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„Sie wollen mein England töten“

Wir sind keine Euroskeptiker“, sagt Gerard Batten oft augenzwinkernd. Skeptiker würden ja noch zweifeln und schwanken, er aber nicht. „Wir wollen einfach raus aus der EU!“ Batten hat gut lachen in diesen Tagen. Der 50jährige biedere Familienvater ist seit 28 Jahren bei der British Telecom beschäftigt und Londoner Spitzenkandidat der United Kingdom Independence Party (UKIP). Seine Partei, bislang eine Splittergruppe, kann sich Hoffnungen auf einen Überraschungssieg machen. Stolze 18 Prozent sagen verschiedene Umfragen der 1993 gegründeten UKIP für die EU-Wahlen voraus. Damit würden die kompromißlosen Brüssel-Feinde nach Tories und Labour-Partei drittstärkste Kraft werden, noch vor den EU-integrationsfreundlichen Liberaldemokraten. Seit 1999 stellt die UKIP unter Führung von Nigel Farage drei Abgeordnete im Straßburger Parlament; demnächst könnte sich diese Zahl immerhin vervierfachen. Die brisanten Umfragezahlen, veröffentlicht nur eine Woche vor dem Urnengang, schlugen in London wie eine Bombe ein. Premierminister Tony Blair von der regierenden Labour-Partei lief vor die Kameras und beeilte sich, dem Volk die Folgen eines EU-Austritts deutlich zu machen. Großbritannien wickle etwa zwei Drittel seines Handels mit dem europäischen Kontinent ab. Verantwortungsbewußte Politiker müßten sich daher der zunehmenden Europaabneigung der Briten entgegenstellen, beschwor der Premier die etablierten Parteien. Doch auch Blair erkennt, daß für Labours Pro-EU-Politik schwere Zeiten anbrechen. Sein langfristiges Ziel, auf der Insel statt des Pfundes den Euro als Währung einzuführen, rückt in immer weitere Ferne. Auch über dem versprochenen Referendum zur EU-Verfassung liegt nun ein dunkler Schatten. Der überraschende Aufstieg der UKIP bereitet auch den Tories Sorgen. Zwar deutet alles darauf hin, daß die oppositionellen Konservativen am 10. Juni – in Großbritannien wählt man traditionell am Donnerstag – ein gutes Ergebnis einfahren werden. Bei den letzten Europawahlen konnten die Tories die Zahl ihrer Sitze von 18 auf 36 verdoppeln. Labour büßte mehr als die Hälfte ein, sank von 62 auf 29 Mandate. Diesmal könnte die UKIP allen Etablierten, besonders den Tories, entscheidende Prozente stehlen. Tory-Vorsitzender Michael Howard möchte die neue Konkurrenz gerne ins Abseits drängen. „Extremisten“ seien das, urteilte Howard abfällig. Der „Rand des Parteienspektrums“ wolle eine defätistische Botschaft in die Köpfe pflanzen, nämlich daß es keine flexiblere Lösung für die EU-Probleme gäbe als den Austritt. Großbritannien solle aber, so Howard, besser Mitglied bleiben, um seinen Einfluß für eine Reform von innen geltend machen. Das Motto „Rettet das Pfund!“ ist seit je fester Bestandteil von Tory-Kampagnen. Es kommt bei einer Mehrheit der Wähler an. Doch offenbar verlangen immer mehr Briten nach einer härteren Abwehr gegen die Zumutungen des „Brüsseler Moloch“. Angeheizt durch eine EU-skeptische Presse sieht der Durchschnittsengländer alle weiteren Schritte zur engeren Integration in Europa als Verlust von Souveränität an. Die Flut an bürokratischen Verordnungen und Normen lehnt er ab, will dagegen britische Eigenart bewahren. „Großbritannien steht kurz vor seiner Zerstörung als unabhängige Nation“, heißt es im Wahlprogramm der UKIP. Und weiter: „Sag Nein zur europäischen Verfassung, sag Nein zum Euro, sag Nein zur EU, sag Nein zur Mitgliedschaft, wir wollen unser Land selbst regieren.“ Wie konnte die UKIP so plötzlich an Boden gewinnen, zumal ja das britische Mehrheitswahlrecht kaum Raum läßt für kleinere Parteien? Nur bei den Wahlen zum EU-Parlament gilt das Verhältniswahlrecht. Der UKIP ist es nun gelungen, durch einige prominente Kandidaten ins Gespräch zu kommen. Zugpferd ist der 61jährige Journalist, einstige Labour-Abgeordneter und langjährige Talkshow-Moderator Robert Kilroy-Silk, den die BBC erst vor kurzem wegen einer Bemerkung über „die Araber“ in seiner Kolumne im Boulevardblatt Sunday Exptress vor die Tür setzte. Der alltägliche Rassismusvorwurf ist bei der UKIP allerdings fehl am Platze: Mit Harun Khan steht auch ein nicht autochthoner Brite auf der UKIP-Liste. Zudem bekommt BBC-Mann Kilroy-Silk medienwirksam Unterstützung von der Schauspielerin Joan Collins, bekannt aus der Fernsehserie „Denver Clan“. Ihren Wahlkampf, der rund zwei Millionen kosten soll, bestreitet die UKIP aus den Beiträgen ihrer 22.000 Mitglieder. Für den Extra-Schub sorgte jüngst eine Großspende über eine halbe Million Pfund, die sie Alan Brown, einem pensionierten Wett-Buchmacher, verdankt. „Wir lassen uns von Brüssel zerfressen“, klagte Collins in einem Interview Ende Mai. „Sie wollen mein England töten“, so die immer noch elegante 71jährige Schauspielerin. Wer Brüssel sagt, meint aber oft Berlin. Denn zu einem nicht unbeträchtlichen Teil speist sich die britische Europhobie aus anti-deutschen Gefühlen. Jeder weiß, worauf der Kinowerbefilm „Ein Volk, ein Reich, eine Währung“ einer unabhängigen euroskeptischen Organisation anspielt. Bei den letzten Wahlen zum Straßburger EU-Parlament vor fünf Jahren gingen nur 24 Prozent zu den Urnen, um ihre Stimme abzugeben. Diesmal dürfte die Wahlbeteiligung deutlich höher liegen. Foto: „Denver-Clan“- Schauspielerin Joan Collins mit Robert Kilroy-Silk: Gegen Brüsseler Zumutungen

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