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Die vergessene Front

Die Blutmühle von Verdun, die Schlacht an der Somme und der Friedensschluß von Versailles, diese Ereignisse haben im kollektiven Gedächtnis der Deutschen und der westlichen Alliierten ihren festen Platz. Die Ostfront steht mit der Ausnahme der Schlacht von Tannenberg 1914 im Schatten dieser westlichen Gedächtnisorte. Dies gilt im Prinzip auch für die Forschungslage, auch hier wird der Osten eher spärlich behandelt, auch wenn sich dies allmählich zu ändern beginnt. Eine Tagung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) versuchte nun, die „vergessene Front“ ins Bewußtsein zu heben. Der Kooperationspartner, das Deutsche Historische Museum (DHM), war diesmal (das MGFA arbeitet zu seinem Schaden mittlerweile auch mit Reemtsmas Hamburger Institut für Sozialforschung zusammen) gut gewählt, ist derzeit im DHM doch die kulturgeschichtliche Ausstellung „Der Weltkrieg 1914-1918. Ereignis und Erinnerung“ (JF 24-04) zu sehen. Eine der drei Sektionen der Tagung befaßte sich unter Leitung des Stölzl-Nachfolgers Hans Ottomeyer denn auch mit dem modischen Thema „Der Erste Weltkrieg. Musealisierung, Erinnerung, Rituale“, das die von dem Riefenstahl-Biographen Rainer Rother konzipierte Schau vorstellte. Warnung vor allzu forsch gezogenen Kontinuitätslinien Im Zentrum der Tagung standen freilich andere Themen als die Musealisierung des Ersten Weltkrieges: die Strategien, Operationen und Taktiken an der Ostfront sowie der „Kulturkampf im Osten“. Zwei Kontroversen beherrschten im Rahmen dieser Sektionen die Tagung. Zum einen die von Terence Zuber bestrittene Existenz des Schlieffenplans, zum anderen die Thesen einer Präfiguration des Vernichtungskrieges des Zweiten im Ersten Weltkrieg. Nach gängiger Sicht sah der Plan des vormaligen Chefs des Generalstabes (von 1891 bis 1905) Alfred von Schlieffen in Anlehnung an Hannibals Umfassungsschlacht bei Cannae eine Konzentration der Kräfte auf den rechten Flügel der Westfront vor, während nur schwache Kräfte dem für schwerfällig gehaltenen Aufmarsch der Russen im Osten entgegengesetzt werden sollten. Dies kalkulierte den Bruch der belgischen Neutralität ebenso ein wie das Diktat eines eng gestrickten Zeitplanes mit den Folgen fehlender Verhandlungszeit und rücksichtlosen Vorpreschens in Belgien. Dem hielt Zuber seine Auffassung einer nachträglichen Erfindung des Schlieffenplanes entgegen. Cui bono? Zum einen konnte im Nach-Krieg der Schuldzuweisungen Moltke (dem Jüngeren) wegen seiner unzureichenden Befolgung des Schlieffenplans das Desaster der 1. und 2. Armee an der Marne angelastet werden. Und tatsächlich kam Moltke in der monumentalen Darstellung des Reichsarchivs zum Weltkrieg (JF 38/02) außerordentlich schlecht weg. Zum anderen konnte Gerhard Ritter nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem Werk „Staatskunst und Kriegshandwerk“ den Militarismus als Ur-Verursacher der „deutschen Katastrophe“ (Friedrich Meinecke) ausmachen. Alle späteren Historikern haben diese Gleise nicht mehr verlassen, bis eben auf den ehemaligen Infanterieoffizier der U.S. Army Terence Zuber. Das beträchtliches militärhistorisches Wissen vereinigende Auditorium vermochte Zuber indes nicht zu folgen. Und so wird eine weitere Tagung im September, die eigens der Schlieffen-Problematik gewidmet sein wird, versuchen, mehr Licht ins Dunkel der deutschen Strategie zu bringen. Weniger Probleme gab es bei den grandiosen Vorträgen, die Lothar Höbelt und Günther Kronenbitter über die österreichisch-ungarische Kriegführung hielten. Den beiden Experten konnte auch keiner das Wasser auf diesem Felde reichen, die beiden Ausführungen taten den allzuoft auf die reichsdeutsche Perspektive fixierten bundesdeutschen Historikern mehr als gut. Mehr Streit war dann wieder beim Thema der deutschen Kontinuitäten angesagt. Insbesondere der amerikanische Historiker litauischer Abstammung Vejas Liulevicius hat hier ein Feld entdeckt, das er hartnäckig mit den immer gleichen Thesen beackert. Jüngst durfte er sich sogar als einziger jüngerer Wissenschaftler im Spiegel Spezial über den Ersten Weltkrieg zum Thema auslassen. Die von Hindenburg und Ludendorff im „Land Ober- Ost“, das heißt in den unter der Militärverwaltung stehenden weißrussischen, russisch-polnischen und litauischen Gebieten unternommenen Anstrengungen einer Kultur- und Verkehrspolitik sind für ihn eine Vorstufe der späteren Lebensraumpolitik. Indes konnte auch Liulevicius diese These weder quellenmäßig belegen, noch kam er umhin, den „scharfen Kontrast“ zwischen der „auf ethnische Manipulation“ gerichteten Politik im Ersten Weltkrieg und dem „mörderischen Vernichtungsfeldzug“, wie es im schönsten Reemtsma-Deutsch hieß, des Zweiten Weltkriegs zuzugeben. Und auch die aus dem Auditorium vor allzu forsch gezogenen Kontinuitätslinien gewarnten Historiker auf dem Podium hoben allesamt die eher juden- und polenfreundliche Einstellung des deutschen Militärs im Osten hervor. Hauptfeind dort waren schließlich die Russen, und die hatten die Ostjuden und die Polen nicht eben glimpflich behandelt. Grund genug, die Russen der Barbarei zu bezichtigen. Die deutsche Kulturpolitik im Osten war von der Erfahrung des Völkerwirrwarrs und des Schmutzes im Osten geprägt und besaß sicherlich ein gehöriges Maß an kulturellem Nationalismus. Dies war aber weder eine deutsche Besonderheit, noch führte dies zu einer Entmenschlichung des Feindes. Vielmehr dachte man noch in den traditionellen Kategorien der Kriegführung, die Enthegung des Krieges hatte noch nicht stattgefunden. Einzig die Planungseuphorie und die bevölkerungspolitischen Ambitionen verweisen auf spätere Entwicklungen, doch auch sie waren vom Interesse an der Hebung der Zivilisation und Verbesserung der Lebensverhältnisse im Osten bestimmt. Wer freilich in „Hygienediskursen“ schon Vernichtungsideen aufscheinen sieht, der kennt sich im Ostkrieg und seinen Problemen schlicht nicht aus. Diese Art der Inkompetenz scheint dem Druck der Wissenschaft auf Dauer nicht standzuhalten und sorgt eher für kurzfristige journalistische Furore denn für langfristige Prägung der Forschung. Bewältigungspolitische Exzesse wurden eingedämmt Die osteuropäischen Historiker und besonders die aus Osteuropa kommenden Wissenschaftler konfrontierten die deutsche Nabelschau mit der Germanensicht der Russen und Polen. Die russische Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ist durch die Revolutionen von 1917 und den „Großen Vaterländischen Krieg“ weitgehend verschüttet, einzig Alexander Solschenizyn versuchte sie 1971 durch seinen Roman „August 14“ wiederzubeleben. In der zeitgenössischen russischen Propaganda, die es als staatlich gelenkte kaum gab, ging es um die Bekämpfung des „inneren Deutschen“ und des Antichristen Wilhelm II. Die Spielpläne der Opern wurden von den Musikdramen Wagners gesäubert, unzählige Plakate und Postkarten verhöhnten den Kaiser oder entstellten ihn als blutrünstige Bestie. Dies war kein russisches Phänomen, und wer im erwähnten Spiegel Spezial das Interview mit dem deutsch-britischen Historiker John Röhl liest, kann noch etwas von der Kaiser-Obsession des Weltkrieges erahnen. Dabei geriet der Kaiser real im Verlauf des Krieges immer mehr in den Schatten des machtpolitischen Dreiecks von Militär, Reichsleitung und Reichstag, an den strategischen und innenpolitischen Entscheidungen war er kaum mehr beteiligt. Besser als auf dem Forschungsgebiet des Zweiten Weltkriegs konnten auf der Berliner Tagung die bewältigungspolitischen Exzesse vornehmlich jüngerer Historiker durch die versammelte militärgeschichtliche Kompetenz eingedämmt werden, vielleicht gelang dies auch nur dadurch, daß die Berliner Historikerin mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung, Karen Hagemann, endlich einmal abwesend war. Foto: Parade deutscher Truppen in Wilna am 12. Dezember 1915: Unternommene Anstrengungen einer Kultur- und Verkehrspolitik als Vorstufe der späteren Lebensraumpolitik gedeutet

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