Das leibhaftige Versprechen

Wer 16 Jahre Kanzler bleibt, muß über besondere Fähigkeiten verfügen. Deren intellektuelle, moralische und politische Qualität steht auf einem anderen Blatt. Es wäre aber kleinlich, Helmut Kohl anläßlich seines 75. Geburtstags einfach kleinreden zu wollen. Die Unterschätzung durch seine Gegner war einer der Hauptgründe dafür, daß er sich so lange im Amt halten konnte Er hielt sich auch noch, als allen längst klar war, daß seine Kanzlerschaft dem Land die Chancen verdarb, die die Wiedervereinigung ihm eröffnet hatte. Seine erste bedeutende Leistung war 1983 die Umsetzung des Nato-Doppelbeschlusses zur Nachrüstung. Konzipiert hatte ihn sein Vorgänger Helmut Schmidt, dem die SPD dann die Gefolgschaft verweigerte. Schmidt hielt Kohl später vor, seine komplexe Strategie nicht verstanden und in Washington zu wenig darauf gedrungen zu haben, daß es Deutschland primär um die Abrüstung der Russen ging, nicht um die Aufstellung neuer US-Raketen. Wohl wahr, doch das ist heute nebensächlich. Die Sowjetunion sah ein, daß der Westen sich militärisch nicht erpressen und auseinanderdividieren ließ. Es folgten der Zerfall des Ostblocks und die Wiedervereinigung Deutschlands. Die zweite große Leistung ist die schnelle Herstellung der staatlichen Einheit. Der „Kanzler der Einheit“ war keiner, der operativ auf sie hingearbeitet hatte, doch als das Fenster der Möglichkeiten sich öffnete, schlüpfte er hindurch. Wer das geringschätzt und meint, Kohl habe nur vollzogen, was ohnehin kommen mußte, sollte bedenken, daß alles Gute zahllose Alternativen hat, die schlimmer sind. Die Stunde seines Triumphs war auch die seines Versagens Persönlich kam der Mauerfall Kohl gerade recht. Er galt 1989 als erledigt, im Sommer hatte er einen innerparteilichen Putsch gerade noch abwehren können. Der Jubel von Millionen DDR-Bürgern wurde für ihn und seine Partei zum Jungbrunnen. Es ist bezeichnend, daß ihm kein einziges bleibendes Wort zum geschichtlichen Vorgang gelang. Willy Brandts Satz: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“, steht in Granit gemeißelt. Von Kohl bleiben die „blühenden Landschaften“ in spöttischer Erinnerung. Nur: 1990 waren diese Worte populär. Genauer wollten Ost und West es gar nicht wissen. Jetzt hätte er gehen müssen. Denn Kohl war wieder zum Phlegmatiker geworden, doch leider entsprach dieses Phlegma den Bedürfnissen der meisten Wähler. Die DDR-Bürger, die eben erst von Objekten zu politischen Subjekten geworden waren, konnten die Macht, die sie unverhofft in den Händen hielten, gar nicht schnell genug wieder abgeben – an Helmut Kohl. Der war das leibhaftige Versprechen, daß alles, alles gut würde – so gut, wie es im Westen schon war. „Kohls Körper ist der Körper der Bundesrepublik“, höhnte Karl Heinz Bohrer, er erinnere an „die Riesensilhouette der Mutter, die in der Küche unentwegt ihren Kindern vom großen Laibe Brotstücke abschneidet, immer dasselbe Brot, Tag für Tag, seit Jahren“. Kohl repräsentierte die stupide Tautologie, die die Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik bis heute kennzeichnet. Die Stunde seines Triumphs war auch die seines Versagens, für das Deutschland noch teuer bezahlen muß. Wäre Kohl tatsächlich ein Staatsmann gewesen, er hätte den geschichtlichen Moment in Politik übersetzt und dazu aufgerufen, die Wiedervereinigung nicht nur materiell zu definieren. Er hätte auf den kollektiven, emotionalen, geistig-kulturellen und moralischen Zugewinn hingewiesen, der künftige Zumutungen mehr als kompensieren würde. Kohl aber ging den Weg des geringsten Widerstandes. Den DDR-Bürgern versprach er die schnelle Angleichung an den Weststandard, den Westdeutschen versicherte er, daß diese sie nichts kosten würde. Die 1982 angekündigte „geistig-moralische Wende“ blieb auch 1989/90 aus. Dieser Begriff hatte aus dem Munde Kohls stets seltsam geklungen. Sein Ideal war und ist – dieses Wort muß jetzt fallen – ein deutschlandweites Oggersheim. Die Wahlbroschüren der Kohl-CDU zeigen glückliche Drei-Generationen-Familien, die in aseptischen Eigenheimen wohnen und nun, um das Glück vollkommen zu machen, endlich ihre Ost-Verwandschaft in die Arme schließen können. Die strukturelle Arbeitslosigkeit, die Krise der Sozialstaates, die negative demographische Entwicklung, die illegale Zuwanderung, die überbordende Bürokratie und Staatsverschuldung – alles das hat Kohl versucht auszusitzen und damit den Nachfolge-Generationen überlassen. Es ist kein Zufall, daß Kurt Biedenkopf und Lothar Späth, die in der Ex-DDR für – leider viel zu seltene – ökonomische Anfangserfolge sorgten, Kohls parteiinterne Lieblingsfeinde waren. Und die Moral? Kohl ist ein reduzierter Mensch, der nur die Macht genießen kann. Seit dem Verlust seiner Kanzlerschaft dürfte er keinen einzigen glücklichen Tag mehr erlebt haben. Seine Regression ist im Laufe der langen Regentschaft zum Defekt des Staates geworden. Er verwandelte ihn in ein Patronagesystem, das die Willfährigen belohnte und die Undankbaren – die oft fähiger waren als er selbst – ausschloß. Die Politik verlagerte er aus den staatlichen Institutionen ins Küchenkabinett und in Kungelrunden. Sein System ist vielfach als ein Geflecht persönlicher Beziehungen beschrieben worden, er selbst war die Spinne im Netz. Seit den diversen Parteispenden-, Leuna- und Waffenaffären, von denen keine wirklich aufgeklärt ist, läßt sich vermuten, daß Kohl sich beim Knüpfen der Beziehungsstränge nicht nur auf Notizbuch und Telefon verließ. Die Involvierung eines französischen Staatskonzerns in den deutschen Korruptions- und Spendensumpf -unter dem Strich geht es um -zig Millionen – könnte ein Hinweis darauf sein, daß es auch bei der Einführung des Euro, die Kohl faktisch im Alleingang durchsetzte, nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Das letzte Kapitel darüber wird, wenn überhaupt, wohl erst in Jahrzehnten geschrieben werden. In der ungeistig-amoralischen Atmosphäre, die sich unter Kohl im politischen Betrieb ausbreitete, konnten nur Duckmäuser und politische Hallodris bestehen. Die beiden lautesten, Schröder und Fischer, haben ihn schließlich besiegt. Nur sie waren dazu in der Lage, andere standen nicht mehr bereit. Und ein Volk, das 16 Jahre lang mehrheitlich an den Weihnachtsmann geglaubt hat, muß sich jetzt in sein blaues Wunder schicken.

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