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Klima der Angst

Berlin hat sich vergangene Woche zur Modeveranstaltung „Fashion Week“ so gezeigt, daß der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) seine wahre Freude an der Stadt hatte: Messen, Ausstellungen, Laufstege und Modelpartys. So wünscht Wowereit sich seine „Arm-aber-sexy“-Stadt. In den ungenutzten Fabrikhallen an der Prenzlauer Allee zum Beispiel. Drei Tage lang wurde dort am Stück gefeiert. Models gaben sich die Klinke in die Hand. Aber dieser „sexy“ Teil Berlins ist nur eine Seite der Medaille. Nur einen Kilometer Luftlinie entfernt liegt der sogenannte Berolinakiez, in unmittelbarer Nähe zum Alexanderplatz. Hier herrschen lateinamerikanische Verhältnisse. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen eine Bande, die einen Supermarkt terrorisiert, eine tote Frau und ein Milliardenkonzern, der – obwohl Opfer dieser Übergriffe – das alles auch noch zu vertuschen versucht. In dem Viertel rund um die Berolinastraße trifft „Multikulti“ auf die Plattenbaugesellschaft der früheren DDR. Inmitten der trostlosen Hochhäuser ist eine Haupt- und Realschule, die Berolinaschule untergebracht. Gleich daneben steht eine heruntergekommene Filiale des Discounters Plus. Seit Monaten haben Berolina-Schüler immer wieder den Supermarkt überfallen. In großen Gruppen drangen sie – trotz Hausverbot – in den Laden ein, warfen Verkaufsstände um, stopften sich Getränke, Süßigkeiten und andere Waren in die Taschen und stürmten wieder hinaus. „Das war Terror“, sagte eine Mitarbeiterin. „Immer wieder kamen die Schüler in kleinen oder auch größeren Gruppen hier herein, bedrohten und beleidigten Mitarbeiter und Kunden und klauten alles, was ihnen auf die Schnelle in die Finger kam“, erzählte eine andere Angestellte der Berliner Morgenpost. Danach erhielten die Angestellten von ihrer Firmenleitung offenbar einen Maulkorb. Spätere Journalistenanfragen wurden vom weiblichen Verkaufspersonal brüsk abgekanzelt: „Wir geben keine Auskunft.“ Aus Polizeiberichten jedoch geht hervor, wie die Bande am Dienstag vergangener Woche gestellt wurde: Die laut Berliner Zeitung zu „einem Großteil“ aus Einwandererkindern im Alter zwischen 13 und 17 Jahren bestehende 35köpfige Bande – die Polizei verweigert konkrete Angaben über den Anteil der Ausländerkinder – stürmte vormittags in den Laden. Draußen lag die Polizei mit zwanzig Mann in Zivil auf der Lauer. „Heute warteten die Beamten bereits auf die Täter. Gegen 10 Uhr 40 kamen sie in das Geschäft und begannen, den Eingangsbereich zu verwüsten“, heißt es in der Pressemitteilung der Polizei. Alle Türen wurden verschlossen, die Täter saßen in einer Mausefalle: Sie wurden alle dingfest gemacht und aufs Präsidium verbracht, später den Eltern übergeben, die ihre Sprößlinge sofort in Schutz nahmen und sich mit teilweise wütenden Angriffen auf die wartenden Journalisten revanchierten. Die Polizei war laut Pressestelle erst seit kurzem über die Überfälle informiert. Die Plus-Mitarbeiterinnen haben bisher nicht nur gegenüber der Presse geschwiegen: Sie haben das ganze auch nie zur Anzeige gebracht. Im Berolina-kiez herrscht ein Klima der Angst. Für die anderen Geschäftsleute bleibt nur die Aufrüstung. Der Apotheker Josef Tanardi weiß zu berichten: „Die kamen regelmäßig zu dritt in das Geschäft, zwei haben mich abgelenkt und einer hat die Regale leergeräumt.“ Als er versuchte, den Diebstählen ein Ende zu bereiten, kassierte der Apotheker sofort eine Anzeige wegen Körperverletzung. Jetzt besitzt er eine Schreckschußpistole. Die Ermittler haben den Zugriff vergangene Woche so gut planen können, weil an diesem Tag die Zeugnisse ausgegeben wurden. Der letzte Schultag war wie geschaffen für einen Übergriff der Schülerbande, dachten sich die Beamten. „Das hat die Polizei alleine herausgefunden, während die Lehrer der Schule die Jungs sogar noch gedeckt haben“, bestätigt ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes. In der Berliner Tagespresse wurde zwar über den Überfall berichtet, die Herkunft der Täter jedoch verschleiert. Samstagabend, vier Tage nach dem Polizeizugriff. Der Supermarkt ist gerade geschlossen worden, aber die Angestellten wollen nicht über den „Vorfall“, wie sie es nennen, reden. Dafür sind die Anwohner um so redseliger: Vor der Plus-Filiale sitzen Gerda H. (70), Manfred W. (59) und ein weiterer Mann – alle drei sind Anwohner – auf der Holzbank vor einer kleinen Dönerbude. Auch der türkische Imbißbetreiber und seine Angestellte haben es sich in der Abendsonne gemütlich gemacht. Gerda H. fängt sofort an zu schimpfen: „Nie stand was in der Zeitung, obwohl die schon so oft den Laden überfallen haben.“ Wer sind die? „Na, die Schüler von der Schule da.“ Sie zeigt auf die Berolina-Schule. Ausländerkinder? „Na klar. Türken oder Araber. Die schlimmsten von denen kommen aus Neukölln.“ Manfred W. nickt heftig. Er hat einen ziemlich abgetragenen Trainingsanzug an. W. nimmt einen großen Schluck aus seiner Flasche Sternburg Pilsener. Auf dem Tisch vor ihm stehen mehrere kleine Schnapsflaschen. „Ich bin doch selbst einmal überfallen worden“, sagt er. Aufgewacht ist er mit einer genähten Kopfwunde im Krankenhaus. Natürlich weiß er nicht, wer ihn überfallen hat, aber für ihn liegt der Verdacht nahe: Es waren die Rabauken von der Schule, ist er sich sicher. Auch der türkische Dönerbudenbetreiber pflichtet seinen deutschen Gästen bei. Allerdings, sagt er, kenne er die Schüler nicht näher. „Ich betreibe die Bude erst seit drei Wochen. Wenn wir denen nach Schulschluß was verkaufen, dann muß es immer sehr schnell gehen. Da bleibt keine Zeit für ein Gespräch.“ Dafür kennt sich aber Gerda H. um so besser aus. Sie erinnert sich, daß der Supermarkt schon oft überfallen worden ist. „Da war die Frau Gutschmidt“, sagt sie. „Die Arme, sie war herzkrank. Vor zwei Jahren ist sie hinter einem von diesen Räubern hinterher, der eine ganze Palette Kaffee klauen wollte. Da ist sie tot umgefallen. Sie war halt herzkrank.“ Der Plus-Konzern hüllt sich unterdessen in Schweigen. Der Lebensmittel-Multi aus Mühlheim an der Ruhr (Jahresumsatz laut Wirtschaftswoche rund zehn Milliarden Euro) hat nicht einmal eine Presseabteilung mit einem Telefon. In der Firmenzentrale wird auf die E-Mailadresse verwiesen. Entsprechende Anfragen zu den Vorfällen bleiben jedoch unbeantwortet. Foto: Geplünderter Plus-Supermarkt im Berliner Berolinakiez: Die Geschäftsleute des Viertels sind verzweifelt

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