„Stellvertreter-Funktion für etwas Gegenwärtiges“

Herr Professor Fleischer, Sie haben die Festschrift zum 80. Geburtstag Ernst Noltes herausgegeben. Wie sind Sie überhaupt an den „Fall Nolte“ gekommen? Fleischer: Als 1983 Noltes Buch „Marxismus und Industrielle Revolution“ erschien, habe ich es aus der Perspektive meiner eigenen Marxismusstudien rezensiert und die persönliche Verbindung mit ihm aufgenommen. Angesichts des enormen historisch-theoretischen Gesamtumfangs von Noltes Arbeiten kam ich, obgleich ich in meiner entschieden ideologiekritischen Orientierung seine „ideologiehistorische“ Sichtweise nicht teile, mit ihm fortan in einen anregenden Gedankenaustausch und zu einem tieferen Verständnis. Aufgrund dieser Nachbarschaft habe ich 1986 die Anwürfe der Kritiker immer wieder zurückgewiesen und – bayerisch gesagt „grad extra“ – diese Nachbarschaft seither bis zur Herausgeberschaft für die Festschrift von 2003 angelegentlich gepflegt. Ich schätze Nolte als einen erfahrungsoffenen, überaus produktiven, facettenreichen und undoktrinären weltbürgerlich-liberalen Geschichtsdenker, der vieles im Durchgang durch freimütige Gedankenexperimente verhandelt. Haben Sie für dieses Nachbarschaftsverhältnis so etwas wie einen wissenschafts- und kommunikationstheoretischen Nenner? Fleischer: Sehr wohl, und ich habe ihn nach Art eines Sinnspruchs gelegentlich so formuliert: Wie jemand etwas geschichtlich Vergangenes wahrnimmt, es sich und sich ihm zuordnet, hängt davon ab, „was für ein Mensch er ist“, wie er mit seiner persönlichen Lebensgeschichte teilhat an den geschichtlichen Formierungen seiner gesellschaftlichen Welt, was für ein Zeitgenosse seiner Gegenwart er ist, wie er darin aktiv und rezeptiv vergesellschaftet ist. Nolte ist ebenso wie ich in einem christlichen, nicht-nazistischen Haus aufgewachsen und muß keine belastende Identifikation „abarbeiten“. Er kann über die Exponenten der Weltkriegs- und NS-Epoche im Habitus eines unbelasteten Zeugen sprechen und sich um ein geschichtlich-situatives, distanziertes Verstehen bemühen – so wie einst Hegel den Satz „Dieser Mensch ist ein Verbrecher“ dialektisch umgekehrt hat: „Dieser Verbrecher ist ein Mensch“. Nolte wollte bedenkliche Lücken monieren Sie gehören noch – wie Nolte – der Kriegsgeneration an. Wie könnten Sie gemäß dem eben vorgebrachten Sinnspruch Ihre „geschichtliche Position“ bezeichnen? Fleischer: Ich wurde nach dem Flakhelferdienst im Dezember 1944, kurz nach meinem 17. Geburtstag, noch zur Wehrmacht eingezogen und Anfang 1945 an die Ostfront geschickt. Nach der Kapitulation flutete alles nach Westen, doch bei den Amerikanern angekommen, geriet ich in ein Kontingent, das sie zu den sowjetischen Verbündeten zurückschickten. So kam ich zu zwei Jahren einer Nachkriegsgefangenschaft, also in den Zuständigkeitsbereich der „Hauptverwaltung Lager“ – abgekürzt GULag. Auf dem Transport durch Polen gab es eines Morgens eine Erschießungsaktion, weil sechs Mann geflüchtet waren und ebenso viele dafür haften mußten. Für mich nahm diese Kriegsgefangenschaft jedoch eine ganz überraschend positiv-produktive Wendung. Kurz nach der Ankunft im Lager wurde ich als „Kursant“ in eine „Antifaschule“ versetzt und mit Vorlesungen, Seminaren und Lektüren in die Sowjetwelt und ihren Marxismus-Leninismus eingeführt. Ich folgte den Belehrungen zuerst recht widerwillig, konnte der Geschichte dann aber „gegen den Strich“ noch etwas Eigenes an historischem Interesse und Verständnis abgewinnen. Im Sommer 1947 wurde ich in meine fränkische Heimat entlassen und hatte für mein anschließendes Studium ein Hauptthema: Was für eine Geschichte das eigentlich gewesen ist, in die ich da hineingezogen war, dieser Schlußakt der Weltkriegsepoche des 20. Jahrhunderts und namentlich die in dieser Epoche entstandene „Neue Welt“ des Sowjetkommunismus. Deren Ideologie und Herrschaftssystem habe ich nach meiner Universitätszeit einige Jahre lang in Osteuropa-Instituten studiert, doch zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes drängte es mich sehr, den Blick wieder auf das größere Ganze der Weltkriegsepoche auszuweiten. Wie kamen Sie dann in die Debatte des Historikerstreits? Fleischer: Als im Juni 1986 der deutsche Historikerstreit entbrannte, war ich eigentlich schon anders programmiert, durch das „Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus“, das der Münchner Zeithistoriker Martin Broszat im Mai 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes vorgetragen hatte. Dann kam am 6. Juni Ernst Noltes Betrachtung über die „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, die als Rede bei einer Tagung „nicht gehalten werden konnte“ und dann als Zeitungstext in der FAZ zu lesen war. Ich las ihn als einen anregenden Diskussionsbeitrag, der auf eine Lückenhaftigkeit der derzeitigen neudeutschen „Erinnerungskultur“ zielte und begreiflicherweise kein „geschlossenes Bild“ präsentieren wollte. Ich war sehr darauf aus, den Arbeitskontakt mit Nolte zu intensivieren und zumal im Verbund mit Broszats „Historisierung des Nationalsozialismus“ auch die des Sowjetsozialismus voranzubringen, wie ich es in meinem ersten Votum zum Historikerstreit angezeigt hatte. Das sollte auch dazu beitragen, die Nolte-Diskussion aus der Enge von Habermas‘ Polemik herauszuführen. Als ein betont philosophischer und zugleich sehr „geschichtsnaher“ Geschichtsdenker mochten Sie sich nur ungern auf die thematischen Präferenzen des nachfolgenden Geschichtsstreits einlassen. Wie beurteilen Sie die Affäre im Rückblick nach zwei Jahrzehnten? Fleischer: Noltes Tagungsreferat war ein Teilstück innerhalb einer „Werkstatt“-Arbeit. Er wollte keine Gesamtansicht vortragen, sondern vor allem bedenkliche Lücken monieren, von denen er einige stichwortartig anzeigte. Als ein Historiker hat er immer die übergreifenden Gesamtheiten vor Augen, doch das entfaltet man nicht in jedem Votum gleichermaßen. Zum Kanon des Historikers gehört es für ihn ganz fraglos, daß „jede Vergangenheit mehr und mehr in ihrer Komplexität erkennbar werden muß, daß der Zusammenhang immer besser sichtbar wird, in den sie verspannt war“. Nur ging es eben im Vorliegenden gerade umgekehrt darum, solche Lücken zu nennen und mehr anzudeuten als auszufüllen. Eine der Monierungen von Nolte lautet: „Die der ‚Endlösung‘ gewidmete Aufmerksamkeit“, findet Nolte, „lenkt von wichtigen Tatbeständen der nationalsozialistischen Zeit ab, wie von der Tötung ‚lebensunwerten Lebens‘ und der Behandlung der russischen Kriegsgefangenen“ – wie auch von Gegenwartsfragen wie der des „Seinscharakters“ von „ungeborenem Leben“. Sie haben einmal bemerkt, statt einer „Ausschau nach dem Ganzen“ sei der Historikerstreit ein „Hantieren mit den Bruchstücken“ gewesen. Fleischer: Ja, das hat aber nicht Noltes Vorlage verschuldet, sondern muß im Interesse seiner Widersacher gelegen haben, die diese Tendenz noch verstärkten. Im Schlußabschnitt seines Aufsatzes, der die Überschrift „Archipel GULag und Auschwitz“ trägt, hat sich Nolte dagegen gewandt, daß man nur den einen Massenmord sieht und nicht auch den anderen zur Kenntnis nehmen will, und er hat noch hinzugefügt: „obwohl ein kausaler Nexus wahrscheinlich ist“. Auf diesen Nach-Halbsatz haben sich die Kritiker geradezu gestürzt und eine plumpe These daraus gemacht: An der Vernichtungsaktion seien erstlich und letztlich die Betreiber des Archipel GULag schuld. In seiner Antwort an die Kritiker, die Nolte 1987 in einem Buch vornahm, bringt er eine Blütenlese der polemischen Verdrehungen. Natürlich dachte er nicht an eine „vollständige Verursachung“, sondern ein Mit-Einfließen des Wissens um den mörderischen Terrorismus der Sowjetrevolution. Die Rede von „Kausalität“ hätte er, wo es hier ja um Bezüge in einem geschichtlichen Motivations-, Interessen- und Handlungsbezug geht, meines Erachtens besser unterlassen. Jede kausale Einwirkung trifft auf ein Potential von Impulsen einer („spontanen“) Selbstbewegung. Welche Dynamik einer offensiven Selbstbewegtheit sehen Sie bei den beiden Kontrahenten am Werk, dem russischen Revolutionsstaat von 1917 und dem nationalsozialistischen Parteistaat von 1933? Fleischer: Wir haben es beim imperialen Deutschland, das geschlagen aus dem Weltkrieg von 1914-1918 hervorgegangen ist, und dem sowjetrussischen Revolutionsstaat, der aus demselben Weltkrieg erwachsen ist, mit zwei parallelen imperialen Formationen zu tun, die nicht „saturiert“ und innerlich balanciert waren. Der eine war schon bei Kriegsende entstanden, der andere aus einer langen politisch-sozialen Nachkriegskrise. Die aktivistischen Führer der russischen Sozialrevolution strebten nach einer Internationalisierung ihrer Sowjetmacht in Richtung Deutschland, doch Hitler hat nach den fehlgeschlagen sozialrevolutionären Anläufen die Kommunisten und Sozialisten mit seiner erfolgreicheren Massenmobilisation überrundet. Ideologischen Stilisierung und moralisches Lehrstück Wie anders als mit der Begriffsfigur eines „kausalen Nexus“, mit dem die bolschewistische Revolution den Nationalismus als eine nachfolgende Antwortreaktion ausgelöst habe, wäre es auf eine ähnlich kurze Formel zu bringen, was sich da zugetragen hat? Fleischer: An das Wort „parallel“ kann man einen „Ismus“ anhängen, und dieser Parallelismus ist durchaus mit erheblichen Asymmetrien vereint. Er war bei einer kardinalen Charakterverwandtschaft, was die Imperialität dieser Kontrahenten angeht, bei beiden mit der Intention verbunden, auf den Raum und die Lebensart des anderen überzugreifen. Es waren, wie ich gern sage, zwei Aktivzentren einer imperialen „Übermobilisation“. Hitler hat in seinem „Kampf“-Buch (Ausgabe 1939) sein Projekt einer Eroberung von Land im Osten, umschrieben in „Rußland und den ihm untertanen Randstaaten“. Der Blick auf das bolschewistische Rußland hat ihn allem Anschein nach nicht nur erschreckt, sondern sehr ermutigt: „Das Schicksal selbst scheint uns hier einen Fingerzeig geben zu wollen. Indem es Rußland dem Bolschewismus überantwortete, raubte es dem russischen Volk jene Intelligenz, die bisher dessen staatlichen Bestand herbeiführte und garantierte.“ Ermutigt war er auch in seiner Wahnvorstellung, die im Bolschewismus zur Herrschaft gekommenen Juden seien „kein Element der Organisation, sondern ein Ferment der Dekomposition“. Darum sei „das Riesenreich im Osten (…) reif zum Zusammenbruch. Und das Ende der Judenherrschaft in Rußland wird auch das Ende Rußlands als Staat sein. Wir sind vom Schicksal ausersehen, Zeugen einer Katastrophe zu werden, die die gewaltigste Bestätigung der völkischen Rassentheorie sein wird.“ Wie hitzig mußten Wortführer eines heutigen Geschichtsdenkens über diese Dinge debattieren? Fleischer: Gewiß hätte man darüber eine ganz ruhige Diskussion führen können. Doch die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit hat den Aufsatz von Jürgen Habermas sogleich auf ihrer Titelseite als eine „Kampfansage“ angekündigt, den Streitpunkt vergröbert und den Intentionen der vier angegriffenen Historiker einen freiweg imaginierten Sinn unterschoben. „Auschwitz stört die ersehnte Harmonie. (…) Man muß den Nationalsozialismus historisieren, also relativieren.“ Verteidigung oder Abqualifizierung – das ist hier die Frage. Als der Piper-Verlag nach der ersten Diskussionsrunde eine Dokumentation herausbrachte, gab ein Untertitel die Parole: Es sei eine „Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung“. Die deutsche Geschichtswende von 1989 stand noch nicht an, nur war die SPD von der CDU abgelöst. Und deren geschichtspolitische Vorhaben dürften – mehr als einige Historiker-Texte – die Aufgeregtheit hervorgerufen ha ben. Es muß dafür wohl noch tiefere Gründe im Stand des neudeutschen Geschichtsbewußtseins gegeben haben. Welche Gründe mögen das gewesen sein? Fleischer: Mir hat sich nach den Absonderlichkeiten des Historikerstreits die Vermutung aufgedrängt, daß die in der Nachkriegs- und Nach-Hitlerzeit eine tiefgreifende Verstörung zurückgeblieben ist. Die innerliche politische Depotenzierung des schändlich kompromittierten und militärisch niedergeworfenen, besetzten und geteilten Deutschland, die bis jetzt seine Rehabilitation beeinträchtigt, äußerte sich in einem ebenso reduzierten, selektiven und zwanghaften Geschichtsbewußtseins. Diese Reduktion bestand darin, daß die zurückliegende Geschichte bei aller Forcierung des „Tätervolk“-Status der Deutschen nicht organisch als ein geschichtlicher Handlungsverbund aus divergierenden Kräften begreiflich wurde, sondern in einer ideologischen Stilisierung und als ein moralisches Lehrstück. Eine fatale Fragmentierung war es, daß nicht der situative Ursprung des Nationalsozialismus aus dem Ersten Weltkrieg und den Anomalien seiner Beendung gebührend in die Rechenschaftslegung einging, sondern mehr und mehr ein absoluter Urgrund im Antisemitismus zum Fokus einer forcierten Wahrnehmung wurde. So wie die östlich-deutsche Gegenwart in der Sowjetrevolution und der gescheiterten deut-schen Novemberrevolution von 1918 eine neue Vorgeschichte zugewiesen bekam, so wurde die westdeutsche Gegenwart vom Osten in eine Nachkriegsgeschichte der Hitlerzeit gebannt, und von der anderen Seite rückte sie in einen festen Verbund mit der Selbstbehauptung des neugegründeten Staates Israel. Eine autochthone Nachgeschichte, deren Zentrum die Regenerierung der 1933 überwältigten zivil-republikanischen Kräfte gewesen wäre, wurde nicht zur politisch-kulturellen Dominante. Sie sehen den Historikerstreit bei seinen Initiatoren als Indiz für eine prekäre Befindlichkeit in ihrer geschichtlichen Gegenwart. Was kann darüber hinausführen? Fleischer: Natürlich konnte sich das nur in einer weiterführenden Geschichte anbahnen. In meinen Voten von 1988, am Ausgang des Historikerstreits, meinte ich: Wo öffentliche Dispute um die Vergangenheit entbrennen, haben sie immer eine „Stellvertreter“-Funktion für etwas Gegenwärtiges, für das noch kein deutlicher Nenner gefunden ist. Fällig war, daß etwas die öffentliche Geschichtsbild-Debatte zurück auf eine geschichtliche Hauptlinie bringt – möglichst „an einen Verhandlungsort jenseits der Fronten des ‚Europäischen Bürgerkriegs“, dessen Ende zu denken, nicht seine Fortführung mit anderen Mitteln zu planen, das Anliegen von Ernst Nolte war. Dieses Ende war bald nach dem peinlichen Streit erreicht, und danach kam sehr viel neue Geschichte. Prof. Dr. Helmut Fleischer lehrte Philosophie, zuletzt an der Technischen Universität Darmstadt. Das Hauptmetier des 1927 geborenen Wissenschaftlers ist die Sozial- und politische Philosophie, Ethik und Geschichtsphilosophie. Seine Hauptwerke sind „Marxismus und Geschichte“ (Frankfurt 1969), „Ethik ohne Imperativ“ (Frankfurt 1983) und „Epochenphänomen Marxismus“ (Hannover 1993). Zum 80. Geburtstag des Historikers Ernst Nolte gab Fleischer die Festschrift heraus. Foto: Auschwitz vor der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Befreiung: Zur Kontroverse um die Einzigartigkeit der Judenvernichtung stilisiert weitere Interview-Partner der JF

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