Demontage und Ehrenrettung

Die gescheite Verfasserin, eine immer wieder einmal auffällige und nicht unsympathische Erscheinung im lange Zeit meinungsführenden linksliberalen Journalismus der Bundesrepublik Deutschland, versucht sich Klarheit darüber zu verschaffen, wie aus dem konformen großbürgerlichen Milieu ihrer angesehenen, weit verzweigten Familie ihr Vater Hans Georg und ihr Onkel zweiten Grades, zugleich ihr Schwager, Oberstleutnant im Generalstab Bernhard Klamroth, zu Opfern des 20. Juli 1944 wurden. Gestützt vor allem auf eine Flut von Familienpapieren, geschäftliche Akten, Briefwechsel, mündliche Überlieferung, skizziert und kommentiert sie flott, manchmal arg schnoddrig – was sie nicht verstehen will, ist „Quatsch“ oder „Unsinn“ – den Weg der Hauptpersonen ihres Clans seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. In der politisch gelegentlich penetrant korrekten Interpretation der Familiengeschichte in der Wechselwirkung mit der Gesellschaftsgeschichte der Jahrzehnte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs hastet sie atemlos von Vorurteilen zu Halbwahrheiten. Ihre tiefe Abneigung gegen Uniformen, gegen alles Militärische überhaupt, dies immerhin positiv wie auch in negativen Erfahrungen lebenslang prägend für Vater und Großvater, verbirgt sie nicht, verständnislos vor keinem Klischee zurückschreckend. Da ist es beinahe ein Glück zu nennen, daß sie dem Großvater, dem sie Hochachtung und Respekt nicht versagt, lediglich bescheinigt, Reserveoffizier – zuletzt Rittmeister – in einem nach ihrer Ansicht „renommierten“ Regiment gewesen zu sein. Aber gerade die Halberstadter Seydlitz-Kürassiere waren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert skandalumwittert, nachzulesen in dem 1905 in Braunschweig erschienenen Schlüsselroman „Der Garnisonprediger“ und abzulesen in den Ranglisten über die fast vollständige Auswechslung des aktiven Offizierkorps bei einer erheblichen Anzahl von Verabschiedungen. Das kann in Halberstadt nicht verborgen geblieben sein. Verbunden mit der dann recht präzisen Einbettung der engeren Familiengeschichte in die politisch zunehmend verwickelten und wirtschaftlich schwierigen zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts müht sich Bruhns mit dem Versuch ab, sich ihres Vaters zu vergewissern, den sie kaum gekannt hat. Als er am 26. August 1944 hingerichtet wurde, war sie gerade sechs Jahre alt. Bei ihrer angestrengten Erinnerungs-„Arbeit“ – so will sie wohl ihr Buch verstanden wissen – scheut sie keine Indiskretion, vermutlich nicht zur reinen Freude anderer Familienangehöriger. So entsteht das zunächst merkwürdige, negativ gefärbte Bild eines erfolgreichen Geschäftsmannes, eines gesellschaftlich gewandten, durchaus liebenswürdigen, aber auch von Selbstzweifeln heimgesuchten Großbürgers mit den Schattenseiten eines notorischen Lügners und erfolgreichen Schürzenjägers. Wenigstens wirft sie ihm nicht Opportunismus vor beim Eintritt in die NSDAP Ende April 1933. Sichtlich irritiert zeigt sie sich aber über die zeitweilige Zugehörigkeit des einstigen Kavalleristen und begeisterten Reiters zur sogenannten Reiter-SS, die freilich in konservativen Kreisen als eine gesellschaftlich akzeptable Gliederung der Allgemeinen SS galt und der ja auch der spätere Prinz Bernhard der Niederlande angehört hat. Antisemitische Züge vermag sie nach wohl emsigen Nachforschungen nicht zu entdecken, erschrickt aber pflichtschuldigst, wenn ihr Vater auf einmal vom „Juden Jacobsohn“ schreibt (3. April 1933), am 30. März noch der „alte Jacobsohn“, der dem Vater „unendlich leid“ tat. Positiv rechnet sie dem Vater an, daß es ihm bis 1944 gelang, einen halbjüdischen Juristen als „Privatsekretär“ in der Firma zu halten. Jedoch rezensiert sie im „festen Besitz der endgültigen Wahrheit“ (Ernst Niekisch) den mit schweren privaten Problemen belasteten Briefwechsel ihrer Eltern aus den Kriegsjahren vor allem unter dem Blickwinkel, daß darin die sich summierenden Untaten des Regimes nicht erwähnt werden. Dabei weiß sie natürlich und schreibt es auch, daß es eine Postzensur gab und ihr Vater als Gruppenleiter im OKW-Amt Ausland Abwehr besondere Vorsicht walten lassen mußte und daher schon gar nicht zu erkennen geben durfte, was und wieviel er von der Schreckensherrschaft mehr wußte als der Landesdurchschnitt der Bevölkerung. Seine Dienststelle war zudem seit Februar 1944 nur noch ein überdies sehr beargwöhnter Ableger als „Amt Mil“ des Reichssicherheitshauptamtes der SS. Unter diesen Umständen kann es schon als Tollkühnheit gelten, daß Klamroth sich im Sommer 1943 demonstrativ von seiner wenn auch nur noch karteimäßigen Bindung an die Allgemeine SS gelöst hatte. Nachdem über weite Passagen Zorn, ja Verachtung über die nach ihrem strengen Verdikt allzu indifferente Einstellung des Elternhauses zum verbrecherischen nationalsozialistischen Regime vorherrschen, nähert sich Bruhns dem Komplex der Verwicklung so naher Angehöriger in die Geschehnisse des 20. Juli 1944 dann überraschend verständnisvoll. Jetzt versteht sie zu differenzieren, ordnet Bernhard zutreffend als entschlossenen Mittäter ein, ihren Vater richtigerweise – unfähig zur Denunziation sei er gewesen, bescheinigt sie ihm – als vermutlich schon länger eingeweihten Mitwisser in der langsam gereiften Überzeugung, daß Hitler beseitigt werden müßte, um weiteres Unheil abzuwenden. So ungerecht, auch anmaßend sie weithin über ihres Vaters Land geurteilt hat, in seinem einsamen schrecklichen Tod erkennt sie doch, er habe den Blutzoll bezahlt, „den ich nicht mehr entrichten muß“, und sie gelehrt, „wovor ich mich zu hüten habe“. Dafür dankt sie ihm nach manchem gedanklichen Umweg. Mit ihrem Buch bestätigt sie überzeugend Gerhard Ritters frühe und allzu berechtigte Warnung in seiner Goerdeler-Biographie von 1954, „die Männer der deutschen Widerstandsbewegung zu Heiligen oder zu Helden schlechthin zu machen“. Auch sie seien Menschen gewesen, „mit Unzulänglichkeiten der Einsicht und des Willens, auch von Regungen der Selbstsucht so wenig frei wie alle Kreatur“. Foto: Wibke Bruhns mit ihrem Vater (1941): Familienaufarbeitung „im festen Besitz der endgültigen Wahrheit“ Wibke Bruhns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie. Econ Verlag, München 2004, gebunden, 360 Seiten, 22 Euro Dr. Georg Meyer arbeitete als Historiker beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA). 2001 veröffentlichte er die Biographie „Adolf Heusinger“ im Verlag Mittler & Sohn.

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