Dinge, die einfach nicht passieren sollten

Sichtlich genervt erklärte am Freitag vergangener Woche US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, daß sich „neunundneunzig Prozent unserer Truppen im Irak geradezu beispielhaft verhalten. Aber wir wissen auch, daß in Konflikten manchmal Dinge passieren, die nicht passieren sollten.“ Die „Dinge“, die da „passiert“ sein sollen, sind Massaker, namentlich im westirakischen Haditha, wo amerikanische Marines vergangenen Jahres 24 Iraker, darunter acht Frauen und vier Kinder, aus nächster Nähe erschossen haben sollen. Ermittler sollen nun klären, was an diesen Vorwürfen dran ist. Sie sollen unter anderem feststellen, aus welcher Entfernung und aus welchem Winkel auf die irakischen Zivilisten geschossen wurde und wie groß das Kaliber der verwendeten Waffen war. Daß es im irakischen Haditha nicht mit rechten Dingen zuging, zeigt, sollte die Washington Post zutreffend berichtet haben, der Versuch einiger US-Offiziere, einen falschen Untersuchungsbericht über die dortigen Vorfälle zu lancieren. Deren Vorgesetzte sollen es überdies versäumt haben, Umgereimtheiten im Bericht nachzugehen. So hätte schon beim Bergen der Leichen auffallen müssen, daß diese aus nächster Nähe erschossen worden waren. Aber nicht nur Haditha ist derzeit als Tatort möglicher amerikanischer Blutbäder im Gespräch. Auch in den Orten Samarra, Hamandiya und Ishaki soll es seitens der U. S. Army gezielte Tötungen von Zivilisten gegeben haben. Zumindest für Ishaki, wo am 15. März dieses Jahres ein Luftangriff stattfand, konnte dieser Verdacht wohl ausgeräumt werden. Die hier umgekommenen Iraker, vier Frauen und fünf Kinder, sind wohl mit ziemlicher Sicherheit als „Kollateralschäden“, so wortwörtlich US-Generalmajor William Caldwell, zu verbuchen. Ein Videoband, das vom britischen Sender BBC veröffentlich wurde, hatte zunächst etwas anderes suggeriert, nämlich daß US-Soldaten in Ishaki Iraker zusammengetrieben und dann elf von ihnen erschossen hätten. Dessenungeachtet wächst sich Haditha – obwohl längst nicht der einzige Vorwurf dieser Art in den vergangenen Jahren an die Adresse der U.S. Army im Irak – nach Abu Ghraib und Guantánamo Bay mehr und mehr zu einer weiteren ernsthaften Belastungsprobe für die Regierung Bush und den Irak-Einsatz insgesamt aus. Der irakische Ministerpräsident Nuri Kamal al-Maliki sprach davon, daß irakische Zivilisten häufig Opfer US-amerikanischer Übergriffe würden und daß die Amerikaner die Iraker als Menschen „nicht achten“. Sie überführen Iraker mit Fahrzeugen und töteten sie aufgrund eines Verdachts. Maliki verlangt im Zusammenhang mit den aktuellen Vorwürfen eine Entschuldigung seitens der US-Regierung und Einsicht in die Ermittlungsakten. Für George W. Bush kommen diese Vorfälle zur Unzeit, und zwar nicht nur, weil sein Ansehen selbst in den USA auf einem Rekordtiefststand ist. Erst vor kurzem hatte er die Vorfälle in Abu Ghraib als „größten Fehler der USA“ im Irak bezeichnen müssen. Sollten jetzt die Ermittlungen den Verdacht der vorsätzlichen Tötung von Zivilisten im Irak bestätigen, dürfte der Irak für die Angehörigen der U. S. Army zu einem noch heißeren Pflaster werden, als es bisher schon der Fall war.

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