„Eines der wichtigsten Themen“

Im Jahr 2010 werden in vielen deutschen Städten die Hälfte der unter Vierzigjährigen nicht deutscher Herkunft sein“, wies darauf hin die Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Maria Böhmer (CDU), vergangene Woche in Berlin. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hatte sie eingeladen, um die Vortragsreihe „Herausforderung Integration“ zu eröffnen. Laut Böhmer zählt Integration zu den wichtigsten Themen dieser Zeit. Nachdem dies jahrelang ignoriert worden sei, komme ihrem Ressort nun endlich auch die Bedeutung zu, die es verdiene. Deshalb habe auch Angela Merkel (CDU) das Amt des Integrationsbeauftragten bei sich im Kanzleramt verankert. Das sei als „deutliches Zeichen zu verstehen“ und zeige, welche Gewichtung die Kanzlerin der Aufgabe gebe, sagte Böhmer. Vor allem angesichts der Globalisierung und der negativen demographischen Entwicklung müsse endlich ernsthaft über Integration nachgedacht werden. Einerseits brauche Deutschland wegen des momentanen Arbeitskräftemangels und des Geburtentiefs Einwanderer, anderseits könne Einwanderung alleine keine Lösung für das Problem bieten. „Eine immer älter werdende Gesellschaft braucht Einwanderung, diese soll aber nicht als Lösung aller Probleme gesehen werden, sondern höchstens als eine Dämpfung“, sagte die Staatsministerin. Migration gebe es hierzulande nicht erst seit wenigen Jahrzehnten, sondern Deutschland sei „traditionell ein Einwanderungsland“. „Bereits jetzt sind 10 Prozent der Einwohner Deutschlands Ausländer“, sagte Böhmer. Fünfzehn Millionen Menschen – 18,3 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung – hätten einen sogenannten Migrationshintergrund. Davon besitze die Hälfte einen deutschen Paß. Außerdem hätte jedes fünfte in Deutschland geborene Kind entweder einen Migrationshintergrund oder stamme aus einer binationalen Ehe. In den nächsten Jahrzehnten sei zu erwarten, daß der Anteil der Ausländer mit oder ohne deutschen Paß auf über 40 Prozent der Gesamtbevölkerung steige. Dadurch verschärfe sich auch das Gesamtproblem Integration, denn viele der Einwanderer seien bereits jetzt schlecht oder gar nicht integriert. „Ein großes Problem dabei ist, daß viele Kinder und Jugendliche aus der zweiten oder dritten Einwanderergeneration deutlich schlechter integriert sind, als ihre Eltern oder Großeltern es waren.“ Viele von ihnen sprächen schlecht Deutsch und seien deshalb auch in ihrer Ausbildung benachteiligt. „Vierzig Prozent dieser Jugendlichen bleiben außerdem ohne jegliche berufliche Ausbildung“, sagte Böhmer. „Ihre Arbeitslosenrate liegt sogar bei 47 Prozent.“ Diese sozialen und gesellschaftlichen Erwartungen seien keine guten Voraussetzungen für gelungene Integration. Wichtig für eine erfolgreiche Eingliederung in die Gesellschaft sei vor allem die Sprache. Diese ist laut Böhmer der wichtigste Schlüssel zur Integration. Deshalb fordere sie eine frühe und systematische Spachförderung, auch schon im Kindergartenalter. Wichtig sei aber auch, daß die Eltern miteinbezogen würden. Jedoch garantiere auch Sprache alleine nicht den Erfolg. In Frankreich etwa beherrschten viele Einwanderer die Sprache perfekt, seien aber trotzdem nur mangelhaft integriert. „Wir müssen auch endlich offen überlegen, welche Art von Zuwanderung Deutschland braucht“, sagte Böhmer. „Daß es Einwanderung geben wird, ist eine Tatsache.“. Es gebe mittlerweile einen weltweiten Wettbewerb um Einwanderer. Jeder wolle die klügsten Köpfe, darüber müßten sich auch die Deutschen im klaren sein. Es sei überlebenswichtig, diese Menschen als Einwanderer zu gewinnen. Denn Deutschland habe keine Rohstoffe wie Diamanten oder Erdöl, sondern könne nur durch sein Wissen konkurrieren. Abschließend fragte sie: „Wohin wollen wir integrieren? Ist Integration nur Anpassung der Ausländer an uns, oder eher ein gemeinsames Aufeinanderzugehen?“ Böhmer will Integration auf keinen Fall mit Assimilation gleichgesetzt wissen – das wäre ein Mißverständnis des Begriffes. Vielmehr sei Integration als Identifikation mit dem Land zu verstehen, in dem man lebe. Dazu gehöre auch die Akzeptanz der hier herrschenden Werte, Gesetze und Menschenrechte. „Integration ist Ja-Sagen zu einem Land, sie bedeutet Teilhabechancen und außerdem die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen“, sagte sie. Ihrer Ansicht nach führe der Weg zu echter Integration nur über das Bewußtsein der eigenen Identität, einen gesunden Patriotismus und das Verständnis darüber, was einem das eigene Land bedeute. Foto: Maria Böhmer: Dämpfung

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