Schirm frei für die Versager

Fast zehn Minuten „opferte“ das ZDF-„heute journal“ für ein Interview mit dem wiederauferstandenen PDS-Superstar Gregor Gysi. Zehn Minuten in einem Nachrichtenmagazin, in dem ansonsten um Sekunden gerungen wird, zu viele Äußerungen von meist weit wichtigeren Leuten auf Wortfetzen verstümmelt werden. Zehn Minuten, für die sich der Chef dieser Sendung, Klaus Kleber, verlegen mit der Bemerkung entschuldigte, daß es nicht leicht sei, mit dem Genossen Gysi ein kurzes Interview zu führen. Keine Entschuldigung dafür, daß das Geschwätz dieses Dauerredners völlig überflüssig war, weil es nichts Neues bot, also keinerlei Nachrichtenwert hatte, weil man alles von Gysi schon bis zum Überdruß gehört hatte. Doch das war keine Ausnahme. Wo immer man im deutschen Rundfunk und erst recht Fernsehen, gleichgültig ob privat oder öffentlich-rechtlich, hinschaltet, man muß die Agitation der linken Meinungsmacher über sich ergehen lassen – oder abschalten, was anzuraten ist. Gysi, Lothar Bisky, seit seinem Neustart nun auch wieder Oskar Lafontaine, aber auch die längst an ihren ideologischen Irrtümern gescheiterten Altvorderen wie Norbert Blüm, Heiner Geißler, Franz Steinkühler, Rita Süssmuth, Erhard Eppler (man kann sie gar nicht alle aufzählen), sie haben jetzt große Palaver-Konjunktur, weil die wirtschaftliche auf ihrem Tiefpunkt angekommen ist. Sie planen den Neustart, weil sie die allgemeinen Umstände für günstig halten. Die rot-grüne Koalition und ihr Kanzler haben die Staatskarosse an die Wand gefahren, das Volk ist verunsichert, also müssen Heilsprediger ran. Das hatten wir schon mal. Auf dem Höhepunkt der Achtundsechziger und mit dem Start der aus ihnen hervorgegangenen Grünen und Alternativen waren diese Modeschwätzer in den siebziger Jahren auf allen Kanälen. Das bescherte uns den Beginn der Spaßgesellschaft in den Medien, sie wurden dem Volk einfach als „in“ erklärt. Ihr chaotisches Durcheinander auf Parteitreffen mit Pfefferminztee und strickenden Vätern im Lumpenlook ersetzte Unterhaltungssendungen. Wie weiland die Nationalsozialisten und Kommunisten versprachen sie dem Volk (im wortwörtlichen Sinne) das Blaue vom Himmel: saubere Luft, sauberes Wasser, sichere Energie und Arbeitsbedingungen – und vor allem jede Menge sozialen Wohlstand und Gerechtigkeit. Das war Balsam für die Sendungsbewußten in den Sendern und Honig für die Konsumenten. Die Grünen sind vor allem vom Fernsehen gemacht worden. Ohne dessen willfährige Begleitung und kostenlose Dauerwerbung hätten sie nie den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde in den Bundestag geschafft. Nun wiederholt sich das mit den „neuen Linken“. Dabei sind sie alles andere als neu. Ihr „antikapitalistisches“ Grundkonzept ist so alt wie der Bart ihres Urahnen Karl Marx. Daß sie es nach dem Scheitern ihres praktisch-„realen“ Experiments überhaupt wagen, wieder die große Lippe zu riskieren, und die heutigen Medienmacher sich nicht schämen, diesen Bankrotteuren Podien zu bieten, ist ein einziger Skandal. Er ist aber vor allem Beweis für das Versagen der Rundfunkräte aus den etablierten Parteien, die so etwas zulassen. Hoffentlich ist die Quittung dafür bei der geplanten vorgezogenen Bundestagswahl dann gepfeffert.

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