Im nachhinein

Als ich diese Kolumne zusagte, lebte meine Mutter noch. Sie war gestorben, als ich der Redaktion absagen wollte. Aber noch im ersten Schmerz, der nur ein Vorbote der wirklichen Trauer ist, entschied ich mich, ihr hier ein Lebewohl zu sagen, das über die persönliche Zuneigung und Erinnerung hinausgeht. „Versuche das, es wird schon gehen“, hätte sie dazu gesagt. Ihr Leben war das einer ebenso eigenwilligen wie großartigen Frau, die kaum jemanden, der sie kannte, gleichgültig ließ. An ihr rieben und schieden sich die Geister. Auch wenn sie niemals „oben“, niemals in Amt und Würden war, spürte jeder ihre Willenskraft, ihre Unbedingtheit. Meine Mutter sah und erlitt mehr als zwei Drittel des vergangenen Jahrhunderts und den Anfang des neuen. Sie ging durch die Feuer des Krieges, der Vertreibung und des halb erstickten Neubeginns voller Hunger und Hoffnungen. Ihre Rast- und Ruhelosigkeit, ihr Pflichtgefühl, ihr Selbstbewußtsein hatte sie als elterliches Erbe mitbekommen. Als nach 1905 in Rußland der Druck auf die Deutschen und die Juden immer mehr wuchs, verließen ihre Eltern 1912 freiwillig-unfreiwillig ihre Heimat im russischen Polen und schufen sich im östlichsten Deutschland, in der Provinz Posen, buchstäblich vom Nullpunkt eine neue Existenz. Die Steine des Bauernhofes brannte mein Großvater selbst – ganz so, wie es hundertfünfzig Jahre zuvor seine Vorfahren getan hatten, als sie, von polnischen Adligen gerufen, die Sümpfe und Wälder um Konin herum kultivierten. Meine Mutter heiratete gegen Ende des Krieges, half ihren nach Mecklenburg vertriebenen Eltern – als Zweiundzwanzigjährige inmitten einer Soldateska, deren militärischen Großtaten oft persönliche Untaten folgten. Ihr erstes Kind starb 1945, nur einen Monat alt. Sie gab sich nicht auf, begann neu, als mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte – mit harter Arbeit, mit dem Mut, alles zu tun, selbst wenn nichts zu erreichen wäre. „Wir können das Werk nicht vollenden, aber es ist uns nicht erlaubt, es zu verlassen“ könnte man als ihr Lebensmotto sehen. Die Machthaber und Medienkläffer, die das Preußische als Polit-Phrase mißbrauchen oder es gleich mit allem Deutschen ausrotten wollen, werden niemals verstehen, welches Erbe zutiefst preußisch-protestantische Menschen wie meine Mutter uns hinterließen. Gerade die Erinnerung an diesen Geist des deutschen Ostens und eines besseren Deutschlands verpflichtet uns, unser geistiges Erbe und unser Land zu verteidigen und ihm die Zukunft zu erkämpfen. Rolf Stolz ist Mitbegründer der Grünen. Heute lebt er als Publizist in Köln.

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