Gezeitenwechsel

Vieles erinnert in diesen Wochen in Europa an das „Wir sind das Volk!“ im Herbst 1989 in der damaligen DDR. Eine Revolte oder Revolution entsteht dann, wenn die Regierten nicht mehr willens und die Regierenden nicht mehr fähig sind, hatte schon Lenin gesagt. Das Nein in Frankreich und den Niederlanden richtete sich gegen die menschenferne, bürokratische, abgehobene, ihren eigentlichen Aufgaben nicht gewachsene Brüsseler Nomenklatura ohne Leidenschaft und Augenmaß. Im bisherigen europäischen Kurs ist eine Vollbremsung nötig, die Erweiterung ist einzufrieren (Türkei!), über die Kompetenzen der Europäischen Union ist neu nachzudenken. Doch der Gezeitenwechsel geht tiefer. Das rot-grüne Experiment in Deutschland ist am Ende. Joschka Fischer, Claudia Roth, Reinhard Bütikofer, Franz Müntefering e tutti quanti sehen schon sehr alt aus. Nicht zuletzt sie hinterlassen jene „Wüsten in den Seelen“, jene „Diktatur des Relativismus“ und der Wertezerstörung, von denen Papst Benedikt XVI. spricht. Immer mehr Menschen beginnen diese Hinterlassenschaft zu durchschauen wie auch zu erkennen, daß unser Problem im Kern nicht politischer, sondern kultureller Natur ist und daß unsere Schwierigkeiten schon gar nicht technokratisch und bürokratisch zu lösen sind, sondern vor allem in der kulturellen Dimension. Europa und zumal Deutschland werden aus ihrer Desorientierung nur herausfinden und auf die Quellen ihrer Erneuerung stoßen durch die Rückkehr zu ihren geschichtlichen Wurzeln, denn „ein Volk ohne geschichtliche Erinnerung gleicht einem Baum ohne Wurzeln“, der zum Absterben verurteilt ist. Wer diese Wurzeln leugnet, mißachtet, der Zerstörung preisgibt, landet in der totalitären Diktatur oder in der kollektiven Neurose. Die deutsche Geschichte der letzten hundert Jahre bietet den Anschauungsunterricht dazu. Die Wahl eines Deutschen zum Papst sechzig Jahre nach Hitler und dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Teil dieses Wechsels. Der italienische Kulturminister Rocco Buttiglione nannte sie auf einer Tagung in Weikersheim (siehe auch Artikel auf Seite 6) einen symbolischen Ausdruck für das Ende der Dämonisierung der Deutschen. Es ist an der Zeit, nun auch das Ende der Selbstdämonisierung der Deutschen auf die Tagesordnung zu setzen mitsamt ihrer „Verwaltung deutscher Schuld und Pflege deutschen Schuldbewußtseins als Herrschaftsinstrument“, wie es der Publizist Johannes Gross formulierte. Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaften an der Universität Hohenheim.

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