Joachim Kuhs

 

Auf dem Weg zur Souveränität

Ähnlich wie der arabisch-schiitische Süden des Irak, in dem die islami-schen Geistlichen das auf Stabilität ausgerichtete Heft fest in der Hand halten, wirkt auch der hauptsächlich von Kurden bewohnte Nord-Irak inmitten des sunnitischen Terrors fast wie eine Insel des Friedens. Vor allem die positiven Ansätze in der vier Millionen Einwohner zählenden kurdischen Zone sind kaum zu übersehen. Die selbständige Verwaltung funktioniert, in den Städten pulsiert der Verkehr, vielerorts werden die neuesten Automodelle und Mobiltelefone vorgeführt. Vor einem Jahr sah die Situation noch etwas anders aus. Der Nord-Irak schien auf der Kippe, als am 1. Februar 2004 zwei Selbstmordattentate in den Hauptbüros der beiden wichtigsten Parteien in Erbil mehr als 100 Menschen in den Tod rissen. Unter den Opfern befanden sich sowohl führende Vertreter der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) als auch der Patriotischen Union Kurdistans (PUK). Doch in der Folge dieser Gewaltakte zeigten sich die früher rivalisierenden Führer der KDP und PUK, Massud Barzani und Dschalal Talabani, erstmals mehr oder weniger einig, und der kurdische Geheimdienst lieferte eine höchst effektive Aufklärung. Und so setzten die Kurden, die um die 20 Prozent der irakischen Bevölkerung ausmachen, den von den Besatzungsmächten vorgegebenen und selbst eingeschlagenen Weg in Richtung Wahlen fort. Kein Wunder also, daß sie beim Wahlgang für das irakische Nationalparlament mit einer rein kurdischen Liste auf die Bündelung ihrer Kräfte und Stärkung ihrer Position setzen. Zwar ist auch bei den Kurden die Sorge vorhanden, in nächster Zukunft von einer schiitischen Mehrheit dominiert zu werden, doch sind Alternativen zu der jetzigen Vorgehensweise erst einmal nicht auszumachen. Folglich arbeiten die Kurden darauf hin, im Zuge der nach der Wahl avisierten Ausarbeitung einer Verfassung ihre Interessen zu artikulieren. So werden sie den Erhalt einer autonomen Provinz, die Trennung von Staat und Religion sowie weitreichende Rechte bei der Erhebung von Steuern und in der Außenpolitik fordern. Der Drang nach Öl ist stark und die Interessen vielfältig Kamal Fuad, Präsident der Nationalversammlung in Irakisch-Kurdistan, brachte die Situation in der Wochenzeitung Freitag auf den Punkt: „Wir sagen ganz klar, wir sind als Kurden Iraker und wollen ein demokratisch-föderatives System. Wird das verweigert, dann sind wir eben keine Iraker mehr.“ Das Streben der Kurden nach Unabhängigkeit scheint unerschütterlich. Offiziell bezeichnen die Führer von KDP und PUK die Gründung eines kurdischen Staates zwar noch als höchst unrealistisch. In der Praxis weist ihre Politik derzeit jedoch in eine andere Richtung, wie vor allem die unmißverständliche Forderung nach einer Eingliederung der Stadt Kirkuk als Hauptstadt des kurdischen Teilstaates offenbart. Kirkuk lag außerhalb der ehemaligen internationalen Sicherheitszone der kurdischen Gebiete und hat seine eigene Geschichte. Mit etwa einer halben Million Einwohner gilt die Stadt aufgrund ihrer Erdölvorkommen als eine der reichsten der Welt. Öl garantiert Einfluß, und so hatte Saddam Hussein früh die Arabisierung der Stadt betrieben, indem er über 175.000 Kurden aus Stadt und Region vertrieb und statt dessen arabische Familien ansiedelte. Seit dem Sturz der Saddam-Regierung haben sich die Vorzeichen jedoch umgekehrt. Die Arabisierung des Nordens wird Schritt für Schritt rückgängig gemacht. Kirkuk soll wieder kurdisch werden, und so wird das multiethnisch bevölkerte Gebiet, in dem neben Kurden und Arabern, auch Turkmenen, Assyrer und Armenier leben, mehr und mehr von kurdischen Kräften dominiert. Gefördert von der Kurdenführung und gedrängt vom Terror, der den Kurden im Zentral-Irak entgegenschlägt, sind in den letzten Monaten rund 140.000 Kurden nach Kirkuk zurückgekehrt und leben unter eher unwürdigen Verhältnissen in großen Zeltstädten vor der Stadt. „Für Kirkuk gibt es keinen Kompromiß. Die Stadt und die Region waren, sind und bleiben für immer kurdisch“, erklärten Barzani und Talabani unisono. Doch so einfach ist die Situation nicht. Ob die von der Türkei geförderte Minderheit der Turkmenen (etwa 900.000), ob die Sunniten oder selbst die Besatzungsmacht USA – der Drang zum Öl ist stark und die Interessen um Kirkuk sind vielfältig. Entsprechend erneuerte die in der Kurdenfrage höchst sensible türkische Regierung ihre Anschuldigungen, daß sich schon heute mehr Kurden in Kirkuk niedergelassen hätten, als unter Saddam Hussein vertrieben wurden. Ankara sieht eine „bewußte Bevölkerungsverschiebung“ und wertet dies als „inakzeptabel“. Parallel dazu drängt die Türkei darauf, das Erdölgebiet um Kirkuk der irakischen Zentralregierung zu unterstellen. Schlußendlich soll über den endgültigen Status von Kirkuk nach der mutmaßlichen Ratifizierung der irakischen Verfassung Ende 2005 entschieden werden. Die Kurden werden nicht so lange warten wollen. Foto: Dschalal Talabani und Massud Barsani: Stärkung ihrer Position

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