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„Das Land ist zu einem riesigen Schnäppchenmarkt geworden“

Herr Dr. Mechtersheimer, AEG-Hausgeräte kommen von Electrolux, Mannesmann-Mobilfunk ist seit Jahren Vodafone, Aral gehört längst BP, von Grundig blieb nur der Name – jetzt wird die Siemens-Mobilfunksparte an BenQ verschenkt – steht die deutsche Wirtschaft vor dem Ausverkauf? Mechtersheimer: Wir sind mittendrin. Nirgends werden so viele Unternehmen von ausländischen Konzernen und Finanzgruppen aufgekauft wie in Deutschland. Das Land ist zu einem riesigen Schnäppchenmarkt geworden, in dem sich ausländische Konzerne aller Länder bedienen. Nirgends sind leistungsfähige Firmen so billig zu haben. Man könnte fast meinen, in Deutschland findet ein riesiger Räumungsverkauf statt. Nichts könnte den Zustand des Landes treffender beschreiben als dieser Substanzverlust. Haben Sie weitere konkrete Beispiele für den Ausverkauf deutscher Unternehmen? Mechtersheimer: Keine Branche bleibt verschont: Von Getränken (Löwenbräu, Spaten, Hasseröder, König Pilsener oder Punica) über die Chemie (Dynamit Nobel, Berlin-Chemie), Lebensmittel (Südmilch, Nordfleisch, Edelweiß) bis zum Verlagswesen (Luch-terhand, die wissenschaftliche Verlagsgruppe Springer oder die Bundesdruckerei) bis hin zum Bankensektor (Delbrück-Bethmann-Maffei-Bank, Hypo-Vereinsbank). Die internationalen Medientycoons haben bei ProSiebenSat1 und VIVA zugegriffen und sich die deutschen Kabelnetze angeeignet. Andererseits haben auch deutsche Unternehmen kräftig aufgekauft: Chrysler gehört jetzt zu Daimler, VW hat Skoda übernommen – ist das nicht ein „gerechter“ Ausgleich dafür? Mechtersheimer: Daimler-Chef Jürgen Schrempp wurde mit seiner gescheiterten „Welt-AG“ zum größten Wertevernichter der deutschen Industrie. VW macht sich mit seinen Auslandstöchtern selbst Konkurrenz, und die Ruhrkohle zieht sich von ihren ausländischen Kohlegruben zurück. Deutsche Konzerne trennen sich von ihren Auslandsbeteiligungen, um die Bilanzen aufzubessern. Mannesmann wurde übernommen, weil es in England expandieren wollte, die Deutsche Börse AG fiel den „Heuschrecken“ zum Opfer, weil sie die Hand nach der Londoner Börse ausstreckte. Solche Machtproben verliert Deutschland. BMW hat sich bei Rover allerdings verspekuliert und dabei angeblich zehn Milliarden Euro verpulvert. Könnte es den internationalen Aufkäufern nicht ebenso ergehen? Mechtersheimer: Vor allem die US-amerikanischen Konzerne gehen aggressiver vor. Sie schlachten die Unternehmen aus, indem sie „Randaktivitäten“ veräußern und die Mittel für die Forschung kappen. Finanzinvestoren lassen, wie bei dem bekannten Armaturenkonzern Grohe, die Übernahmen durch die gekaufte Firma selbst finanzieren. Und wenn der Einzelhändler Wal-Mart in Deutschland erfolglos ist, dann kann das der Mutterkonzern bei einem Umsatz von über 220 Milliarden US-Dollar leicht verkraften. Die deutschen Konzerne sind im internatonalen Vergleich hoffnungslos zurückgefallen. Welche Folgen hat der Ausverkauf? Mechtersheimer: Konzerne streichen Arbeitsplätze und schließen Fabriken zuerst bei den Auslandstöchtern. Hunderttausende von Mietern werden schon bald für die hohen Renditen zahlen, die Finanzinvestoren mit den aufgekauften Wohnungsgesellschaften erzielen wollen. Befindet sich die Wirtschaft in fremdem Besitz, ist das Land eine Kolonie. Bei der Übernahme von Firmen gehen oft nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Patente, Spezialwissen und Forschungsergebnisse verloren. Besonders problematisch ist die Übernahme von Hochtechnologie- und Rüstungskonzernen. In Frankreich oder den USA interveniert hier die Politik. Warum ist das in Deutschland anders? Mechtersheimer: Viele Beteiligungen zielen nicht nur auf Profitmaximierung, sondern auf die Hochtechnologie und die politische Kontrolle ganzer Sektoren, wie etwa der Rüstungstechnik. Das gilt sowohl für den weltweit führenden U-Boot-Bauer HDW in Kiel als auch für viele kleinere Spezialisten der Militär- und Weltraumtechnik wie Litef oder Teldix. Obwohl die Bundesregierung gefordert hatte, den wichtigen Triebwerkbauer MTU Aero Engines in deutscher Verantwortung zu belassen, hat Daimler-Chrysler ihn in die USA verkauft. Jede andere Regierung sieht in solchen Verkäufen eine Verletzung nationaler Interessen. Berlin dagegen opfert seine Bedenken stets den „guten Beziehungen“ zu den Verbündeten. Neuerdings dringen asiatische Konzerne auf den europäischen und deutschen Markt vor, wie bei den Schneider Rundfunkwerken und jetzt bei der Handy-Produktion von Siemens, wobei der taiwanesische BenQ-Konzern Technologie, Vertriebswege und Markenrechte zum Aufbau einer Marktmacht in Europa nutzt. Wie kann man sich dagegen wehren? Ist angesichts der Globalisierung die nationale Politik überhaupt noch handlungsfähig? Mechtersheimer: Prinzipiell ja, aber es fehlt am politischen Willen. Man ordnet sich dem Dogma des globalisierten Freihandels unter, auch wenn nicht mit Waren, sondern mit ganzen Firmen gehandelt wird. Der nationale Wirtschaftsnihilismus geht so weit, daß die Politik beim Verkauf von ProSiebenSat1 den transatlantischen Aufkäufer gegenüber deutschen Interessenten bevorzugte. Wäre die EU nicht stark genug, sich gegen „Heuschrecken“ zu wehren? Mechtersheimer: Brüssel ist Patron der „Heuschrecken“. Die EU ist an größeren Einheiten interessiert. Die Übernahme der Hypo-Vereinsbank durch die italienische Unicredito hat die Kommission begrüßt. Von Widerstand gegen US-Firmenjäger ist nichts bekannt. Eine Abwehr setzt den Wandel vom Mythos eines europäischen Superstaates zu einem Europa der kooperierenden selbstbewußten Nationalstaaten voraus. In den USA gibt es die Kampagne „Buy American“, um dortige Arbeitsplätze zu sichern. In Deutschland haben die von Kündigung bedrohten AEG-Mitarbeiter oft kein Siemens-Mobiltelefon, fahren ein japanisches Auto und trinken Beck’s Bier. Haben die Verbraucher nicht auch eine solche Macht wie in den USA? Könnten sie durch ihre Kaufentscheidung bzw. Verweigerung nicht heimischen Unternehmen helfen? Warum werben Unternehmen so wenig mit ihrer deutschen Produktion? Mechtersheimer: Der Verbraucher verfügt im Einkaufskorb über eine potentielle Macht, weil die Konsumfreiheit weniger als andere Freiheiten beschnitten werden kann. Die Unternehmen und die Regierung können wegen der starken deutschen Exportabhängigkeit solche Kampagnen nicht führen. Aber aus der Gesellschaft heraus sollte ein Bewußtsein wachsen, der eigenen Industrie und letztlich sich selbst zu helfen. Die hohen Verkaufszahlen der deutschen Automarken zeigen, daß sich viele bewußt für deutsche Produkte entscheiden, obwohl beispielsweise die Autos nicht billiger und auch nicht immer besser sind. Manch rücksichtsloser Investor könnte abgeschreckt werden, wenn er nach einem Aufkauf mit Umsatzeinbrüchen rechnen müßte. Bei dem harten Wettbewerb könnten bereits relativ wenige politisch bewußte und informierte Verbraucher große Wirkung erzielen. Zumindest sollte der Staat bei Auftragsvergaben nach dem Prinzip nationaler Präferenz handeln. Trotz Grünen in der Bundesregierung war die ökologische Idee „Heimatlich kaufen heißt umweltschonend kaufen“ nie ein Thema. Warum? Mechtersheimer: Vergessen Sie die Grünen! Diese haben die ökologische Idee und das Ideal der zu schützenden Heimat längst verraten. Wer für „Multikulti“ eintritt, wird nicht gegen die „Multis“ kämpfen. Dennoch verbreitet sich ein umwelt- und gesundheitsbewußtes Verbraucherverhalten. Das Leben aus der Region ist eine überfällige Antwort auf die Globalisierung des Alltags und eine Kampfansage an Kapitalisten, die nur an den Profit denken. Dr. Alfred Mechtersheimer ist Gründer und Leiter des „Friedenskomitee 2000“ sowie Initiator der „Deutschland-Bewegung“. Sein aktuelles Handbuch Deutsche Wirtschaft 2005/2006 (Starnberg 2005, 815 Seiten, brosch., 29,80 Euro) weist die internationale Kontrolle deutscher Firmen ausführlich nach. weitere Interview-Partner der JF

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