Grundstein für Wiederaufbau gelegt

Den Angestellten des Fahrradladens in der Breiten Straße in Potsdam bot sich am Donnerstag vergangener Woche beim Blick aus dem Schaufenster ein sonderbares Schauspiel. Auf dem Fußweg vor dem Geschäft, das in dem Anbau eines schreiend belanglosem Plattenbaus untergebracht ist, machten sich Arbeiter daran, ein Podest samt Altar und Baldachin aufzustellen. Tage zuvor hatten Maurer bereits direkt vor der Tür des Ladens zwei Blöcke aus roten Ziegeln aufgemauert. Am Nachmittag verwandelten sich zudem zwei Fahrbahnen der vielbefahrenen Straße innerhalb weniger Minuten in einen dicht bestuhlten Veranstaltungsplatz. Nach jahrelangen Diskussionen und Auseinandersetzungen wurde in Potsdam in der vergangenen Woche der Grundstein für den Wiederaufbau der Garnisonkirche gelegt. Das SED-Regime hatte die Kirche, die beim Bombenangriff auf Potsdam 1945 ausgebrannt war, 1968 sprengen lassen. Der Tag für die erneute Grundsteinlegung hätte symbolischer nicht sein können. Es war der 60. Jahrestag der Zerstörung weiter Teile der Potsdamer Altstadt durch britische Bomber am 14. April 1945. Welche Bedeutung der Grundsteinlegung zugemessen wurde, zeigt ein Blick auf die Teilnehmer. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) wohnte dem Festakt ebenso bei wie der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) und der ehemalige Ministerpräsident von Brandenburg, Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD). Nur in der zweiten Reihe der Ehrenplätze, aber durch seine Familiengeschichte mit dem Gotteshaus besonders verbunden, nahm der junge Chef des Hauses Hohenzollern, Prinz Georg Friedrich von Preußen, Platz. Sein Vorfahr König Friedrich Wilhelm I. von Preußen hatte den Bau der zwischen 1730 und 1735 errichteten Garnisonkirche veranlaßt. Nicht unter den Gästen war der Gründer und Vorsitzende der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel (TPG), Max Klaar. Der ehemalige Bundeswehroffizier ist der eigentliche Initiator des Wiederaufbaues und hat das Projekt über Jahre hinweg vorangetrieben. Bereits vor der Wiedervereinigung sammelte Klaar Geld für eine Rekonstruktion des berühmten Glockenspiels der Kirche, die zunächst in Iserlohn und 1991 dann in Potsdam aufgestellt wurde. Bei der evangelischen Kirche stieß Klaar, der über die Jahre rund sechs Millionen Euro für den Wiederaufbau der Kirche sammelte, nicht zuletzt aufgrund seiner militärischen Herkunft auf wenig Gegenliebe. Die Kirche setzte alles daran, den militärischen Charakter der Garnisonkirche in den Hintergrund zu drängen. Ende März kündigte die TPG schließlich ihre Mitarbeit an dem Wiederaufbau auf. Kirche und TPG hatten sich nicht auf ein gemeinsames Nutzungskonzept einigen können. Einige der mehr als 6.000 Spender der TPG machten bereits von dem Angebot Klaars Gebrauch, ihr Geld zurückzuerhalten. Schönbohm, lange Zeit selbst Mitglied in der TBG, appellierte in seiner Rede an Klaar, auch weiterhin am Wiederaufbau mitzuwirken. Die nun federführende Fördergesellschaft zum Wiederaufbau der Garnisonkirche um ihren Vorsitzenden Hans-Peter Rheinheimer hat sich zum Ziel gesetzt, die Kirche bis zur 500-Jahrfeier der Reformation am 31. Oktober 2017 wiederaufzubauen. Der veranschlagte Zeitraum von zwölf Jahren für den Wiederaufbau des imposanten, aber bautechnisch nicht unbedingt besonders anspruchsvollen Bauwerks (zumal im Vergleich zur architektonisch ungemein anspruchsvolleren Dresdner Frauenkirche, die in einem ähnlichen Zeitraum wiedererrichtet worden ist) zeigt, daß längst nicht alle Probleme aus dem Weg geräumt worden sind. Vor allem die Finanzierung ist weiterhin ungeklärt. Rund 65 Millionen Euro werden für den Bau der Garnisonkirche veranschlagt. Bis auf rund sechs Millionen Euro der TPG, bei denen nicht sicher ist, ob sie im vollen Umfang in den Wiederaufbau fließen werden, stehen derzeit kaum Finanzmittel zur Verfügung. Auch hier will sich die Fördergesellschaft an ihrem Dresdner Vorbild orientieren. Rheinheimer kündigte bei der Grundsteinlegung an, in Zusammenarbeit mit Banken sogenannte Stifterbriefe herauszugeben. Zudem will ein Pforzheimer Uhrmacher eine Uhrenkollektion zugunsten des Wiederaufbaus auflegen – auf diesem Weg sind für die Frauenkirche sieben Million Euro zusammengekommen. Viel wichtiger als die Lösung der finanziellen Schwierigkeiten ist der Umstand, daß die Evangelische Kirche offensichtlich ihren Frieden mit der Garnisonkirche gemacht hat. Sichtbarstes Zeichen bei der Grundsteinlegung war die Anwesenheit des EKD-Vorsitzenden Bischof Wolfgang Huber, der in seiner Rede ein deutliches Bekenntnis zum Wiederaufbau ablegte. Am Wochenende vor der Grundsteinlegung hatte die Synode des Kirchenkreises Potsdam zuvor mit großer Mehrheit das Nutzungskonzept für die Kirche beschlossen. Demnach soll diese als offene Stadtkirche und als internationales Versöhnungszentrum dienen. Ein Vertreter der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft der Kathedrale von Coventry überreichte während der Grundsteinlegung als Zeichen der Versöhnung ein Nagelkreuz. Welche Nutzung die Kirche dereinst tatsächlich prägen wird, wird die Zeit weisen – Zeit, die dem Fahrradladen nicht mehr bleibt. Als erster Schritt soll der Anbau, in dem er sich befindet, abgerissen werden, um Platz für den Wiederaufbau des 88 Meter hohen Turmes freizumachen. Foto: Altar mit Kerzen und Nagelkreuz, Fahrradladen: Noch herrscht am Bauplatz der Kirche Tristesse

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