„Wir glauben an die Zukunft der Deutschen“

Der „Eid“ der Verschwörer des 20. Juli gehört zu den eindrucksvollsten, aber auch zu den am wenigsten bekannten Dokumenten der deutschen Geistesgeschichte. Das liegt einerseits daran, daß er keine praktische Wirksamkeit erlangte, andererseits an planvollem Verschweigen, denn die in dem Text zum Ausdruck kommenden Vorstellungen erscheinen den Späteren problematisch, bestenfalls mißverständlich. Sie gehen im Kern auf Stauffenberg selbst zurück, die Formulierungen auf seinen Freund, den Germanisten Rudolf Fahrner, den er unmittelbar vor dem Attentat, aus Athen – wo Fahrner das Deutsche Wissenschaftliche Institut leitete – nach Berlin gerufen hatte. Stauffenberg, der zu diesem Zeitpunkt von seiner schweren Verwundung in Nordafrika noch nicht genesen war, gab Fahrner und seinem Bruder Berthold den Auftrag, sich in ein Ausweichlager der Kriegsmarine bei Bernau, fünfzig Kilometer nördlich von Berlin, zurückzuziehen. In seinen Erinnerungen hat Fahrner geschildert, wie selbstverständlich die beiden Männer neben der Arbeit am Text des Eides und des Aufrufs, der nach dem Umsturz an das Volk gerichtet werden sollte, eine Übertragung der Odyssee aus dem Griechischen abschlossen. Den Text des Eides hat Stauffenberg dann noch einmal geprüft, mit Korrekturen versehen und für gut befunden. Dabei ging es ihm weniger um die praktische Bindung der Verschwörer, eher um ein Bekenntnis, das dazu dienen sollte, das Ethos der Täter auszudrücken, für den – wahrscheinlichen – Fall ihres Scheiterns. In der erhalten gebliebenen Textfassung heißt es: „Wir glauben an die Zukunft der Deutschen. Wir wissen im Deutschen Kräfte, die ihn berufen, die Gemeinschaft der abendländischen Völker zu schönerem Leben zu führen. Wir bekennen uns im Geist und in der Tat zu den großen Überlieferungen unseres Volkes, das durch die Verschmelzung hellenischer und christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schuf. Wir wollen eine Neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt, verachten aber die Gleichheitslüge und beugen uns vor den naturgegebenen Rängen. Wir wollen ein Volk, das in der Erde der Heimat verwurzelt den natürlichen Mächten nahe bleibt, das im Wirken in den gegebenen Lebenskreisen sein Glück und sein Genüge findet und in freiem Stolze die niederen Triebe des Neides und der Mißgunst überwindet. Wir wollen Führende, die aus allen Schichten des Volkes wachsen, verbunden mit den göttlichen Mächten, durch großen Sinn, Zucht und Opfer den anderen vorangehen. Wir verbinden uns zu einer untrennbaren Gemeinschaft, die durch Haltung und Tun der Neuen Ordnung dient und den künftigen Führern die Kämpfer bildet, derer sie bedürfen. Wir geloben untadelig zu leben, im Gehorsam zu dienen, unverbrüchlich zu schweigen, und füreinander einzustehen.“ Die ersten Aussagen sind für einen heutigen Leser am überraschendsten. Eine Nation, die nach dem Ende des Krieges gelernt hat, ihre Wertlosigkeit anzunehmen, sieht sich hier mit der Auffassung derer konfrontiert, die aus sittlicher Empörung und Verantwortungsgefühl gegenüber dem Vaterland handelten und trotz des Wissens um die Verbrechen der Nationalsozialisten keinen Zweifel hatten, daß die Deutschen eine Sendung erfüllen müßten, die ihnen und nur ihnen übertragen sei. Das entsprach sicher der tiefsten Überzeugung Stauffenbergs, der schon als Halbwüchsiger gedichtet hatte „Wir sind schicksal noch der welt und leben / Müssen weh nicht schreien über uns.“ Die stolze Rede von der Berufung des „Deutschen“ klingt jedenfalls ganz anders als die demütigen Worte Henning von Trescckows, der hoffte, Gott werde Deutschland um der „Gerechten“ willen nicht verderben, die sich erhoben hatten. Hier gab für Stauffenberg und seine Vertrauten die Vorstellung von einem „Geheimen Deutschland“ den Ausschlag, das trotz der Untaten bestand, im Grunde unberührt davon. Die Rede vom „Geheimen Deutschland“ geht auf Karl Wolfskehl beziehungsweise Stefan George zurück, dessen Kreis Stauffenberg, seine Brüder Berthold und Alexander, aber auch Fahrner angehört hatten. Es handelte sich um die Vorstellung von einem „ewigen Deutschland“, das sich zwar historisch verwirklicht hatte, aber sein eigentliches Potential noch in sich trug. Dabei war die Idee des Dichters von einem „Neuen Reich“ von nationalistischer Enge weit entfernt, sie wurzelte in der mittelalterlichen Tradition einer übervölkischen, religiös begründeten Herrschaft. Daß im Eid nicht von „Europa“, sondern vom „Abendland“ gesprochen wurde, erklärt sich wahrscheinlich aus diesem Zusammenhang. Denn anders als das primär geographisch und dann politisch verstandene Europa bildete das Abendland zuerst eine kulturelle Einheit. Auf eine Restauration war Stauffenberg aber nicht aus. Darauf verweist der folgende Satz, der die Trias Griechentum – Christentum – Germanentum beschwört. In der Glanzzeit des deutschen Geistes, vom Ende des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, hatte dieser Dreiklang bestimmend gewirkt. Nirgendwo sonst war die klassische Antike in dem Maße zur Geltung gekommen, hatte sich mit dem Bedürfnis nach echter Religiosität und einem nationalen Kulturbewußtsein verbunden wie in Deutschland. Hegel leitete den historischen Aufstieg überhaupt aus der Berührung und Durchdringung dieser Elemente ab. Allerdings war die Synthese im 20. Jahrhundert in Frage gestellt worden, und auch in Deutschland hatten Positivismus, Atheismus und Darwinismus Geltung gewonnen. Aber es gab aufhaltende Kräfte, zu denen man den Kreis Georges rechnen muß, wo man unbeeindruckt von der Modernität des Gegners an einem anderen Entwurf arbeitete. Als Stauffenberg in den zwanziger Jahren in den Kreis eintrat, hatte vor allem die staufische Epoche eine Art Modellcharakter für das „Neue Reich“ gewonnen, eine Idee, von der er selbst sehr nachhaltig beeindruckt wurde. Daneben gab es nur eine andere Zeit, die für sein und das Geschichtsbild des George-Kreises ähnliche Bedeutung besaß: das Zeitalter Napoleons und der Deutschen Erhebung. Die Arbeiten Fahrners über Arndt und Gneisenau folgten jedenfalls keinem antiquarischen Interesse, sondern gingen zumindest im zweiten Fall auf eine Anregung Stauffenbergs zurück, der als Ururenkel des preußischen Reformers den Gegen-Napoleon als ein Muster jenes Gegen-Hitlers ansah, der notwendig sein würde, um Deutschland zu retten. Es kann deshalb nicht überraschen, daß die Umrisse der „Neuen Ordnung“, wie sie der Eid gibt, in manchen Zügen dem entsprechen, was von Gneisenau entworfen worden war. Das gilt nicht nur für den Bezug auf die Ehre des „gemeinen Mannes“, sondern auch für den Plan einer umfassenden Reform des preußischen Adels. In einer seiner Denkschriften hatte Gneisenau verlangt, daß kein Titel mehr gelten sollte, der nicht im Kampf gegen Napoleon durch persönlichen Einsatz erneuert worden war, so daß der kommende Adel aus einem Teil der alten Geschlechter und der durch Leistung Nobilitierten zusammengesetzt gewesen wäre. Das Konzept konnte nicht verwirklicht werden, spielte aber bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bei Überlegungen zur Bildung einer politischen Elite in Deutschland eine Rolle. Ähnliches wird man in bezug auf alle Versuche sagen müssen, die „Gleichheitslüge“ zu bekämpfen. Stauffenbergs Widerwille dagegen hatte nichts mit den traditionellen Vorurteilen seines Standes zu tun, aber das egalitäre Prinzip schien ihm hinreichend widerlegt. Die Skepsis gegenüber einem allgemeinen und gleichen Wahlrecht war im Widerstand auch sonst verbreitet. Das hatte einmal seinen Grund in der Erinnerung an Hitlers Aufstieg mit Hilfe der Demokratie, aber es gab auch grundsätzliche Vorbehalte. Die werden etwa an den Plänen des Kreisauer Kreises für ein gestuftes Wahlrecht deutlich, wobei hier wie im Umfeld Stauffenbergs Einflüsse der Konservativen Revolution eine Rolle spielten. Die konnten sich wiederum mit dem linken Elitismus berühren, wie er etwa die Oppositionsgruppe „Neu Beginnen“ vertrat, die von der Philosophie Leonhard Nelson (1882-1927) geprägt war, der Sozialismus und Demokratie für unvereinbar hielt. So wenig Stauffenberg an die Restauration des alten Adels oder der Monarchie dachte, so wenig ging es ihm sonst um die Wiederbelebung des Abgestorbenen. Die Notwendigkeit einer Führungsgruppe war für ihn unbestreitbar, aber sie sollte eben die Besten aus allen Schichten vereinen. Seine Freundschaft mit dem Sozialdemokraten Julius Leber und sein Versuch, diesen gegen Goerdeler als präsumtiven Reichskanzler durchzusetzen, war dafür ein ebenso starkes Indiz wie der Versuch, Männer der christlichen Arbeiterbewegung stärker einzubinden. Seine Vorstellung einer organischen Elite hatte entscheidend damit zu tun, daß in der politischen Gemeinschaft die Zirkulation zwischen Basis und Spitze aufrechterhalten werden müsse, weil die Oberschicht immer in besonderer Gefahr der Degeneration steht, während Stauffenberg der Basis, vor allem dem Bauerntum, zutraute, daß es „in der Erde der Heimat verwurzelt den natürlichen Mächten nahe bleibt“. Berthold Graf von Stauffenberg sagte im Verhör nach dem gescheiterten Aufstand, ein gewisses Wohlwollen der Brüder gegenüber dem Nationalsozialismus habe anfangs darauf gegründet, daß die Bewegung fähig und bereit schien, den „Kampf gegen den Geist der Großstädte“ zu führen. Es wird auch daran deutlich, daß für Stauffenberg der Gedanke der großen Regeneration ganz im Mittelpunkt stand. Die konnte er sich nur als konservativen Akt vorstellen, als Wiederanknüpfung am Ursprung, was auch die Betonung erklärt, mit der die Auslese den „göttlichen Mächten“ verpflichtet wurde. Die Formulierung ist in bezug auf das Fehlen eines klarer christlichen Ausdrucks bezeichnend. Es ist nicht von „Gott“, sondern von „göttlichen Mächten“ die Rede. Auch das hängt mit dem Einfluß Georges zusammen und mit dessen Vorstellung einer neuen Verbindung aus Heidnisch-Antikem und Christlichem. Der Katholizismus mochte Stauffenberg dafür als Ausgangspunkt gelten, aber welche Gedanken er sonst in bezug auf die religiöse Entwicklung hegte, kann man nur ahnen. An der Bedeutung des Glaubens überhaupt hatte er allerdings keinen Zweifel; im Gespräch äußerte er, ein Volk, das nicht beten könne, sei nicht wert zu leben. Es bleibt damit noch etwas über den Schluß des Eides zu sagen. Hier tritt der Schwur-Charakter am deutlichsten zu Tage, mehr noch, die Intention, den Kern des Widerstandes eng zusammenzufassen und zu einer besonderen Gemeinschaft zu machen, die auch dann bestehen sollte, wenn das Attentat nicht durchzuführen war oder mißlang. Fritz-Dietlof von der Schulenburg, einer der Beteiligten, äußerte kurz vor dem Attentat: „Wenn es nicht mehr gelingt, zur Tat zu kommen, so müsse man sich einen Eid geben und zu einem ‚Orden‘ zusammenschließen, um nach dem Zusammenbruch Deutschlands in der dann von allen Seiten einbrechenden Fremdherrschaft ohne äußeres Band eine Gruppe von Männern zusammenzuhalten, die voneinander weiß und unverrückbar am Vaterland festhält.“ Wahrscheinlich waren solche Überlegungen nicht weit entfernt von denen Stauffenbergs. Jedenfalls spricht die Rede von der notwendigen „Bildung“ der „Kämpfer“, die „künftigen Führern“ unterstellt werden sollten, ebenso dafür, wie die Formel „Wir geloben untadelig zu leben, im Gehorsam zu dienen, unverbrüchlich zu schweigen, und füreinander einzustehen“, die nicht nur an den Treueeid des Soldaten, sondern auch an das Gelöbnis eines Mönchs erinnert. Peter Hoffmann hat in seiner Rekonstruktion der Geschichte des Eids die Auffassung vertreten, daß für dessen Interpretation wichtig sei, dem Vorbild einer Handlung zu folgen, die Gneisenau 1812 – angesichts der Unterwerfungserklärung des Königs von Preußen gegenüber Napoleon – vollzogen haben soll, indem er allen ein feierliches Versprechen abverlangte, die mit ihm die Erinnerung an den Freiheitskampf aufrecht erhalten wollten. Der Vorgang ist nicht verbürgt, spielte aber eine wichtige Rolle für das, was Hoffmann die „Parallele Arndt-Gneisenau / Fahrner-Stauffenberg“ nennt. Es wird damit noch einmal betont, daß der Eid nicht für die Öffentlichkeit gedacht war und seine Verpflichtung ausdrücklich über die Erhebung hinausreichte, in die Zeit der als unausweichlich betrachteten Niederlage und Besetzung des Reiches. Nach einer Bemerkung Eberhard Zellers, der zum Umkreis der Verschwörer gehörte, war der Eid das „Testament“ Stauffenbergs. Als er starb, trug er einen Ring mit den gravierten Worten „Finis initium“, nach Georges Gedicht aus dem „Stern des Bundes“, das mit den Worten schließt: „Ich bin ein end und ein beginn“. Foto: Außenfassade mit Fenster zum Innenhof des Bendlerblocks

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