Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Mauergedenken nach dem Abriß

Einen Monat nach dem Abriß der nachgebauten Grenzmauer und dem Abtransport der 1.067 Mauerkreuze ist aus den Grundstücken des ehemaligen Grenzübergangs am Checkpoint Charlie wieder eine Brachlandschaft geworden. Der Ankündigung des Kultursenators Thomas Flierl (PDS), bis Anfang August drei Meter hohe Bauzäune zu errichten und darauf in Text- und Bildtafeln die „wechselvolle Geschichte“ des Platzes zu dokumentieren, sind keine Taten gefolgt. Mancher Kritiker vermutet dahinter eine Kalamität Flierls. So hatte dieser bei der Vorstellung seiner Gedenkkonzeption eilfertig erklärt, daß dort auch an die Installation der Mauerkreuze erinnert werden solle. Gerade diese aber wurden auf politischer Ebene von dem rot-roten Senat in Berlin massiv bekämpft. So hatte die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) den von der Arbeitsgemeinschaft 13. August geschaffenen Gedenkort als „unerträglich“ bezeichnet, während Flierl freimütig bekannte, sich bei diesem Anblick zu „ekeln“. Eine wahrhaftige Dokumentation müßte eben auch diese Ablehnung aus dem Senat Berlins beinhalten, denn es ist offenkundig, daß die – nicht selten von Haß getragenen – Verächtlichmachungen der Installation deren Ende maßgeblich mitbesiegelt haben. Dabei wird die Debatte dominiert von der offenkundigen Schwierigkeit, den jahrzehntelangen und generationenübergreifenden Schrecken der Mauer an authentischem Ort sichtbar zu machen. Da nach 1990 nahezu die gesamte Mauer in Berlin abgetragen worden war, gibt es nur noch wenige Stellen, die hierfür in Frage kommen. Da sind zum einen die Mauerreste an der Bernauer Straße, in deren Nähe sich seit 1999 das Dokumentationszentrum Berliner Mauer befindet. Unter dem Titel „Mauertote und Opfergedenken“ hat das Dokumentationszentrum in dieser Woche ein wissenschaftliches Projekt vorgestellt, das in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für zeithistorische Forschung in Potsdam gesicherte Zahlen zu den Todesopfern an der Berliner Mauer erbringen soll. Trotz der ungünstigen Lage – die Bernauer Straße liegt fernab jeglicher Touristenroute – hat sich der Zulauf vergrößert. Nach Worten von Projektleiterin Maria Nooke kamen 2004 150.000 Besucher, während in diesem Jahr derer bereits über 100.000 gezählt worden sind. Am Vorabend des 44. Jahrestages des Mauerbaus am 13. August 1961 wird eine Ausstellung über die „Topographie der Berliner Mauer 1973-1990“ eröffnet. Hildebrandt ist Flierl einen Schritt voraus Neben der Bernauer Straße gibt es noch die 1,3 Kilometer lange East Side Gallery sowie die Mauerreste an dem Gedenkort „Topographie des Terrors“. Die East Side Gallery hat zwischenzeitlich wesentlich an Authentizität verloren, nachdem die daran beteiligten Künstler in jüngster Vergangenheit ihre Bilder noch einmal übermalt hatten. Die alten Motive mit neuem Datum haben ihren geschichtlichen Atem verloren. Ganz anders ist die Szenerie am ehemaligen Checkpoint Charlie. Wie von selbst kommen die Besucher – jährlich etwa 750.000 – aus aller Welt zusammen, um an diesem Ort der Geschichte der deutschen Teilung zu begegnen. Im privaten Museum, dem Haus am Checkpoint Charlie, das den „antifaschistischen Schutzwall“ anhand der Originalstücke („Fluchtautos“) und der vielen Lebensgeschichten plastisch erfahrbar und emotional fühlbar macht, funktioniert die Begegnung mit der Geschichte von ganz alleine. Zwei junge Damen aus Los Angeles – angesprochen auf das Konzept des postkommunistischen Kultursenators, in unmittelbarer Nachbarschaft ein Museum des Kalten Krieges einzurichten – schütteln ihre Köpfe und glauben, dies sei ein Witz. Unterdessen hat die Chefin des Museum, Alexandra Hildebrandt, die vor kurzem das Haus ihres Museums (Friedrichstraße 44) gekauft hatte, angekündigt, Flierl einen Schritt vorauszugehen. Oben im Dachgeschoß habe man ein Zimmer entdeckt, von dem aus die Amerikaner den Checkpoint beobachtet hätten. Dieser Ort würde demnächst unter dem Stichwort „Kalter Krieg“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Allerdings ist das für Hildebrandt eher ein beiläufiger Aspekt, denn die Geschichte des Checkpoint Charlie stehe nicht für den Kalten Krieg, sondern sei ein „Symbol der Freiheit“. Nach ihrer Aussage ist die Arbeitsgemeinschaft 13. August weiter daran interessiert, das von der Bankgesellschaft (BAG) Hamm beräumte Grundstück zu erwerben, man arbeite weiter am Finanzierungskonzept. Die BAG Hamm hüllt sich derzeit in Schweigen.

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