Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Null Toleranz für Schmierfinken

Wenn 2006 das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in Berlin ausgetragen wird, soll bereits ein Gewinner feststehen: das Stadtbild, zumindest, wenn es nach dem Willen des Berliner Vereins Nofitti geht. Der 1994 gegründete Verband kämpft gegen den Graffiti-Vandalismus an, der die Hauptstadt beinahe flächendeckend im Griff zu haben scheint. Der Verein Nofitti will zum einen zeigen, daß bürgerliches Engagement existiert, und zum anderen öffentlichen Druck erzeugen, damit ein Gesetz zur Ächtung der Graffiti-Schmierereien verabschiedet wird. Auf einer Informationsveranstaltung mit dem Titel „Graffiti-Vandalismus, was tun?“, deren Motto an Lenins Denkschrift „Was tun?“ erinnerte, erläuterte Hennig jetzt, daß es eigentlich nur eine Frage des Wollens sei, um dem Graffiti-Vandalismus Herr zu werden. Der Verein kann auf eine Reihe von Erfolgen verweisen. Zu den in Zusammenarbeit mit Fachfirmen gesäuberten und seither geschützten Objekten in der Hauptstadt zählen verschiedene Denkmäler, unter anderem das Schinkel- und das Moltkedenkmal, oder die Weltzeituhr am Alexanderplatz. Der weltweit erste fach- und regionenübergreifende Kongreß gegen Graffiti, der Anfang April in Berlin stattfinden wird, sei – so die Vertreter von Nofitti – ein „echter Bürgerkongreß“, getragen von ehrenamtlichem Engagement und privaten Sponsoren. Besondere Aufmerksamkeit dürfte den Gästen aus Amerika und den skandinavischen Ländern zuteil werden, die es aufgrund ihrer Null-Toleranz-Strategie geschafft haben, Graffiti-Vandalismus wirkungsvoll einzudämmen beziehungsweise zum Verschwinden zu bringen. Mit Blick darauf sprechen jene, die sich gegen Graffiti engagieren, beim Stichwort „skandinavische Länder“ auch von einem Zauberwort. Vorbild ist dabei die norwegische Hauptstadt Oslo, die bis 2000 noch als dreckigste Stadt Europas galt und heute – aufgrund der restriktiven Anti-Graffiti-Politik – frei von Vandalismus-Spuren sei. Kennzeichen des „skandinavischen Modells“ ist ein parteiübergreifender Konsens, demzufolge Graffiti-Vandalismus eine kriminelle Handlung darstellt. Wirksames und offenbar unerläßliches Mittel hierfür ist die Einführung von Strafandrohungen mit vier bis zu sechs Jahren Gefängnis. Im Bundestag, so beklagen die Graffiti-Gegner, wird seit 1998 um ein entsprechendes Gesetzes gerungen, das aber bislang am Widerstand der Grünen, insbesondere des Abgeordneten Christian Ströbele, scheitert. Das von der Erfahrung widerlegte Argument Ströbeles: Es sei nicht erwiesen, daß durch die Strafandrohung das Sprayer-Unwesen auch abnehmen würde. Mit dem gleichen Argument, so Hennig, könnte man auch andere Straftaten für nicht strafwürdig erklären. Außerdem zeige die Politik etwa in Skandinavien, daß ein politischer Wille auch tatsächliche Erfolge zeitigt. Unterstützung erfahre die Sprayerszene leider auch durch andere Prominente wie etwa die Autorin und TV-Moderatorin Elke Heidenreich, die unlängst in der Zeitschrift Brigitte zu einer Straftat aufrief, als sie forderte, den Potsdamer Platz zuzusprühen. Wenn in der kommenden Woche der Anti-Graffiti-Kongreß in Berlin über die Bühne geht, scheint sich die einmalige Gelegenheit zu bieten, die gesamte Sprayerszene der Hauptstadt, die auf 8.000 Leute geschätzt wird, einmal bei Tageslicht zu betrachten. Denn die Sprayer verrichten ihr Unwesen in der „Kernzeit“ zwischen 3:00 und 4:40 Uhr. Wie wirkungsvoll ein öffentliches und offensives Eintreten gegen den Graffiti-Vandalismus ist, zeigt sich an der Reaktion der Sprayerszene, die sich von den gut 200 Kongreß-Teilnehmern offensichtlich so sehr bedroht fühlt, daß sie unter dem Motto „Berlin bleibt kraß!“ zu einer Gegendemonstration aufgerufen haben.

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