Joachim Kuhs

 

Harte Strafe für Schlamperei

Blättert man in der zweimonatlich erscheinenden Zeitschrift des Verbandes deutscher Soldaten e. V. (VdS) Soldat im Volk, hier in der Nummer 1/2004, dann trifft man vor allem auf Mitteilungen aus den Landesverbänden. So wird berichtet, daß die alten Soldaten an einer Fahrt zu den Gräbern Gefallener teilgenommen haben, was sie auf dem Internationalen Sicherheitspolitischen Kongreß des Reservistenverbandes erlebt haben, wie die überall im Lande durchgeführten Weihnachtsfeiern verlaufen sind. Man traf sich zu Kaffee-Nachmittagen, wohl auch zum Grünkohl-Essen, aber auch bei der Gedenkstunde zum Volkstrauertag, sammelte 65 LKW-Ladungen mit Bekleidung und Lebensmitteln für notleidende Menschen in der Ukraine. Verdiente Mitglieder wurden mit Ehrennadeln versehen, die Frauengruppe erbaute sich an Versen von Friedrich von Logau. Ein längerer Aufsatz befaßt sich mit den „Deutsch-russischen Wechselbeziehungen im Laufe der Jahrhunderte“, ein anderer mit der Absicht einer Gemeinde, ein Gefallenen-Ehrenmal abzureißen, ein dritter mit dem Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche. Sozialfragen werden besprochen, eine Reportage informiert über das Griffekloppen des Drill-Teams der 5. Kompanie des Wachbataillons. Im Sinne der politischen Korrektheit schildert ein Autor „den ersten Genozid im 20. Jahrhundert“, den angeblich die Deutschen an den Herero begangen haben sollen. Das alles ist politisch extrem harmlos. Niemand käme auf die Idee, im Verband deutscher Soldaten, 1951 gegründet und seit Bestehen der Bundeswehr in enger Beziehung zu deren Einheiten, um die Wehrbereitschaft zu fördern, einen Hort rechtsextremistischer Umtriebe zu sehen. Doch als genau das hat ihn der Verteidigungsminister entlarvt. Die Redakteure fielen aus allen Wolken Soeben teilte er dem Verband deutscher Soldaten mit, er habe angeordnet, daß die Bundeswehr mit dem VdS ab sofort in keiner Weise mehr zusammenarbeiten darf. „Mit sofortiger Wirkung werden alle dienstlichen Kontakte der Bundeswehr zum VdS und seinen Unterorganisationen eingestellt.“ Ursache sei die mangelhafte Kontrolle der Zeitschrift des VdS durch den jüngst verstorbenen Vorsitzenden des Verbandes, einen höheren Bundeswehroffizier. Dadurch sei es möglich gewesen, daß vor einem halben Jahr in Soldat im Volk ein Aufsatz über den deutsch-sowjetischen Krieg erschienen sei von einem Autor namens Richard Tedor – der offenbar stellvertretender Vorsitzender der Nationalsozialistischen Partei Amerikas ist. Die VdS-Redakteure fielen aus allen Wolken. Sie wußten nicht einmal, daß es eine solche Partei gab. Der Beitrag aus einer US-amerikanischen Zeitschrift war ihnen von einem Vereinsmitglied in deutscher Übersetzung angeboten worden und enthielt keinerlei Andeutungen „antisemitischer und/oder geschichtsverfälschender Ziele“, wie sie das Verteidigungsministerium dem Verfasser unterstellt. Natürlich bleibt die Frage im Raum stehen, weshalb die Identität des Autors nicht seitens der Blattverantwortlichen von Soldat im Volk wenigstens überprüft wurde. Der VdS scheint ratlos zu sein. Er ist in eine schwierige Lage geraten, weil viele seiner Regionalverbände seit Jahrzehnten freundschaftliche Kontakte zu den jeweiligen Bundeswehreinheiten pflegen, gelegentlich auch Räumlichkeiten in Kasernen nutzen. Das muß nun von einem Tag zum anderen aufhören. Kommandeure haben bereits ihren Soldaten „empfohlen“, ihre Mitgliedschaft im Verband deutscher Soldaten aufzukündigen.

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