Joachim Kuhs

 

Trübe Mixtur

Erzwungene Wege“, „erzwungene Wanderschaft“ (Altbundespräsident Richard von Weizsäcker): Nordic Walking? Wenn es nach den Wünschen rechter polnischer Politiker („Für das Vergessen“) und dem zeithistorischen Analphabetentum unserer linken Hochintelligenz geht, dann sollte eigentlich der Wellness-Charakter von Flucht und Vertreibung (in politisch korrektem Neusprech hat letzteres für Deutsche „Migration“ zu heißen) unübersehbar sein – zumal es sich damals ja um „Befreiung“ handelte. Jeder Versuch des Bundes der Vertriebenen (BdV), diese trübe Mixtur von Appeasement, unterwürfiger Anbiederung (neudeutsch: „Dialog“) und Geschichtsfälschung durch Nachweis historischer Fakten zu klären, störe den Frieden. Auf den Leim gegangen So jedenfalls der SPD-Bundestagsabgeordnete Markus Meckel in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Die Mesalliance von Polens beinhartem nationalistischen Chauvinismus und linken deutschen Weltbeglückungsillusionen sei, so der frühere DDR-Bürgerrechtler, „sichtbares Zeichen“ internationaler Völkerverständigung. In dieser verqueren Logik meint er tatsächlich, die Vertretung der deutschen Opfer polnischer Verbrechen, der BdV, sei für eine solche Ausstellung oder für eine spätere – seit Jahrzehnten überfällige – Gedenkstätte „nicht qualifiziert“. Demnach waren laut Oberlehrer Meckel wohl auch die Israelis seinerzeit eigentlich gar „nicht qualifiziert“, die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu errichten? Unverkennbar sind Meckel & Co. der chauvinistischen polnischen Geschichtspolitik auf den Leim gegangen, die mindestens ebenso zäh eine objektive Sicht auf die Zeitgeschichte verhindert wie die tschechische Geschichtspropaganda, der ebenfalls hierzulande so andächtig wie kritiklos geglaubt wird. Der polnische stellvertretende Kulturminister Krzysztof Olendzki moniert, in der Berliner Ausstellung würden die Gründe der Vertreibung nicht klar gezeigt. Recht hat er. Polens strategische Ziele wurden auch schon in der Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte verschwiegen. Es fehlt in der Tag jeder deutliche Hinweis darauf, daß die polnische Militärdiktatur in den zwanziger Jahren als der aggressivste Staat in Europa galt, der mit jedem seiner Nachbarn den militärischen Konflikt suchte. Ziel war ein Großpolen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, von der Oder (bzw. der Elbe samt Berlin) bis weit hinein nach Rußland – wobei letzteres Polen ja in seinem Angriffskrieg gegen die junge Sowjetunion 1919/20 vorübergehend gelang. Nach seinem erzwungenen Rückzug 1939/45 wurden daraufhin die deutschen Provinzen annektiert. Die erste Fluchtbewegung von etwa einer Million Deutscher veranlaßte Polen schon seit 1919 durch seine widerrechtliche, rigorose Nationalisierungspolitik der ihm aufgrund des Versailler „Friedensvertrags“ grundlos zugesprochenen deutschen Gebiete. Auf diese und andere Fakten hinzuweisen, gilt in Deutschland jedoch als „Revisionismus“. Auf den Protest dagegen hatte sich schon in vorauseilendem Verdacht die übliche Berliner Antifa-Demo mit ihren Plakaten eingestellt: „Geschichtsrevisionismus angreifen statt ausstellen“. Dabei hätten sie doch durchaus protestieren können – gegen das Relativieren und Verharmlosen: Der Völkermord an den Deutschen und der Raub ganzer Provinzen wird weder in seiner Singularität noch in seinem Ausmaß und seinen Folgen angemessen dargestellt.

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