Die Mutter aller Flughäfen

Für seine erste Deutschland-Tournee seit 15 Jahren landete Popsänger George Michael unlängst mit dem Privatjet in Berlin-Tempelhof. Neben ihm und weiteren Megastars wie Robbie Williams oder dem Hollywood-Paar Angela Jolie und Brad Pitt nutzen vor allem Geschäftsreisende den legendären Stadtflughafen. Nahezu einhundert Prozent aller Privatjet-Flüge haben Tempelhof zum Ziel- und Ausgangspunkt. Und das heißt: Sie landen mitten in Berlin. Das bedeutet einen Standortvorteil, den keine andere Metropole der Welt zu bieten hat. Deutlich wird das im Vergleich mit Londons sogenanntem „City-Airport“, der zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ist. Wer Tempelhof anfliegt, benötigt vom Flugzeugsitz bis ins Taxi ganze drei Minuten, bis zum Stuhl in einem Restaurant am Potsdamer Platz sind es gerade zwölfeinhalb Minuten. Nach dem 31. Oktober 2007 soll dies – wenn es nach dem Berliner Senat geht – Geschichte sein. Dieser nämlich pocht auf die Schließung des Flughafens im Herbst nächsten Jahres. Dabei bezieht er sich auf den vor zehn Jahren mit dem Bund und dem Land Brandenburg vereinbarten „Konsensbeschluß“, der den Ausbau des Flughafens Schönefeld (BBI) regelte. Demzufolge sollte der Flughafen Tempelhof geschlossen werden, sobald der Planfeststellungsbeschluß des Schönefelder Großflughafens rechtswirksam ist. Dies ist noch nicht der Fall, unter anderem wegen ungeklärter Fragen zum Lärmschutz. Wenn der Großflughafen wie geplant im Jahr 2011 den Betrieb aufnimmt, wird es – so die heutigen Planungen – keinen anderen Flughafen mehr in Berlin geben. Auch Tegel im Norden der Hauptstadt wird dann Geschichte sein. Doch allen insbesondere vom wiedergewählten Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ausgesprochenen Todesdrohungen zum Trotz zeigt der Flughafen Tempelhof, daß er eine Zukunft hat – oder zumindest haben müßte. Denn keine andere Stadt dieser Welt würde einen solchen Flughafen mitten in der Stadt aufgeben, schon aus symbolischen Erwägungen. So etwa äußerte sich FDP-Chef Guido Westerwelle auf der Abschlußveranstaltung des Berlin-Wahlkampfs im September, die bekenntnishaft im Flughafen Tempelhof stattfand. Hier geißelte er die Geschichtsvergessenheit des rot-roten Senats, der unfähig sei, diesen Flughafen in seiner historischen Größe zu begreifen, mit der die eigene Geschichte zugleich lebendig vermarktet werden könne. Als er dann mit Blick auf die rot-rote Wählerschaft feststellte, daß „diese Menschen sehr, sehr dumm“ seien, war man sicher, daß er damit auch alle politisch Verantwortlichen einschloß, die Tempelhof abschreiben wollen. Der unermüdliche Widerstand gegen die Schließung Tempelhofs über den Wahlkampf hinaus erfolgt derweil durch die Interessengemeinschaft City-Airport Tempelhof e.V. (ICAT). Die hat Anfang Dezember ein Volksbegehren gestartet, dessen Ziel es ist, den Weiterbetrieb des Flughafens in seinem derzeitigen Funktionszusammenhang zu erhalten. Explizit wird in diesem Zusammenhang auf die Einmaligkeit des Gesamtkonzepts in technischer, architektonischer und städtebaulicher Hinsicht verwiesen, schließlich ist Tempelhof einer der ältesten Verkehrsflughäfen. In den dreißiger Jahren wurde hier nach den Plänen von Ernst Sagebiel das damals flächengrößte Gebäude der Welt gebaut. Mit seiner Bruttogeschoßfläche von 307.000 Quadratmetern ist es doppelt so groß wie das Pentagon. Nur der Ceaucescu-Palast in Bukarest (Casa Poporului) besitzt noch eine größere Fläche. Zahlreich sind denn auch die prominenten Stimmen, die sich für den Erhalt des wohl weltweit geschichtsträchtigsten Verkehrsflughafens einsetzen. Der Architekt der Reichstagskuppel, Norman Foster, sieht in Tempelhof die „Mutter aller Flughäfen“, während sich Meinhard von Gerkan, Architekt des neuen Hauptbahnhofs in Berlin, überzeugt zeigt, daß es in Europa „nur ein Flughafengebäude“ gebe, das „so konsequent auf seine eigentliche Funktion ausgerichtet wurde und noch heute ausgerichtet ist“. Sein Kollege Hans Kollhoff bewundert am Tempelhofer Flughafen dessen „gigantische Geste“, eine solche „Grandezza“ habe „kein anderer Flughafen der Welt“. Er ist überzeugt, daß spätestens in zehn, zwölf Jahren dieser innerstädtische Flughafen wieder gebraucht werde. Zudem steht Tempelhof – nicht zuletzt durch den Platz der Luftbrücke – symbolisch für die Freiheit der westlichen Welt, die hier verteidigt wurde. Dieses Symbol soll nun mit dem Volksbegehren am Leben erhalten werden. Mit ihm wollen die Initiatoren das Berliner Abgeordnetenhaus „auf demokratischem Wege zu einer endgültigen Aufhebung der Schließungsverfahren für Tempelhof“ bewegen. Die für das Volksbegehren nötigen 20.000 Unterschriften hoffen sie bis Weihnachten zusammenzuhaben. Ihr Aufruf flankiert die Klagen der Tempelhofer Fluggesellschaften gegen den Schließungsbeschluß zum 31. Oktober 2007, über die das Oberverwaltungsgericht von Berlin am 19. Dezember entscheiden wird. Vertreten werden diese Klagen von zwei Gruppen, einmal den Fluggesellschaften des Linienverkehrs, zum anderen denen der „General Aviation“ (Allgemeinen Luftfahrt), zu der alle Nicht-Linienflüge zählen. Sollten die Klagen abgewiesen werden, wollen die Gesellschaften im nächsten Schritt vor das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) ziehen. Derweil handelt die Stadt Berlin nach der Losung: Wenn du eine Chance erhältst – nutze sie nicht. Das zumindest ist der naheliegende Schluß angesichts der sturen Verweigerungshaltung des rot-roten Senats. Gemäß dem neuesten, Mode machenden Berlin-Motto Wowereits muß man vermuten, daß Berlin nicht nur finanziell „arm“ ist, sondern auch in bezug auf Vision und Geschichte. Denn anders läßt sich die ablehnende Front gegenüber dem amerikanischen Investor Fred Langhammer kaum erklären. Der in Bayern geborene, 62 Jahre alte Langhammer, ehemals Chefmanager des Kosmetikkonzerns Estée Lauder, hat den Plan, gemeinsam mit dem Kosmetikhersteller Ronald S. Lauder das Flughafengebäude zu kaufen. Mit einer Investitionssumme von 350 Millionen Euro will er hier ein ambulantes Gesundheitszentrum mit Hotel, Kongreßzentrum und Fluganbindung für Geschäftsflieger schaffen. Ohne dieses Alleinstellungsmerkmal, so Langhammer, wäre sein Konzept nicht tragfähig. Theoretisch möglich wäre bei dem derzeitigen Stand auch eine Beibehaltung des Linienverkehrs für Flugzeuge bis 50 Tonnen (100 Sitze). Für die Projektentwicklung gründete Langhammer die Central European Development GmbH (CED) mit Sitz in Berlin, an der auch die Siemens AG beteiligt ist. Daneben gibt es bereits Kooperationsgespräche mit der Charité und der Unfallklinik Marzahn. Während ein Gebäudeteil für gesetzlich Versicherte vorgesehen ist, in dem 60 niedergelassene Ärzte jährlich 125.000 Patienten betreuen sollen, ist das entscheidende Standbein ein „International Health Centre“ für Privatpatienten aus aller Welt – und die kämen eben nur durch die direkte Fluganbindung. Der Senat von Berlin aber will das nicht, da er fürchtet, daß damit die juristische Begründung für den Großflughafen BBI in Gefahr geraten könnte. Die an dem Konsensbeschluß von 1996 Beteiligten, der damalige Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) und Ex-Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (CDU), bestreiten dies. Nach ihrer Auffassung sieht der Beschluß zwar die Beendigung des Linienverkehrs vor, unberührt davon bleibe der private Luftverkehr sowie Regierungs- und Polizeiflüge. Informationen zum Flughafen im Internet: www.flughafen-tempelhof.de / Die Unterstützer: www.volksbegehren-tempelhof.de , Telefon: (030) 69 51 33 17, Post: ICAT-Volksbegehren, Postfach 30 22 37, 10753 Berlin. Foto: Luftdrehkreuz Tempelhof, entworfen von Ernst Sagebiel: Doppelt so groß wie das Pentagon

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