Joachim Kuhs

 

Hautnah an der Geschichte

Mitte der neunziger Jahre bewegte Regisseur Anthony Minghella mit seinem tieftraurigen Liebesdrama „Der Englische Patient“ das Kinopublikum. Minghella hatte das Drehbuch nach der Romanvorlage von Michael Ondaatje selber geschrieben und erhielt 1996 für sein Werk neun Oscars. Sein Film bestach durch die Kombination dreier Elemente. In eine sich langsam anbandelnde romantische Liebesgeschichte brach jäh das Schicksal ein, zudem war sie zeitlich eingebunden in die Vernichtungskraft des Krieges. Tod und Zerstörung – die Haupthandlung spielte während des Zweiten Weltkriegs in Nordafrika – bildeten den Hintergrund des Geschehens. Die grausamen Zeitumstände zerstörten also letztlich das Liebesglück, überhöhten es allerdings auch durch die tragische Note. Mit Charles Fraziers ebenfalls preisgekröntem „Unterwegs nach Cold Mountain“ hat Minghella einen ähnlichen Stoff verarbeitet. Wieder ist die Hauptfigur ein Kriegsversehrter auf der Suche nach der Liebe, diesmal aber kein unheilbarer Fall, sondern einer, der sich eigenhändig auf den Rückweg begibt. Und wieder ist das Liebesglück nur kurz und durch rasche Trennung sowie darauf folgendes Grauen des Krieges überschattet. Den Hintergrund bietet diesmal der amerikanische Bürgerkrieg 1861-1865, gemeinhin als erster Krieg der Moderne verstanden, welcher seinerzeit über 620.000 Tote verlangt hat. Der auf der Sklavenwirtschaft aufbauende landwirtschaftlich und aristokratisch ausgerichtete Süden der USA stand gegen den zunehmend industrialisierten und kapitalistischen Norden, der auf dem moderneren Prinzip der Lohnarbeiterschaft aufbaute. Es war ein Schicksalskrieg, der letztlich zum wirtschaftlichen Ruin und politischen Niedergang der Südstaaten führte. „Unterwegs nach Cold Mountain“ zeigt den Krieg in allen Facetten: das Sterben auf dem Schlachtfeld, das Elend der Lazarette, den Überlebenskampf der Daheimgebliebenen, die menschlichen Verwerfungen. Der junge Inman (Jude Law) allerdings kann sich von Anfang an nicht dafür begeistern, an die Front zu ziehen. Der Feinfühlige hat nämlich gerade seine Zuneigung zur neu in seinen Heimatort Cold Mountain, North Carolina, gezogenen Pfarrerstochter Ada (Nicole Kidman) entdeckt. Nur einen kleinen Abschiedskuß lang währt das Liebesglück der beiden, bevor der frisch rekrutierte Inman zur Front marschieren muß. So bleiben ihm nur eine wohlgehütete Fotografie und einige Briefe Adas, die ihm Kraft zum Überleben geben, während er im schmutzigen Schützengraben liegt, die besten Kameraden sterben sehen muß, schließlich verwundet wird und in einem Lazarett dahinvegetiert. Als es ihm bessergeht, faßt er den Entschluß zu desertieren. Dreihundert Meilen sind zurückzulegen, zu Fuß, durch Wälder, Sümpfe, Ortschaften eines einst wohlhabenden Landes, das unter den Wunden des Krieges leidet. Er begegnet einer Kräuterfrau mit großem Herz, einem intriganten Hinterwäldler, versprengten Gruppen von Sklaven, Nord- und Südstaatlern sowie einer einsamen Witwe mit ihrem kranken Säugling. Doch auch die im Pfarrhaus zurückgebliebene Ada hat mit der Unbill der Zeit zu kämpfen. Nach dem Tod des Vaters kapituliert die belesene und zarte Großstädterin beinahe vor dem rauhen Landleben. Ohne Geld und ohne landwirtschaftliche Erfahrung ernährt sie sich von der Güte ihrer Nachbarn und etwas rohem Gemüse. Erst als die naturverbundene Ruby (Renée Zellweger), ein schlichtes Gemüt mit praktischen Fähigkeiten, auftaucht und ihr Hilfe anbietet, gelingt es Ada, die väterliche Farm wieder etwas herzurichten. Langsam entwickelt sie sich zu einer selbstbewußten Frau, die für ihren Lebensunterhalt aufkommen kann. Zugleich sehnt sie sich nach Inmans Rückkehr, denn das Dasein der Daheimgebliebenen gleicht durch den totalen Kriegseinsatz einer Hölle. In Cold Mountain hat der – historisch belegte – Teague (Ray Winstone) mit seinem Handlanger Bosie (Charlie Hunnam) das blutige Regime übernommen. Heimwehren, sogenannte Bürgermilizen sorgen nicht nur für die Verhinderung von Chaos in den Ortschaften und die Abwehr von plündernden „Bush-wacker“-Banden, sondern terrorisieren auch die restliche Bevölkerung. Morde und Folterungen gehören zum Beiwerk dieser marodierenden Milizen. Minghellas Film bewegt sich hinsichtlich seiner Ausstattung, den Kostümen mit Originalstoffen und Bauten sehr nah an der historischen Wirklichkeit. Zudem zeigt er eindrucksvolle Aufnahmen einer fast unberührten und menschenleeren Landschaft. Gedreht wurde in den rumänischen Karpatenund an verschiedenen Orten in den amerikanischen Südstaaten, wo das Team auch Originalgebäude aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg nutzen konnte. Das glaubhafte Schauspiel ist nicht zuletzt das Verdienst einer ausgezeichneten Besetzung, die neben den hervorragend agierenden Hauptdarstellern selbst für die kleineren Rollen bekannte Namen engagieren konnte. Man begegnet zum Beispiel Donald Sutherland als altem Reverend Monroe, der wie immer bezaubernden Natalie Portman als Witwe Sara oder Cillian Murphy („28 Days Later“) als Nordstaaten-Soldat. Freimütig bekennt Regisseur Minghella: „Schließlich ist das ein Film über Menschen in verzweifelter Situation, während harter Zeiten und geistiger Umwälzungen. Für mich ist es aber auch eine Geschichte über das Leben, über die Gründe zu leben und darüber, daß Liebe das ultimative Ziel im Leben ist.“ Der Regisseur hat – das bleibt noch anzufügen – über all das einen Historienfilm der Extraklasse geschaffen, einen Augenschmaus voller Herz und Tragik. Foto: Inman (Jude Law): Für den Krieg kann der frisch Verliebte sich von Anfang an nicht begeistern

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