Die ganze Wahrheit soll es sein

Man kann sich das Bild unschwer vorstellen: Gerhard Schröder am 9. Mai mitten in Moskau, flankiert von Wladimir Putin und anderen Regierungschefs, den Blick – mit einem Anflug von Stolz – auf den Kreml und salutierende russische Elitesoldaten gerichtet. Denn er, der Angehörige der besiegten Nation, darf dabeisein, wenn das offizielle Rußland den 60. Jahrestag des „Sieges im Großen Vaterländischen Kriege“ feiert. Der Kanzler habe die Einladung des russischen Präsidenten, so der Spiegel, gern angenommen. Ihm fehlt das, was sich baltische oder polnische Spitzenpolitiker allem äußeren Druck zum Trotz bewahrt haben: ein Gefühl für die Komplexität dieses Jahrestages, die es auch und gerade einem deutschen Kanzler nahelegen müßte, in Berlin zu bleiben. Verharmlosende Sicht des Sowjeterbes Dort könnte er dann frei von fremdbestimmten protokollarischen Vorgaben an alle Opfer der fürchterlichen Kriegsjahre erinnern und auch die Folgen der sowjetischen Okkupation halb Europas nach 1945 einbeziehen. Und er müßte sich nicht dem Vorwurf einer verharmlosenden Interpretation des Sowjeterbes sowie einer übergroßen Nähe zu Putin aussetzen, dessen Amtsführung immer autoritärere Züge annimmt. Wie man mit diesem historischen Datum angemessen umgehen kann, das machen derzeit die Präsidenten Estlands und Litauens vor. Denn der Ex-Kommunist Arnold Rüütel und der aus der Emigration in Amerika heimgekehrte Valdas Adamkus werden Anfang Mai nicht an die Moskwa reisen, obwohl auch sie eingeladen waren. Statt ihrer will man die Regierungschefs oder einzelne Minister entsenden, sofern diese noch eine russische Einladung erhalten – was von seiten des sich brüskiert fühlenden Kreml kaum zu erwarten ist. Der estnische Präsident Rüütel erklärte, daß „die durch den Zweiten Weltkrieg und die nachfolgenden Jahre ausgelösten Leiden des estnischen Volkes bis heute nicht aus dem Gedächtnis der Bevölkerung verschwunden“ seien. Vytautas Landsbergis, der erste postkommunistische Präsident Litauens und heutige Vertreter der Baltenrepublik im Europaparlament, äußert sich deutlicher. In einem am 4. März in der Welt erschienenen Artikel betonte er: „Der Gastgeber dieser Feier – Rußland, in Gestalt der Sowjetunion – war selbst Verursacher dieses Krieges, des blutigsten in der Geschichte Europas, dessen Ende nun gefeiert wird. Gewiß, die UdSSR löste diesen Krieg im Verein mit Hitler aus, aber ihre Verantwortung ist unbestreitbar. Indem es diese Feiern auf dem Roten Platz abhält und so den sowjetischen Sieg unterstreicht, feiert das heutige Rußland auch seine Zugewinne aus diesem Krieg. Einer davon war mein eigenes Land, Litauen, dessen Angliederung an Stalins Reich von unzähligen Tragödien begleitet war. (…) Es wird also nun ein ehemals versklavtes Land eingeladen, seine Gefangenschaft zu feiern.“ Die weitaus meisten Esten und Litauer sowie viele Letten teilen diese Sicht, zumal sie nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen, daß der Kreml eine Entschuldigung für die jahrzehntelange Besatzungsherrschaft und die sowjetrussischen Verbrechen im Baltikum ebenso kategorisch ablehnt wie alle Forderungen nach Entschädigung. Hier sei beispielhaft auf die über 35.000 nach Kriegsende in Viehwaggons gen Sibirien verschleppten Esten und die schätzungsweise 30.000 in den Kämpfen gegen die neuen Besatzer umgekommenen litauischen „Waldbrüder“ hingewiesen. Zudem gilt es, an die ökologischen Verwüstungen zu erinnern, die die Sowjetherrschaft unter anderem in Nordostestland hinterlassen hat. Ein „Ereignis der europäischen Versöhnung“ Während das offizielle Deutschland in Sachen Vergangenheitsbewältigung keine Ruhe findet, neigt man im heutigen Rußland eher zum anderen Extrem: Das stalinistische Erbe mit seinen -zig Millionen Todesopfern wird entweder gar nicht thematisiert oder verharmlost. Eine im März veröffentlichte Meinungsumfrage des Instituts VTsIOM ergab, daß 42 Prozent der Bürger Rußlands der Ansicht sind, ihr Land brauche einen Regenten, der dem Diktator Stalin „ähnlich“ sei. Unter den 18- bis 24jährigen liege der Anteil sogar bei 45 Prozent. Nicht weniger erschreckend ist das Ergebnis einer im März durchgeführten Telefonumfrage des Radiosenders Echo Moskwy, bei der nur 54 Prozent die Meinung vertraten, die Sowjetunion habe mit der Besetzung der baltischen Länder im Jahre 1940 unrecht gehandelt. Vor dem Hintergrund solcher Beobachtungen und angesichts der vielen hochoffiziellen Beschimpfungen der baltischen Staaten aus jüngster Zeit erscheint die Beteuerung Putins wenig glaubhaft, das Ende des Krieges fortan als „Ereignis der europäischen Versöhnung“ und nicht mehr, wie bisher, als „Tag des Großen Vaterländischen Sieges“ feiern zu wollen. Während die einseitige Haltung Schröders hierzulande wenig Kritik erntet, bekommen der polnische Präsident Alexander Kwasniewski und seine lettische Amtskollegin Vaira Vike-Freiberga starken öffentlichen Gegenwind zu spüren, nachdem sie ihr Kommen nach Moskau zugesagt haben. Die Lettin sprach in bezug auf die Einladung zunächst von einer „Beleidigung“, nun nimmt sie Rücksicht auf die veröffentlichte Meinung im westlichen Europa und auf die in ihrem Land in großer Zahl lebenden Russen. Darüber hinaus will sie offenbar die Unterzeichnung des nach langjährigen schweren Verhandlungen unterschriftsreifen Grenzvertrages mit Rußland nicht gefährden. Demgegenüber dürfte der Abschluß eines analogen Abkommens mit Estland nun von seiten Moskaus erneut auf die lange Bank geschoben werden. In Polen verursacht die russische Politik eine öffentliche Unmutsregung nach der anderen. Ob es die unsensiblen Moskauer Kommentare zum 60. Jahrestag der Konferenz von Jalta waren (damals schlugen die alliierten Führer Polen dem stalinistischen Machtbereich zu und segneten die Abtretung der ostpolnischen Gebiete ab), die Erschießung des tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow oder die jüngste Entscheidung der staatlichen russischen Katyn-Kommission, nur 67 von 183 Aktenordern über das Massaker an polnischen Offizieren an Warschau auszuhändigen, jedes Mal folgte eine Welle öffentlicher Kritik am einstigen „großen Bruder“. Der frühere Außenminister Geremek warnte zu Recht: „Wenn am 9. Mai nicht die ganze historische Wahrheit zur Sprache kommt, kann das Gedenken zu nichts Gutem führen.“

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