um Obama zu seinem Sieg zu beglückwünschen und Nicolas Sarkozy zu ermahnen, die Forderungen der Schwarzen in Frankreich nicht zu vergessen“. Junge Franzosen mit afrikanischen Wurzeln triumphierten gar: „Endlich haben wir unseren Präsidenten!“ oder: „Unser Vorbild kommt aus den USA!“ Zweifellos wußten sie nicht, daß von 1959 bis 1968 der aus Französisch-Guayana stammende Gaston Monnerville als Senatsvorsitzender das zweithöchste Amt in Frankreich innehatte. In Afrika geht die Hoffnung um, daß Obama den „Kontinent retten“ oder zumindest den Lebensstandard aller Kenianer heben wird. Überdies wird der Eindruck vermittelt, Obama sei zuvorderst der Wunschkandidat der Afroamerikaner oder der ethnischen Minderheiten gewesen. Auch das ist ein Irrtum. Tatsächlich war Oba­ma intelligent genug, seinen Wahlkampf nicht auf seiner Hautfarbe aufzubauen. Hätte er das getan, hätte er keine Chance gehabt. Richtig ist, daß 95 Prozent der US-Schwarzen, 67 Prozent der Latinos und 62 Prozent der Asiatischstämmigen für ihn stimmten. Das ist weder überraschend, noch soll es hier darum gehen, die symbolische Bedeutung der Wahl eines schwarzen Präsidenten in einem Land zu leugnen, in dem noch vor einem halben Jahrhundert Rassentrennung herrschte. Man darf jedoch nicht vergessen, daß die Minderheiten in den USA auch dann mehrheitlich die Demokraten gewählt haben, wenn deren Kandidaten weiß waren. Bei den Weißen erreichte Obama 43 Prozent (McCain 55 Prozent), ein durchaus beachtliches Ergebnis. Seit Lyndon B. Johnson 1964 hatte kein demokratischer Kandidat mehr eine Mehrheit bei den weißen Wählern. Obama verlor im Vergleich zu den letzten drei demokratischen Präsidentschaftskandidaten nicht nur keine „weißen Stimmen“, sondern gewann neue hinzu. Von großer Symbolkraft sind seine Siege in Virginia (dem Bundesstaat, in dem zu Zeiten der Sezession die Hauptstadt der Südstaaten lag) und Ohio. Zu Recht kommentierte Peter Wallsten in der Los Angeles Times: „Die amerikanischen Weißen haben entscheidend dazu beigetragen, daß ein schwarzer Präsident ins Weiße Haus einzieht.“ In Wirklichkeit hat Obama es geschafft, sämtliche Schichten seines Landes von sich zu überzeugen, und seinen Sieg verdankt er vor allem seiner Fähigkeit, Menschen verschiedenster Herkunft und Hautfarbe zusammenzubringen. Schließlich sollte man nicht vergessen, daß Obama nicht zum Präsidenten von Afrika, Uno-Generalsekretär oder Erlöser der Menschheit gewählt worden ist, sondern zum Präsidenten der USA. Sein Auftrag lautet einzig und allein, amerikanische Interessen zu verteidigen. Angesichts der historischen und geopolitischen Gegebenheiten ist nicht unmittelbar ersichtlich, warum die Tatsache, daß er schwarz ist, eine ausreichende Garantie dafür sein soll, daß er die USA wieder auf den Weg einer Abstimmung mit Europa führen wird. Rußlands Präsident Dmitri Medwedjew scheint dies als einziger begriffen zu haben. Obama hat eine katastrophale Lage geerbt, die seinen Sieg begünstigt hat (in Wahrheit hat er nicht gegen McCain, sondern gegen Bush gewonnen) und nun von ihm bewältigt werden muß. Als Präsident wird er nicht nach seiner Hautfarbe beurteilt werden. Um zu bestehen, kann er sich nicht zwischen einer „weißen“ und einer „schwarzen“ Politik entscheiden, solche Kategorien sind inhaltsleer. Vielmehr muß er die politisch richtigen Entscheidungen treffen. Inwieweit ihm das gelingen wird, muß sich zeigen.   Alain de Benoist, französischer Philosoph und Publizist, ist Herausgeber der Zeitschriften „Nouvelle École“ und „Krisis“. Fotomontage: Kunstwerk aus Tausenden Wahlplakaten: Obama wurde nicht zum Erlöser der Menschheit gewählt

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