Mölders-Gedenkstein mit Blumen überhäuft

Es war eine beklemmende Szene, die sich beim Jagdgeschwader 74 in Neuburg an der Donau abspielte. Die Soldaten der Einheit mußten antreten, und es wurde ihnen von einem eigens angereisten General mitgeteilt, daß ihr Geschwader in Zukunft nicht mehr Mölders heißen dürfe. Innerhalb weniger Minuten wurde die auf einen der erfolgreichsten deutschen Jagdflieger der Geschichte zurückgehende Tradition der Einheit getilgt. Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) war nicht erschienen, auch kein Staatssekretär war gekommen. Selbst die Spitze der Luftwaffe fehlte. Die Führung der Bundeswehr – Struck eingeschlossen – scheint mittlerweile gemerkt zu haben, daß sie mit dem Abholzen der Geschichte übertrieben hat. Struck und das Verteidigungsministerium müssen mit Protestschreiben aus der aktiven Truppe überschwemmt worden sein. Es ist schon verdächtig, wenn der Minister im Verteidigungsausschuß des Bundestages auftritt und – ohne danach gefragt worden zu sein – erklärt, es gebe keine Probleme wegen der Umbenennung in der Truppe. Und noch verdächtiger wird es, wenn Struck bei einem Großen Zapfenstreich zur Verabschiedung eines Generals in Bonn erklärt, der angehende Pensionär habe sich wenigstens nicht für Mölders geäußert. Heißt das, daß ein Großteil der militärischen Führung bei Struck interveniert hat, um ihn von der Umsetzung eines sechs Jahre alten Bundestagsbeschlusses abzuhalten? Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Luftwaffeninspekteur Klaus-Peter Stieglitz sollen sich abwartend verhalten haben. Beiden Generälen wird Opportunismus vorgeworfen. Sie dürften sich bei der Luftwaffe kaum noch und in Neuburg gar nicht mehr sehen lassen, heißt es in der Truppe. Mittlerweile hat der Bildersturm in der Bundeswehr auch den Fliegerhorst Fürstenfeldbruck erreicht. Hier wurde allerdings nicht gleich ein ganzes Geschwader umbenannt: Auf Anweisung des Verteidigungsministeriums mußten lediglich vier Straßenschilder ausgetauscht werden. Sie trugen die Namen der Jagdflieger und Ritterkreuzträger Wolf-Dietrich Wilke und Walter Oesau. Neben der obligatorischen Möldersstraße mußte zudem die Schwartzkopff-Straße ihren Namen wechseln. Auch wenn Struck es nicht wahrhaben will, die Causa Mölders ist er noch lange nicht los. Noch in der letzten Legislaturperiode hatte das Verteidigungsministerium auf Fragen nach dem Bundestagsbeschluß erklärt, es gebe keine Erkenntnisse über Mölders, die den Entzug des Namens rechtfertigen würden. Der Bundestag hatte zum 60. Jahrestag der Bombardierung der spanischen Stadt Guernica im Jahre 1938 verlangt, alle nach Angehörigen der „Legion Condor“ benannten Einrichtungen umzubenennen und den Angehörigen der Legion (Mölders war einer davon) kein ehrendes Gedenken mehr zuteil werden zu lassen. Struck muß jetzt öffentlich darlegen, warum er die Haltung des Ministeriums ändern ließ. Die eigentlichen Gründe sind klar: Mölders war ein vorbildlicher Soldat, er war außerdem glühender Katholik. Der Mann paßt nicht zu einem rot-grünen Geschichtsbild, nach dem das anständige Deutschland erst nach 1945 beginnt und guter Katholizismus allenfalls durch den Papst-Kritiker repräsentiert wird. Das Ministerium führt als Beleg ein neues Gutachten des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes an, durch das Mölders belastet werde. Das Gutachten enthält aber keine neuen Beweise, sondern nur neue Bewertungen. Soldaten wie Mölders wird vorgeworfen, das Christentum falsch interpretiert zu haben. Sich im Kriege zu opfern, galt „als Akt der Christusnachfolge“, hieß es über Mölders und seine Kameraden. Verteidigungsminister Struck wird sich zu parlamentarischen Anfragen äußern müssen, warum er die Haltung des Ministeriums trotz fehlender neuer Erkenntnisse über Mölders geändert hat. Er wird darlegen müssen, warum das Militärgeschichtliche Forschungsamt pauschal Christen in Deutschland diffamiert. Als erfahrener Politiker wird sich Struck mit Ausflüchten und Allgemeinplätzen herausreden. Aber um eine Sache kommt er nicht herum: Am 18. März, dem Geburtstag von Mölders, wurde der nach wie vor auf dem Kasernengelände in Neuburg stehende Gedenkstein für den Jagdflieger mit Blumen überhäuft. Das Gelände ist nicht öffentlich zugänglich. Es kann sich also nur um Angehörige des Geschwaders gehandelt haben, die Mölders ein ehrendes Gedenken erwiesen und damit gegen den Bundestagsbeschluß und die Weisung ihres obersten Befehlshabers Struck verstoßen haben. Das war eine kleine Rebellion in der Bundeswehr, die aber nicht wundert, da sich die Führung gegen die Soldaten stellt.

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